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Dem Geheimnis auf der Spur:Das "Wow!"-Signal

Ein starkes Signal, das Anlass für Spekulationen bot: Aufzeichnungen des „Big Ear“-Radioteleskops der Ohio State University. Der Astrophysiker R. Ehmann schrieb „Wow“ daneben.

(Foto: Big Ear Radio Observatory and North American AstroPhysical Observatory)

1977 wurde eines der stärksten Radiosignale aus dem Weltall aufgezeichnet. Zu seiner Ursache und seiner Bedeutung gibt es unzählige Theorien. War es ein Lebenszeichen?

Von Volker Bernhard

Die Sechzigerjahre waren das letzte Jahrzehnt, in dem der technische Fortschritt ungebrochen zum Heil bringenden Segen hochgejazzt wurde. Fliegende Autos, exotische Wohnlagen und umfassende Automatisierung: Das Jahr 2000 war der strahlende Fluchtpunkt einer Selbstverwirklichung der menschlichen Spezies durch ihre Technik. Astro-, Kosmo- und Taikonauten wurden zu neuen Superhelden.

Längst schon hatten die amerikanischen Siedler die Westküste erobert. Nun galt es, die Sowjetunion beim "Wettlauf zum Mond" zu besiegen und die unbekannten Weiten des Weltalls zu kolonisieren. Eine besonders schillernde Frage blieb dabei stets: Gibt es intelligente Lebensformen dort draußen?

Seit 1960 schossen SETI-Projekte (englische Abkürzung für "Suche nach extraterrestrischer Intelligenz") aus dem Boden: Mit riesigen Radioteleskopen suchte man nach Lebenszeichen inmitten unbekannter Weiten. Der Ertrag ist bisher gering, noch immer sind uns keine außerirdischen Kommunikationsbemühungen bekannt. Oder doch?

Über Jahrzehnte nämlich warf ein einziges außergewöhnliches Signal Fragen auf, die noch immer nicht geklärt sind: Am 15. August 1977, knapp drei Monate nach der Premiere des ersten "Star Wars"-Films, zeichnet das "Big Ear"-Radioteleskop der Ohio State University ein Schmalband-Radiosignal bei 1420 Megahertz auf, das mit dem Dreißigfachen der Standardabweichung signifikant stärker ist als das Hintergrundrauschen.

Die Frequenz entspricht der Wellenlänge von neutralen Wasserstoffatomen und ist die Untergrenze des "Wasserlochs", innerhalb dessen bei SETI-Projekten bevorzugt gesucht wird. Da vermutet wird, dass Außerirdische diese Frequenz nutzen könnten, hoffen Forscher so am ehesten einen Treffer zu landen.

Der Astrophysiker Jerry R. Ehman wertet die Aufzeichnungen aus und ist verblüfft, da er die Spezifika des Signals als möglichen Kommunikationsversuch einer außerirdischen Zivilisation deutet. Er kringelt auf dem Computer-Ausdruck die Zeichenreihe "6EQUJ5" und die Ziffer 7 ein und schreibt "Wow!" daneben - das geheimnisvolle Signal hat nun einen Namen. Und der Kampf um die Deutungshoheit ist eröffnet: Ist dies tatsächlich ein Lebenszeichen aus dem Weltall? Oder gibt es hierfür eine ernüchternd banale Erklärung, die den Träumern die Luft aus ihren Luftschlössern lässt?

Vier Jahrzehnte lang versuchen sich unzählige Wissenschaftler an der Lösung des Rätsels. Sicher scheint nur, dass das Signal aus dem Weltall kam, denn die gemessenen 72 Sekunden entsprechen genau der Zeitspanne, in der "Big Ear" aufgrund der Erdrotation einen Punkt am Firmament fokussieren konnte. Die unzähligen Theorien reichen vom Ausbruch eines Pulsars, also eines schnell rotierenden Neutronensterns, über Emissionen von Satelliten bis hin zu einer interstellaren Oszillation. All diese Optionen werden über die Jahre mehr oder minder abgeräumt. Im Raum bleibt somit stets die Kontaktaufnahme durch Außerirdische, und eine wachsende Zahl unkritischer SETI-Jünger trägt zur Mystifikation bei.

2016 veröffentlichen die Astronomen Antonio Paris und Evan Davis einen viel beachteten Aufsatz: Demnach kommen zwei Kometen als Erklärung in Frage, deren Eis sich beim Passieren der Sonne in Dampf auflöste. Die Folge waren Wolken aus Wasserstoffgas, die sich um den Kometen bildeten und schließlich vom "Big Ear"-Teleskop aufgezeichnet wurden. Da die noch heute ihre Bahnen ziehenden Kometen erst 2006 und 2008 entdeckt wurden, konnten sie lange nicht als Ursache in Betracht gezogen werden.

Am 25. Januar 2017 quert der Komet "266P/ Christensen" erneut jenen Himmelsabschnitt, aus dem das Wow!-Signal kam. Antonio Paris und sein Team richten ein Zehnmeter-Radioteleskop auf den Kometen. Tatsächlich messen sie ähnliche Signale. Dass diese erheblich schwächer sind, scheint kaum verwunderlich, da der Komet in den letzten 40 Jahren arg geschrumpft ist. Zudem ist das benutzte Radioteleskop deutlich kleiner und leistungsschwächer als "Big Ear". Für viele Medien scheint das Mysterium endlich gelöst.

Doch diverse Experten äußern Zweifel: Paris' Studie strotze vor Fehlern. Es sei fraglich, ob durch Kometen tatsächlich genug Wasserstoffgas freigesetzt werden könne, um ein so starkes Signal zu verursachen: In den letzten 40 Jahren wurde kein ähnlich starkes Signal empfangen, obwohl Kometen beileibe keine Seltenheit im Weltall sind. Ungeklärt bleibt auch, warum der zweite Detektor des "Big Ear" drei Minuten nach dem "Wow!"-Signal nichts Außergewöhnliches messen konnte. Der Komet hätte nach Paris' These zu dieser Zeit noch immer Emissionen freisetzen müssen.

Auch der Entdecker des Signals, Jerry R. Ehman, kann mit der Kometenthese wenig anfangen. 1994 vermutete er in einem Interview, dass die Lösung des Rätsels Signale von der Erde sein könnten, die durch Elektroschrott im Weltall reflektiert wurden. Inzwischen hält er auch das für unwahrscheinlich. Als Wissenschaftler scheint ihn zu frustrieren, dass das Signal einmalig und somit wenig valide ist. Auch nach Jahrzehnten der Spekulation bleiben viele Möglichkeiten.

Die Sendedauer von 72 Sekunden spricht nicht für eine Flaschenpost von Außerirdischen: Warum sollten intelligente Lebensformen für einen Wimpernschlag an Aufmerksamkeit ihre Botschaften über Tausende von Lichtjahre ins All senden?

Wo Ehman und Konsorten einst als Freiwillige mit "Big Ear" nach fremdem Leben fahndeten, liegt nun ein Golfplatz. Ein Zurück zu den irdischen Freuden also? Wenn tatsächlich ein Revival des Astrofuturismus bevorsteht und der Marsianer mehr zum Superhelden taugt als ein Aktivist, der mit dystopischen Visionen auf die Erderwärmung aufmerksam macht - ja, dann sieht es schlecht aus für Golfplätze und andere irdische Vergnügen.

© SZ vom 23.06.2018
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