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Dem Geheimnis auf der Spur:Immer nur lächeln

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Leonardo konnte Figuren wie der Mona Lisa eine Nähe in den Blick legen wie kein anderer Maler.

(Foto: IAM/akg-images)

Eine apokalyptische Landschaft im Hintergrund, eine Frau mit zwei verschiedenen Gesichtsausdrücken: Leonardo da Vincis "Mona Lisa" bleibt auch nach 500 Jahren ein rätselhaftes Gemälde.

Von Gottfried Knapp

Wenn man in einem der monumentalen Leonardo-da-Vinci-Bildbände, die heute zur Verfügung stehen, der maßlos vergrößerten "Mona Lisa" unverschämt direkt in die Augen blickt, dann glaubt man zu begreifen, warum die abgebildete Dame ihr berühmtes ironisches Lächeln aufgesetzt hat: Sie muss einfach schmunzeln über die Unzahl sich widersprechender Mythen, die im Lauf der Jahrhunderte aus ihrem Gesicht herausgelesen worden sind; sie macht sich lustig über die vielen ehrgeizigen Versuche, die unternommen worden sind, um ihre Erscheinung mit historischen Figuren gleichzusetzen.

In Deutschland hat sich jene Deutung des Bildes am ehesten durchgesetzt, die den international gebräuchlichen Titel "Mona Lisa" mit der in Italien üblichen Bezeichnung "La Gioconda" kurzschließt. Giorgio Vasari, der Urvater der Kunstgeschichtsschreibung, hat in seinem grundlegenden Werk über die Künstler Italiens behauptet, dass Leonardo da Vinci um 1503 im Auftrag des florentinischen Seidenhändlers Francesco del Giocondo ein Porträt von dessen Gattin Lisa angefertigt habe. Wie viele andere bildnerische Werke Leonardos sei dieses Bild nie vollendet worden, ja der Künstler habe es lebenslang nicht aus der Hand gegeben.

König Franz I. und Napoleon haben die "Mona Lisa" in ihrem Schlafzimmer aufgehängt

Diese Anekdote wird, nach Meinung einiger Forscher, schlüssig verlängert durch die Tatsache, dass sich unter den Werken, die Leonardo 1519 im Exil in Frankreich hinterlassen hat, auch ein von ihm gemaltes Porträt einer Frau befunden habe. Da dieses Gemälde vom großen Gönner des Künstlers, dem französischen König Franz I., direkt aus dem Nachlass gekauft und als bewundertes Hauptstück der königlichen Sammlungen von Schloss zu Schloss weitergereicht worden ist - die Reihe der Ausstellungsorte lässt sich von Amboise lückenlos bis in den Louvre verfolgen -, wissen wir zwar mit einiger Sicherheit, wer das Bild gemalt hat, dessentwegen jährlich Millionen Menschen in den Louvre strömen, doch ob die darauf abgebildete Person wirklich, wie man nach Vasari vermuten könnte, die Frau des Florentiner Kaufmanns del Giocondo ist, bleibt zweifelhaft. Denn Ehefrauen wurden damals, zumal wenn der Gatte das Bild bestellt hatte, stets mit Ehering porträtiert. Das Rätselwesen auf dem Bild trägt aber keinen Ring - und auch sonst nichts, was seine Zugehörigkeit zu einer Florentiner Familie beweisen könnte.

Ein Riesenrätsel gibt auch die fast apokalyptisch karge Landschaft im Hintergrund auf: Warum sollte der naturanalytisch grübelnde Bilderdenker Leonardo ausgerechnet eine völlig unbekannte Florentiner Kaufmannsgattin vor eine kosmisch sich weitende Fantasielandschaft setzen, die an Komplexität und Ausdruckskraft alles übertrifft, was der Meister sonst an erdgeschichtlichen Visionen ersonnen hat. Durch diese Weltlandschaft wird die abgebildete Person weit aus der Alltagsrealität herausgehoben.

Aus diesem Grund sind immer wieder markante Persönlichkeiten der Hochrenaissance als mögliche Verkörperungen der "Mona Lisa" vorgeschlagen worden. Zwei dieser in die Diskussion gebrachten Figuren - Isabella von Aragón und Caterina Sforza - hatten enge Beziehungen zum Hof von Mailand, für den Leonardo von 1482 bis 1499 gearbeitet hat. Von einer dritten Dame - Isabella d'Este - ist bekannt, dass sie den Meister, der sie in einer Zeichnung schon einmal porträtiert hatte, in Briefen jahrelang um ein Ölporträt gebeten hat. Manche Forscher glauben, dieses in Mantua ersehnte Porträt im Louvre entdeckt zu haben. Andere erregen mit der Behauptung Aufsehen, dass der homosexuell veranlagte Leonardo in diesem schwer deutbaren Bildnis seinen Schüler und Geliebten Andrea Salaino oder gar sich selber dargestellt habe.

Ernst zu nehmen ist vor allem eine vor wenigen Jahren veröffentlichte These. Sie besagt: Das Gemälde, das in Italien den Titel "La Gioconda" (die Heitere, die Tröstende) trägt, ist von Giuliano de Medici als Idealporträt seiner kurz vorher verstorbenen Geliebten Pacifica Brandani in Auftrag gegeben worden. Es war als Trostbild für den mit Brandani gezeugten Sohn Ippolito bestimmt, der keine Erinnerung an seine früh verstorbene schöne Mutter haben konnte. Leonardo hat dieses für den unehelich geborenen Sohn und einzigen Erben bestimmte Werk nie ganz vollendet.

Die Umstände, die zur Erfindung der "Mona Lisa" geführt haben, mögen damit geklärt sein, doch das Geheimnis, das von der so entstandenen Kunstfigur, von ihrem ganz widersprüchlich gedeuteten Gesichtsausdruck, von ihrer einstigen Position zwischen zwei Säulen und von der Landschaft im Hintergrund ausgeht, wird durch die mögliche Klärung der Ursprungsidee eher noch verwirrender. Man kann dieses sich verrätselnde Porträt also für ziemlich überschätzt halten, man kann aber auch seinem Zauber erliegen - wie etwa Napoleon, der es aus dem Louvre entwenden und höchst intim in seinem Schlafzimmer aufhängen ließ. Oder wie der italienische Handwerker Vincenzo Peruggia, der sich 1911 im Louvre einschließen ließ: Er hat das Bild bei Nacht aus dem Rahmen gekippt und am nächsten Morgen im Mantel davongetragen. In Italien wurde er mit seiner Beute begeistert begrüßt. Es dauerte fast drei Jahre bis das Werk nach Paris zurückgegeben wurde.

Dass so viele Künstler der Moderne von dieser Rätselikone fasziniert waren, hängt wohl auch mit den subtilen Unvollkommenheiten zusammen, die in dieses mit Licht und Schatten so sinnlich weich modellierte Gesicht hineinkomponiert worden sind. Warum widersprechen sich die beiden Gesichtshälften in ihrem Ausdruck so deutlich? Warum dieser Silberblick? Und warum hat die abgebildete Frau keine Augenbrauen?

© SZ vom 24.12.2015
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