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Dem Geheimnis auf der Spur:Ford in der Sackgasse

Avec Fordlandia, Henri Ford avait pour objectif de creer la plus grande plantation de caoutchouc au monde et il a depense des fortunes pour importer 'l'American way of life' au milieu de la jungle. En 10 ans, tous les heveas seront decimes par un champign

Der Regenwald als Suburb-Traum: Die Häuser der Vorarbeiter sollten so komfortabel sein wie in den USA.

(Foto: Pauline Daniel/Picturetank/Agentur Focus)

Die Retortenstadt Fordlandia im brasilianischen Urwald sollte im Jahr 1928 Kautschuk für die Wagen des Autoherstellers liefern - doch der kühne Plan wurde zum Desaster.

Henry Ford war ein Mann mit Visionen. 1863 auf einer Farm in Michigan geboren, gründete er mit über 40 Jahren die Ford Motor Company in Detroit, mit 45 brachte er seinen legendären Ford T heraus, mit 50 installierte er Montagebänder in seinen Fabriken. 1921, mit fast 60 Jahren, beherrschte er die Hälfte des amerikanischen Automarktes.

Zu dieser Zeit nahm Ford sich vor, die "Magie des weißen Mannes" in die brasilianische Wildnis zu tragen, wie die Washington Post schrieb. Im Amazonasgebiet wollte er eine Kautschukplantage anlegen, um autark Reifen, Scheibenwischer und Fußmatten für seine Automobile zu produzieren. Für die Arbeiter plante er eine amerikanische Kleinstadt im Dschungel, die seinen Namen trug: Fordlandia. Im Brasilianischen: Fordlaandjee-ah. Mit elektrischem Licht, Telefon und Kühlschränken. Es sollte einen Golfplatz geben, Tennisplätze, Pools, und der deutschstämmige Architekt Albert Kahn entwarf ein Hundert-Betten-Hospital.

Der Dschungel wurde mit Kerosin niedergebrannt, mehr als 30 Meter hoch loderte das Feuer

"Fordismo" schien wie eine Antithese zu dem, was Brasilien war, und ein Modell dessen, was es sein wollte. Ford war der "Moses des 20. Jahrhunderts", der Amazonien zum gelobten Land machen würde, der "Jesus Christus der Industrie". 1928 begannen etwa 3000 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro die Arbeiten. Gerüchte kursierten, Ford würde eine Eisenbahnlinie und neue Straßen bauen, um so den Amazonas mit dem Atlantik zu verbinden.

Der Dschungel wurde mit Kerosin niedergebrannt, über 30 Meter hoch schlugen die Flammen empor. Tukane, Affen und Papageien stürzten tot von den Bäumen. Zunächst gab es keine sanitären Anlagen, dafür überall Müll, Millionen Fliegen, Abwasser, das die Straßen hinablief, 30 Männer von 104 krank, die Malaria grassierte.

Chaos und Missmanagement behinderten das ambitionierte Projekt von der ersten Stunde an. Trotzdem lebten bald etwa 5000 Menschen in Fordlandia. Man pflanzte die Kautschuk-Setzlinge zu Beginn der Trockenheit, einer ungünstigen Zeit. Gerodet wurde dagegen in der Regenzeit, was auch nicht funktionierte, weil alles im Schlamm versank.

Anfang 1929 hatte Ford bereits über eine Million Dollar in das Projekt investiert. Doch seine Reputation schwand. Schon schrieben die Zeitungen vom Müllhaufen der Zivilisation, vor dem Amazonien bewahrt werden müsse. Die Einwohner in Rio, damals Brasiliens politische und kulturelle Hauptstadt, die Fords Bücher und Interviews begeistert gelesen hatten, wunderten sich über das, was sie aus Fordlandia hörten: verpasste Chancen, wilde Partys, Trunkenheit und Gewalt.

Alles schien schiefzugehen, doch Ende 1930 hatte sich die Situation stabilisiert. Fordlandia ging in sein drittes Jahr. Aufseher kontrollierten, ob die Latrinen sauber und die Lebensmittel hygienisch gelagert waren. Später kamen Bluttests dazu, Impfungen gegen Gelbfieber, Typhus, Diphtherie und Pocken, eine tägliche Chininpille und Chenopodium gegen Parasiten.

Im Dezember 1930 wurde das Wahrzeichen von Fordlandia fertiggestellt: ein 45 Meter hoher Wasserturm, der 567 000 Liter fasste. Er steht noch immer in dem 2000-Seelen-Nest, das Fordlandia heute ist. Nur die Pfeife schweigt. Damals bestimmte ihr schriller Ton den Tagesablauf. Doch 1930, zwei Tage vor Weihnachten, revoltierte die Belegschaft. Sie zog durch Fordlandia und zerschlug alles, was ihr in den Weg kam, auch die verhassten amerikanischen Stechuhren, die zum Arbeitsrhythmus im brasilianischen Urwald so gar nicht passten. "Brasilien den Brasilianern, tötet alle Amerikaner!", skandierte die Menge.

Aber das waren kleine Probleme im Vergleich zu dem, was die Natur ausbrütete: Mehltau, Käfer und Raupen stürzten sich auf die sensiblen, bis zu 30 Meter hohen Kautschukbäume. Fords Traum von Fordlandia begann sich einzutrüben, doch so leicht wollte er die Stadt, die seinen Namen trug, nicht aufgeben. Je weniger es gelang, profitabel Kautschuk anzubauen, desto mehr wurde das Projekt zu einer zivilisatorischen Mission stilisiert.

Doch 1934 gaben Fords Berater auf. Sie schlugen vor, an einem benachbarten Ort neu zu beginnen. Fordlandia blieb als eine Art botanisches Labor bestehen. Der neue Sehnsuchtsort des Kautschuks hieß nun Belterra ("schönes Land"). Dort wurde eilig ein neues Stadtzentrum errichtet. Aber die Natur unterwarf sich wieder nicht. Drei Millionen Bäume waren gepflanzt worden. Doch der Mehltaubefall nahm epidemische Ausmaße an. Pilze, Käfer und Raupen fraßen in der Monokultur das Laub von den kostbaren Bäumen. Raupen absammeln, Blätter säubern, Insektizide - alle Anstrengungen waren vergeblich. Der Automagnat hatte sich in ein Abenteuer gestürzt und dabei nicht erkannt, was Werner Herzog viel später bei den Dreharbeiten für seinen Film "Fitzcarraldo" über diesen Ort sagte: "Wir fordern die Natur heraus und sie schlägt zurück. Sie schlägt einfach zurück. Das ist alles."

Trotzdem erwirtschaftete Belterra 1942 etwa 750 Tonnen Latex. Ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der kriegsbedingt hohen Nachfrage. Doch aus Fordlandia wurde niemals Latex exportiert. Nicht eine einzige Ladung. Und niemals hat Ford selbst die weite Reise von Detroit zum Amazonas gewagt. 1945 übernahm sein Enkel die Ford Motor Company - der Firmengründer war inzwischen 82 Jahre alt - und gab Fordlandia und Belterra für 244 200 Dollar an den brasilianischen Staat zurück. Das Abenteuer im Urwald war endgültig gescheitert.

Heute grasen vor allem Kühe auf den Hügeln Fordlandias. Eine Ironie des Schicksals, denn Henry Ford hasste die Tiere: "Die Kuh ist die barbarischste Maschine der Welt."