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Dem Geheimnis auf der Spur:Der Zodiac-Killer

Der Serienmörder hatte es auf junge Paare aus San Francisco abgesehen und hielt mit verschlüsselten Botschaften die Öffentlichkeit in Atem.

Von Nicolas Freund

Der 1. August 1969, Vormittagskonferenz beim San Francisco Chronicle. An diesem Morgen erreicht die Redaktion ein Brief, in dem der anonyme Autor die Verantwortung für den Mord an den Teenagern Betty Lou Jensen und David Faraday im vergangenen Dezember sowie an der Kellnerin Darlene Ferrin am 4. Juli übernimmt. Alle drei waren erschossen worden. Das Schreiben offenbart Täterwissen, die Polizei hält es für echt. Der Brief enthält auch ein Rätsel: 8 mal 17 Zeichen, Buchstaben, Ziffern, Morsecode und astrologische Symbole wild gemischt. Zwei ähnliche Briefe und zwei weitere Rätsel erreichen auch den San Francisco Examiner und den Vallejo Times-Herald. Der Killer fordert, die seltsamen Zeichen abzudrucken, oder er werde am Wochenende Amok laufen. Außerdem sei seine Identität in dem Code versteckt.

Die Zeitungen entschließen sich, der Forderung nachzukommen. Chronicle und Times-Herald drucken ihre Rätsel in der Samstagsausgabe, der Examiner alle drei am Sonntag. Zu diesem Zeitpunkt hat die Polizei bereits die NSA und die CIA um Hilfe bei der Dechiffrierung gebeten. Die Geheimdienste werden den Code über das Wochenende aber nicht lösen, sondern ein Lehrer-Ehepaar, das den Sonntag am Küchentisch mit dem Rätsel aus der Zeitung verbringt. Am Montag melden sie sich mit ihrer Lösung beim Chronicle. Nur eine Zeile ließ sich mit der Methode des Paares nicht übersetzen und bleibt bis heute ungelöst. Der Rest des Textes ist ein kruder Wortschwall voller Rechtschreibfehler, in dem der Killer erklärt, wie gerne er tötet. Aber kein Hinweis auf seine Identität.

Zehn Jahre lang verbreitet der Mörder mit Drohbriefen Angst bei Journalisten und Polizisten

Es folgt am 7. August ein weiterer Brief an den Vallejo Times-Herald, in dem der Täter detailliert seine Morde beschreibt und sich selbst das erste Mal "Zodiac" nennt, Englisch für Tierkreis. Als Unterschrift setzt er ab sofort einen durchgekreuzten Kreis unter jedes Schreiben.

Die Polizei von San Francisco hat indessen viele Anhaltspunkte, aber noch keine heiße Spur. Michael "Mike" Mageau, der mit Darlene Ferrin am 4. Juli unterwegs war, hat den Angriff des Killers schwer verletzt überlebt, kann den Schützen aber nur vage als eher jungen, kräftigen Mann in einem hellen Auto beschreiben. Bisher kommt als Täter noch fast jeder in Frage.

Zodiac Killer Cryptogram

Der ungewöhnliche Code, den der Zodiac am 8. November 1969 an den San Francisco Chronicle geschickt hat und der bis heute nicht geknackt wurde.

(Foto: The Chronicle/San Francisco/Corbis)

Nach einigen Wochen ohne eine neue Nachricht kommt es Ende September zum bizarrsten Auftritt des Zodiac: Mit einer Art Henkersmaske verkleidet überfällt er das Studentenpaar Cecelia Ann Shepard und Bryan Hartnell am Lake Berryessa. Wie durch ein Wunder überleben beide zuerst den Messerangriff. Cecelia stirbt zwei Tage später im Krankenhaus an ihren Verletzungen, aber Bryan kann die Beschreibung eines kräftigen oder sehr dicken Mannes bestätigen.

Für die Polizei, bei der zeitweise 40 Beamte an dem Fall arbeiten, bieten die Gemeinsamkeiten der Morde neue Anhaltspunkte: Der Zodiac schlägt immer abends oder nachts und am Wochenende zu. Immer sind Autos und Wasser in der Nähe des Tatorts. Als Opfer bevorzugt er junge Paare. Aber der nächste Mord nur zwei Wochen später unterläuft dieses Muster: Der Taxifahrer Paul Stine wird in seinem Wagen erschossen, Teenager beobachten dabei einen großen, dunkel gekleideten Mann. Die sofortige Fahndung führt aber zu nichts, auch, weil im Polizeifunk fälschlicherweise aus dem schwarz gekleideten Mann ein schwarzer Mann wurde.

In den nächsten Briefen an den Chronicle legt Zodiac Teile der blutigen Kleidung Stines bei, um sich als Täter auszuweisen. Dieser Mord ist der letzte, der sich zweifelsfrei dem Serienmörder zuschreiben lässt. Am 8. November verschickt er ein weiteres Rätsel mit den seltsamen Symbolen, das bis heute ungelöst ist (siehe Bild).

In den nächsten zehn Jahren sorgt Zodiac immer wieder durch Briefe mit Drohungen an Journalisten, Polizisten und Schulkinder für Angst. Immer wieder behauptet der Killer, erneut getötet zu haben. Die Polizei kann aber keinen der vielen Morde in der Bay Area mit ihm in Verbindung bringen. 2500 Verdächtige werden überprüft, ohne Ergebnis.

Der Fall ist schon in den 70er-Jahren Teil der Popkultur geworden. Die "Dirty Harry"-Filme sind inspiriert von den Ermittlungen der Polizei im Zodiac-Fall. Der Journalist Robert Graysmith, der beim Chronicle arbeitete, als die Briefe des Zodiac eintrafen, hat mehrere Bücher über den Serienmörder geschrieben, in denen er alle verfügbaren Fakten zusammengetragen hat.

Inzwischen hat das Internet einen ganz neuen Verdächtigen gefunden: den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz. Der war zwar noch nicht geboren, als die Morde begangen wurden, aber das hält die Netzgemeinde nicht auf, denn wer anscheinend kaltblütig Menschen ermordet, wird auch vor der Fälschung seiner Geburtsurkunde nicht zurückschrecken, so eines der ironischen Argumente.

In Youtube-Videos werden so wilde Verbindungen zwischen Cruz und dem Zodiac konstruiert. Laut einer Umfrage der Agentur Public Policy Polling sollen es inzwischen 38 Prozent der Wähler in Florida für möglich halten, dass Ted Cruz der Zodiac-Killer ist. Von Cruz' ultrakonservativer Einstellung scheint es vielen Amerikanern wohl nicht weit zum Serienmörder zu sein. Und wen würde es eigentlich überraschen, wenn neben einem Kandidaten wie Donald Trump auch ein Serienmörder als Präsidentschaftskandidat antritt?

Der nie gefasste Killer als ironischer politischer Kommentar hat so auch noch einen kleinen ermittlungstechnischen Nutzen: Wenigstens Ted Cruz kann als Zodiac mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

© SZ vom 16.04.2016
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