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Dem Geheimnis auf der Spur:Der Unvollendete

Eine der berühmtesten Statuen der Antike: der Torso im Belvedere-Hof des Vatikan.

(Foto: Leon Neal/AFP)

Der imposante Torso von Belvedere hat jahrhundertelang Deutungen herausgefordert. Die enorme Muskulatur legt die Assoziation zu Herkules nahe.

Anfang des 15. Jahrhunderts fand man auf einem Grundstück der Adelsfamilie der Colonna in Italien ein ungefüges Stück Marmor, 1,59 Meter hoch und 2,2 Tonnen schwer. Was ungeschlacht wirkte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als der imposante Rest der Statue eines sitzenden nackten Mannes: der muskulöse Oberkörper und Rumpf sowie die leicht gespreizten wuchtigen Oberschenkel. Kopf, Arme und Unterschenkel sind verschwunden. Der behauene Steinklotz landete zuerst in der Antikensammlung des bedeutenden Bildhauers Andrea Bregno, der offensichtlich die plastische Kraft und Qualität dieses antiken Fragments sogleich erkannte. Es gibt sogar am Sitz des Giganten eine Signatur: "Apollonius, Sohn des Nestor, aus Athen hat es gemacht", diesen muskelstrotzenden Sitzenden geschaffen. Ob es tatsächlich eine hellenistische Statue aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert oder eine römische Kopie derselben ist, konnte bisher nicht ganz zweifelsfrei geklärt werden.

Die enorme Muskulatur legt die Assoziation zu Herkules nahe

Das italienische Wort Torso meint zuerst den Kohlstrunk, überhaupt den unbrauchbaren Rest von einer Frucht. Diese anfangs gewiss spöttisch gemeinte Bezeichnung für den ausgegrabenen Rumpf veränderte rasch ihre Bedeutung zu einem ehrenhaften kunstgeschichtlichen Fachbegriff. Dieser Torso steht am Anfang und er ist der berühmteste seiner Art bis heute.

Michelangelo, so die Legende, soll ihn abgetastet, bewundert und bedauert haben, dass er nur ein, wenn auch beeindruckender, Rest sei. Als allerdings Papst Julius II. angeblich verlangte, Michelangelo solle den Torso nach allen Regeln der Kunst ergänzen, habe sich der Meister geweigert. Zu dieser Zeit war der "Strunk" längst in den Vatikan gebracht und im Belvedere-Hof aufgestellt worden. Natürlich gab es sofort Diskussionen und Deutungen, wer denn da wohl dargestellt sei. Die enorme Muskulatur legt die Assoziation Herkules nahe, wie sie schon als Erster der Kaufmann, Humanist und Antikenkenner Cyriacus von Ancona äußerte, der von 1432 bis 1434 in Rom weilte.

Immerhin sind auf dem Sockel Teile eines Fells zu sehen. Wurde Herkules nicht immer mit einem Löwenfell abgebildet als Zeichen einer seiner Heldentaten? Er hatte einst den unverwundbaren Nemeischen Löwen, weil an dessen Fell Pfeile abprallten, mit bloßen Händen erwürgt. Indem er nun das Fell des Löwen selber trug, war Herkules auch nahezu unverwundbar. Auch der Begründer der Antikenbegeisterung der Deutschen Klassik, Johann Joachim Winkelmann, folgte der Ansicht, dass es sich um Herkules handle, der hier sitze und gewissermaßen seinen Taten nachsinne als ein Mann in der Reife seiner Jahre. Andere wollten den Torso als Teil einer Skulpturengruppe sehen.

Jedenfalls wurde der Marmorklotz des Apollonius zur Attraktion. Man umkreiste ihn, vertiefte sich und diskutierte immer neue Varianten der Interpretation des rätselhaften Sitzenden. 1864 spottete daher der Goethe-Forscher Victor Hehn: "Narren, die sich ein Ansehen geben wollen, umwandeln freilich mit scheinbarem Staunen den Torso des Herkules im Vatikan, das bloße Mittelstück eines männlichen Leibes, von allen Seiten und treten vor und treten zurück - der Kluge aber lacht sie aus."

1887 schaute sich ein Naturwissenschaftler den Torso an und entdeckte, dass das Fell keineswegs von einem Löwen, sondern von einem Panther stammen müsse. Damit versetzte der Breslauer Anatom Carl Hasse der Herkules-Deutung den entscheidenden Stoß, denn der Kopf des Fells sei zu klein, einen Mähnenansatz gebe es nicht und die für Löwen typische Quaste am Schwanz fehle auch. Also war das Pantherfell nur ein Schmuckaccessoire im Gegensatz zum einzigartigen Schutzfell des Nemeischen Löwen.

Damit öffnete sich die Interpretationsspielwiese weit: Vielleicht war es der einäugige Zyklop Polyphem, der nach seiner Geliebten Galathea Ausschau hielt. Oder könnte es der Menschenerschaffer Prometheus sein? Oder der Satyr Marsyas nach seiner Niederlage im musikalischen Wettstreit mit dem Gott Apollon und kurz vor seiner fürchterlicher Bestrafung. Der Gott verfuhr mit Marsyas grausam, in dem er ihn bei lebendigem Leibe häutete. Immerhin gibt es eine antike Bohrung am unteren Rücken des Torsos, von der 1907 der polnische Archäologe Karl Hadaczek annahm, sie habe der Befestigung eines Satyrschwänzchens gedient.

Der Ansatz, den Torso anatomisch logisch zu ergänzen, führt zur bisher schlüssigsten Deutung

Doch Hasses Ansatz erwies sich letztlich als der wichtigste. Er erkundete den Torso anatomisch und konnte so die mögliche Haltung des linken Arms erschließen. Nach diesem Muster ist der Archäologe Raimund Wünsche vorgegangen, er hat in langjähriger Arbeit eine Torsokopie anatomisch logisch vervollständigt und 1998 die bisher schlüssigste Interpretation vorgelegt: Es ist der Telamonier Aias, mächtigster Held vor Troja nach Achill. Nachdem er im Wahn Schafe für Männer des Odysseus hielt und umbrachte, stürzt er sich in sein Schwert. Da sitzt also ein Mann kurz vorm Selbstmord, das Haupt auf die Hand mit dem Schwert gestützt, die Linke hält die Scheide.

Zuletzt aber gilt Winkelmanns Beschreibung der Faszination, die der Torso auch heute ausüben kann: "Der erste Anblick wird dir vielleicht nichts als einen verunstalteten Stein entdecken; vermagst du aber in die Geheimnisse der Kunst einzudringen, so wirst du ein Wunder derselben erblicken, wenn du dieses Werk mit einem ruhigen Auge betrachtest."