Dem Geheimnis auf der Spur:Des Königs rätselhafter Tod

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Ein Kreuz am Ufer des Starnberger Sees erinnert an die Stelle, wo der Märchenkönig umkam. (Foto: Alfred Haase)

War es Selbstmord, Mord oder doch nur ein Unfall? Die Umstände, unter denen Ludwig II. im Jahr 1886 starb, bleiben bis heute mysteriös.

Von Rudolf Neumaier

Ziemlich makaber, was bisweilen im Internet erörtert wird, noch dazu auf Seiten, die sich eher lebens- als todespraktischen Dingen zuwenden. Ob man sich in einem See ertränken könne, will einer auf gutefrage.net wissen. Die gilt als hilfreich für Fragen wie "Hat meine Beziehung auf Dauer eine Chance?" und für die Lösung von Computer-Problemen, das Thema Suizid im See wirkt da recht ausgefallen. Entsprechend unbedarft fallen die Antworten aus. Nein, ja, jein, hm ja. Bei dieser Frage landet aber am Ende jeder, der sich mit dem Tod von König Ludwig II. beschäftigt. Kann es Selbstmord gewesen sein? Ein Unfall? Mord? Auf den Tag genau seit 129 Jahren ist das eine gute Frage.

Am Abend des 13. Juni 1886 kam Ludwig II. in Berg am Ufer des Starnberger Sees ums Leben. Mit ihm starb jener Psychiater, der ihn für verrückt erklärt hatte, Dr. Bernhard von Gudden. Dieser Kriminalfall beschäftigt bis heute Historiker, Psychiater, Kriminologen und Rechtsmediziner. Und angesichts der Fülle an Theorien kann man sich nur wundern, dass nicht auch schon Ufo-Forscher und andere Philosophen Studien über die Vorgänge in Schloss Berg angestellt haben.

Amerikanische Touristen wollen die Bauwerke des "Mad King", des verrückten Königs, sehen, wenn sie Bayern besuchen. In Europa hat diese durch und durch rätselhafte Gestalt eine Apotheose zum Märchenkönig erfahren. Da passt es schwer ins Bild, dass er Gudden und anschließend sich selbst getötet hat.

Schon früh schossen wilde Spekulationen um die Vorgänge des 13. Juni ins Kraut. Sie fußten auf der Vorgeschichte: Ludwig war soeben als König abgesetzt worden. Seine Minister ließen ihn für unmündig erklären, weil Ludwig immer sonderbarer wurde, immer unzugänglicher - und weil die Ausgaben für seine Baufantasien vollkommen außer Kontrolle gerieten. Dr. Gudden lieferte das Attest zur Absetzung. Sein Urteil: "In sehr weit fortgeschrittenem Grade seelengestört. Psychose. Unheilbar." Schloss Berg war als Ludwigs Verwahranstalt ausersehen.

Es regnete am Abend des 13. Juni, als sich der 40 Jahre alte Patient Ludwig und Gudden, 62, aufmachten zu einem Spaziergang. Der entmündigte Monarch hatte am Nachmittag gut gespeist sowie einige Gläser Wein und Schnaps getrunken. Es war noch hell. Gudden wies die Pfleger an, sie sollten im Schloss bleiben. Eine vollkommen unverantwortliche Entscheidung angesichts des Geisteszustandes, den er bei Ludwig diagnostiziert hatte. Zudem konnten hinter jedem Strauch treue Anhänger des Königs lauern, um ihn zu befreien. Mit Begleitpersonal wäre es zu diesem Unglück niemals gekommen - so aber kamen nach dem Unglück gleich Gerüchte auf, Gudden habe die Wärter zurückgepfiffen, weil er an einem Mordkomplott gegen das bayerische Staatsoberhaupt beteiligt gewesen sei.

Als der Tod des Monarchen bekannt wurde, stand München kurz vor einem Bürgerkrieg

Das Volk vertonte die Schimären flugs in Volksliedern: "Nach Schloss Berg ham s' dich geführet in der letzten Lebensnacht. / Da wurdest du zum Tod verurteilt noch in derselben grauen Nacht", heißt es im Neuschwansteinlied. "Der Doktor Gudden und der Bismarck, deren Namen jeder kennt, haben ihn in See neigstessn, indem s' ihn von hinten angerennt." In anderen Textversionen ist von Auftragsmeuchelmördern die Rede. Das subversive Lied wurde verboten, es verbreitete sich trotzdem - und mit ihm die abstrusesten Mordgerüchte. Der preußische Geheimdienst habe Ludwig hinterrücks erschossen. Und Gudden gleich mit, damit es keinen Zeugen mehr gebe.

Zeitzeugen wie die Künstlerin Helene Raff und der preußische Legationssekretär Philipp zu Eulenburg beschreiben München als Pulverfass nach Bekanntwerden von Ludwigs Tod. Die Stadt stand vor einem Bürgerkrieg. "Wahrhaftig", schrieb Eulenburg, "ein Shakespeare hätte keinen groteskeren, schauerlicheren Abschluß für ein Königsdrama in seiner Dichterphantasie erfinden können."

Eine sowohl ausführliche als auch überaus plausible Fall-Rekonstruktion lieferte zum 100. Todestag Ludwigs der Münchner Staatsanwalt Wilhelm Wöbking in einem Wälzer von mehr als 400 Seiten. Demnach entkam Ludwig seinem Begleiter und wollte sich in den See stürzen. Gudden habe versucht, den lebensmüden König vom Selbstmord abzuhalten. Ein abgebrochener Fingernagel und ein blauer Fleck an der Stirn von Guddens Leiche zeugen von einem Kampf.

Der Jurist Wöbking verwendet gern die Wendungen "mit Sicherheit" und "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit". Immerhin für "äußerst wahrscheinlich" hält er, dass der "zu aggressiven Handlungen gegen sich und andere neigende König" Gudden tötete und danach den Freitod suchte. Dass ein abgesetzter Monarch der Schmach durch Selbstmord entrinnt, klingt nicht abwegig - noch dazu bei einem autokratischen Sensibelchen, wie Ludwig es war. Doch genau hier kommt wieder die Frage auf, an der alle Ludwigologen verzweifeln: Wie kann man im Uferbereich eines Sees ertrinken, noch dazu als 1,93 Meter großer und kräftiger Mann, der als guter Schwimmer gilt? Traf Ludwig der Schlag? War's ein Herzanfall? Eine Kolik? "Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen", schrieb Ludwig einmal. Das trifft auch auf seinen Tod zu.

Seine Uhr blieb um 18.54 Uhr stehen. Als etwa drei Stunden später die Leichen gefunden wurden, war bereits die Totenstarre eingetreten.

© SZ vom 13.06.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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