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Dem Geheimnis auf der Spur:Das Integratron

Ein Ufologe mit Kontakten zu Aliens hatte in den Fünfzigern die Eingebung für den Bau in Kalifornien.

(Foto: Gemeinfrei)

In der Mojave-Wüste steht ein seltsames Kuppelgebäude, das eine Zeitmaschine sein soll. Die Baupläne stammen angeblich von einem Außerirdischen.

Von Sofia Glasl

Man könnte fast meinen, gleich trete Luke Skywalker aus diesem Gebäude. Denn es sieht aus wie eines der weißen, kuppelartigen Lehmhäuser auf Tatooine, dem Heimatplaneten des künftigen Jedi in "Star Wars - eine neue Hoffnung" von 1977. Doch ist dies weder eine stillgelegte Filmkulisse, noch befindet sich das Gebäude auf einem anderen Planeten, auch wenn es nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Die Holzkuppel steht im kalifornischen Ort Landers, etwa 20 Kilometer nördlich des Joshua Tree Nationalparks, mitten in der Mojave-Wüste. Aus Nummernschild-Buchstaben ist über dem Eingangstor der Name zusammengepuzzelt: "Integratron". Einige Palmen spenden in der sengenden Hitze Schatten, Hängematten und Liegen laden zum Verweilen ein. Ein Bungalow dient als Verwaltungsgebäude und drei Kilometer entfernt liegt der "Giant Rock", einer der größten freistehenden Findlinge der Welt. Sonst gibt es hier nur Sand - und doch pilgern jährlich Tausende Neugierige an diesen Ort.

Der obskure Bau im Sand soll eine Zeitmaschine sein und der Verjüngung des Menschen dienen

Das Integratron wurde vom ehemaligen Flugzeugingenieur und selbsternannten Ufologen George Van Tassel gebaut, ursprünglich als "Zeitmaschine für Grundsatzforschung zur Verjüngung, Antigravitation und Zeitreise", so stand es über dem alten Eingangstor. Van Tassel begann den Bau, nachdem er seit 1952 angeblich parapsychologischen Kontakt mit Außerirdischen hatte. Die Nachrichten der Aliens protokollierte er 1955 in seinem ersten Buch "I rode a flying saucer".

Darin beschreibt er auch eine angebliche Begegnung mit einem Alien von der Venus im August 1953. Die menschenähnliche Gestalt im dunkelgrauen Anzug stellte sich als Solganda vor, er sei 700 Jahre alt und Angehöriger des Council of the Seven Lights (Rat der Sieben Lichter). Das Wesen lud Van Tassel auf sein Schiff ein und gab ihm die Bauanleitung für das Integratron, eine Maschine, mit der menschliche Zellen verjüngt werden können. Solgandas stattliches Alter schien Beweis zu sein für das Funktionieren der Apparatur.

Lediglich Van Tassels schwammige Beschreibungen der Wirkweise der Maschine existieren noch: Sie sei aus Nikola Teslas Theorie zur freien Energie, dem biblischen Tabernakel des Moses und weiteren Ausführungen der Venusianer abgeleitet - eine abenteuerliche Mischung. Angeblich erzeuge das Integratron ein elektromagnetisches Feld, das Körperzellen neu auflade. Der Standort in Landers sei dafür essenziell, denn hier überschnitten sich starke geomagnetische Felder, die diesen Effekt noch verstärkten. Die Kuppel ist gänzlich aus Holz errichtet, um sicherzustellen, dass keine metallischen Werkstoffe den Magnetismus stören.

Das Projekt wurde ausschließlich mit Spenden finanziert, es dauerte daher mehr als drei Jahrzehnte. Der exzentrische Millionär Howard Hughes stellte angeblich das Kiefernholz für den Bau zur Verfügung. Von Mitte der Fünfzigerjahre an veranstaltete Van Tassel am nahen Giant Rock die jährliche Spacecraft Convention, zu der Tausende Besucher anreisten und Geld für die Bauarbeiten gaben.

Je nach Perspektive ist das Integratron ein mindestens ambitioniertes, wenn nicht absurdes Unterfangen. Denn selbst Kritikern, die für Esoterik aufgeschlossen sind, stellen sich einige Fragen, zumal keine Baupläne erhalten sind und für die geomagnetische Abweichung des Ortes wissenschaftliche Beweise fehlen. Zudem starb Van Tassel 1978 - Ironie des Schicksals - vor der Fertigstellung plötzlich an einem Herzinfarkt. In einem Buch hatte er schon prophezeit: "Das größte Problem auf diesem Planeten ist die Tatsache, dass in dem Moment, in dem man schlau genug ist, um etwas mit dem angehäuften Wissen anzufangen, der Tod einem einen Strich durch die Rechnung macht." Der Einzige, der die korrekte Funktionsweise der Maschine wohl beurteilen könnte, wäre Solganda. Doch der Alien, der heute mit mehr als 750 Jahren wahrscheinlich auch auf der Venus im Rentenalter wäre, ist nie wieder aufgetaucht.

Das Fehlen der Baupläne wird von Van- Tassel-Anhängern verschwörungstheoretisch als Vertuschungsaktion der Regierung ausgelegt. In seltsamer Verquickung spiegeln sich in dieser These die vom Kalten Krieg befeuerte Angst vor einer Alien-Invasion, aber auch der vom esoterischen Eskapismus getriebene Ufo-Hype der Vierziger- und Fünfzigerjahre wider.

Die Parallelen zu Lehren der Sekte Scientology sind unübersehbar. Das Ziel dieser vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard 1954 gegründeten Bewegung aus religiöser, parawissenschaftlicher und esoterischer Mythologie ist es, aus Menschen unsterbliche Genies zu machen. Van Tassel gründete das Ministry of Universal Wisdom (Ministerium des Universalwissens), in welchem Religion und Wissenschaft nicht als entgegengesetzte Disziplinen erforscht werden sollten, sondern als sich ergänzende Fachbereiche. Ob er ein Sektenführer mit eigenen Absichten oder nur ein Spinner mit Ufo-Tick war, lässt sich heute nicht mehr eindeutig nachvollziehen.

Nach seinem Tod wurde das unfertige Integratron unterschiedlich genutzt. Die Holzkuppel hat eine besondere Akustik, daher kommen viele Musiker dorthin, kurzfristig sollte sogar eine Disco einziehen. Im Jahr 2000 kauften drei Schwestern den verwahrlosten Ort und richteten ihn wieder her. Heute kann man dort Klangbäder erleben, dabei werden Kristallschalen zum Klingen gebracht - zum Stimulieren der Energiezentren. Die mystische Aura des George Van Tassel zieht Ufo-Jünger wie Yogis magnetisch an. Zwar ist die Wirkweise des Integratron nicht messbar, aber zumindest das Geschäftsmodell scheint nicht zu altern.

© SZ vom 24.03.2018
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