bedeckt München

Design aus Deutschland:Entscheidend sei, dass Design und Kreativität made in Germany seien

Dieser Jemand ist nun sie selbst. Sharon Berkal bettet die Produkte auf hausglanz.com in einen magazinartigen Rahmen ein, sie führt Interviews mit Designern und Firmeninhabern. Im Gespräch mit den Modedesignern Jörg Ehrlich und Otto Drögsler, die vor zwei Jahren die Kreativdirektion bei der Meissener Porzellan-Manufaktur übernommen haben, geht es zum Beispiel um "das Gefühl, dass die Wertschätzung für diese Art von kreativem Erbe in Deutschland sehr verhalten ist". Wobei die Designer meinen, dass die Wertschätzung für Porzellan durchaus schon vorhanden sei, "aber leider gleichzeitig auch die Meinung, das es etwas Altbackenes ist".

Sicher könnte man sich fragen, ob es, wenn man nun das Vorurteil der Altbackenheit loswerden und so auch eine jüngere Zielgruppe erreichen will, ausgerechnet so schlau ist, die deutsche Herkunft stärker zu betonen. Aber wer mit positiv gewendetem, ästhetischem Nationaldenken wenig anfangen kann, der könnte sich ja stattdessen auf den Gedanken konzentrieren, dass in Zeiten der Klimakrise nachhaltiger Konsum gefordert ist, ein deutlich kleinerer ökologischer Fußabdruck.

"Buy local" ist eines der Schlagworte der Zeit, gemeint ist: Am besten kauft man keine Produkte mehr, die, bevor der Versandbote sie vor der Haustür abwirft, schon dreimal um die Welt geschifft worden und immer noch verdächtig billig sind. Zwar müssen Produkte, die Sharon Berkal ins Sortiment nimmt, nicht unbedingt in Deutschland hergestellt sein. "Das wäre päpstlicher als der Papst. Chanel und Co. stellen auch in Rumänien her, und trotzdem sind es französische Marken", sagt sie. Entscheidend sei für sie, dass das Design und die Kreativität made in Germany seien. Dennoch sind die meisten Produkte im Haus-Glanz-Shop auch in Deutschland hergestellt. Die Vasen aus der "Ritz"-Serie der legendären Keramikdesignerin Hedwig Bollhagen (1907-2001), immer noch handgefertigt im brandenburgischen Marwitz. Die mit klarer Linie designten Vor Shoes aus München, sozusagen die Bauhaus-Version von Sneakers: handgenäht in Deutschland.

Initiatorin und Sortimentgestalterin: Sharon Berkal

Die Idee wäre noch ausbaufähig. Könnte aus dem virtuellen Haus Glanz, wenn genügend Kundinnen und Kunden mitmachen, irgendwann ein richtiges Haus werden? Berkal hat diesbezüglich keine aktuellen Pläne, aber wenn sie der Fantasie freien Lauf lässt, denkt sie "an den Postdamer Platz im Jahr 1922. Es wäre ein bisschen Neue Sachlichkeit mit reingemischt, die Materialien wären sehr fein, mit geraderen Linien oder mit leichtem Schwung drin." Es gäbe ein Restaurant, mit moderner deutscher Küche, und es würden auch Lesungen und Ausstellungen stattfinden. Und: Es gäbe, so wie im Haus Glanz online, keinen Sale. Denn das ist Berkal auch wichtig: "Heute gibt es ja diesen Druck, ein Produkt schnell zu kaufen, weil man Angst hat, dass es sonst gleich schon wieder weg ist."

Designklassiker gehören nicht in den Ausverkauf, davon ist Berkal fest überzeugt. Sie sind ja Klassiker, weil es sie immer gibt, das heißt: Sie sind auch noch da, wenn man schon zum dritten und vierten Mal wiederkommt und immer noch überlegt. Ob man sich das leisten kann, zum Beispiel. Haus Glanz, geboren im hyperbeschleunigten Raum des Internets, ist so gesehen auch ein Ort der Entschleunigung.

Wobei: Berkal könnte sich auch einen Souvenirshop im Frankfurter Flughafen vorstellen. Da würde man sich schon schnell entscheiden müssen, im Vorbeigehen quasi. Denn warum sollte "die internationale Klientel", die nach dem Germany-Trip wieder in sämtliche Himmelsrichtungen nach Hause fliegt, immer nur blöden Nippes mitnehmen, der sowieso gleich in der Tonne landet? "Die wollen ja vielleicht auch mal eine Vase von KPM und nicht immer nur das Ampelmännchen", sagt Berkal. Wie sich an Deutschland erinnern? Die Antwort würde hier eben lauten: nur mit schönen Dingen.

© SZ vom 19.10.2019/mkoh
Zur SZ-Startseite
Designer 3er

SZ PlusSZ-MagazinWohnen und Design
:Ihr liebstes Stück

Eine Pfadfinder-Wasserflasche, ein Baseball-Stuhl oder ein legendärer Ventilator: Bekannte ­Designer und Architekten wie Gesa Hansen, Matteo Thun oder Martino Gamper zeigen uns ihre liebsten Vintage-Objekte.

Lesen Sie mehr zum Thema