Dem Geheimnis auf der SpurBlaues Wunder

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Dieses Exemplar der seltenen Marke klebt auf einem Schreiben von 1847.
Dieses Exemplar der seltenen Marke klebt auf einem Schreiben von 1847. Tobias Kleinschmidt/dpa

Vom Wertzeichen zur Wertanlage: Wie die Blaue Mauritius aus der britischen Kronkolonie aus Versehen zur bekanntesten Briefmarke der Welt wurde.

Von Josef Schnelle

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Sie ist nicht die schönste, seltenste, auch nicht die wertvollste, aber die berühmteste Briefmarke der Geschichte: die Blaue Mauritius. Das kam so: Zu Beginn des Winters auf der britischen Kronkolonie Mauritius kehrte Gouverneur Gomm von seinem Landsitz im Inland in die Hauptstadt Port Louis am Meer zurück.

Der Umzug wurde mit einer Reihe von Bällen gefeiert, ihren Höhepunkt erreichte die Festsaison am 30. September 1847 mit dem Kostümball von Lady Elizabeth Gomm. Die Frau des Gouverneurs war beliebt in der Kolonie, ein It-Girl, eine Art Paris Hilton jener Zeit. Bei ihrer Party dabei zu sein war der Ritterschlag der Insel-Society. Ihr Gatte, ein Waterloo-Veteran, war eher unpopulär. Erst wenige Wochen zuvor, im Juli 1847, hatte er Englisch zur offiziellen Gerichtssprache erklärt. Vorherrschend war immer noch Französisch, die Sprache der früheren Machthaber. Nur 500 der circa 100 000 Inselbewohner beherrschten überhaupt die Sprache der neuen Kolonialherren. Die meisten waren noch erzürnt über die eben erfolgte Umbenennung der französischen Straßennamen von Port Louis in englische.

Früher wurden Briefe einfach im Postamt gelagert, bis sie der Empfänger selbst abholte

Gomm hatte per Dekret zudem das Postsystem reformiert. Postmeister James Stuart Browning unterstanden sechs Beamte und zahlreiche Postläufer. Davor wurden Briefe im Post Office so lange gestapelt, bis jemand sie abholte - oder eben auch nicht. Deshalb gab es sogar einen Stempel mit der Aufschrift: "Eaten by rats", gefressen von Raten.

Für das neue Zustellsystem benötigte Mauritius Briefmarken - als erst siebtes Territorium der Welt und als erste britische Kolonie. Der Postmeister beauftragte den Graveur Joseph Osmond Barnard mit der Herstellung der Kupferdruckplatten, denn der hatte sich ein Nebengeschäft als Produzent von Visitenkarten aufgebaut. Osmond, auch als Miniaturmaler bekannt, orientierte sich an der One Penny Black, der ersten Briefmarke der Welt, die seit 1840 im britischen Königreich gültig war. Seiner Queen Victoria im Zentrum der Marke verpasste er dabei eine jugendlich wirkende Stupsnase. Die Rote Mauritius, Wert ein Penny, war vorgesehen für die Zustellung in Port Louis. Die Blaue erhielt die Aufschrift "Two Pence" und sollte auf der restlichen Insel und in Übersee gelten.

Was sich dann ereignete, ist einigermaßen rätselhaft. Die Marke sollte wohl eigentlich den Schriftzug "Post Paid", also "bezahlt", tragen. Sei es, dass Osmond nicht mehr besonders gut hörte und sah oder dass der Auftrag unklar formuliert war. Jedenfalls schrieb er stattdessen "Post Office". Einer anderen Version zufolge hatte er es einfach nicht so genau genommen und sich am Schild über dem Eingang des Postamtes orientiert. Manche Experten sind allerdings der Meinung, dass dies alles nur Legenden sind und die Aufschrift "Post Office" von Anfang an geplant war. Tatsache ist, dass es Osmond eilig hatte, denn Lady Gomm machte Druck. Wenn schon nicht die Einladungen für ihren Ball mit der schicken Briefmarke verschickt werden konnten, wollte sie wenigstens die Eintrittskarten mit den neuen Wertzeichen versenden lassen.

Die Produktion der Marken mit den kleinen Visitenkartendruckplatten war mühsam. Man konnte deshalb in den ersten Septembertagen 1847 nicht genug Wertzeichen für die PR-Aktion von Lady Gomm drucken. Insgesamt 500 blaue und 500 rote wurden es schließlich. Später legte Osmond noch eine neue Serie von Mauritius-Marken auf, diesmal mit der Aufschrift "Post Paid".

Was keiner ahnte: Durch die Panne mit der "Post Office"-Aufschrift entstand eine Legende und eine unverhoffte Wertanlage. Allerdings wäre ohne Madame Borchard aus Bordeaux daraus nichts geworden. 1869 erinnerte sich selbst auf Mauritius kaum jemand an die ungewöhnliche Briefmarkenserie. Madame Borchard, Ehefrau eines Exporteurs nach Übersee, sah sich damals, nach dessen plötzlichem Tod, mit sechs Kindern allein auf der Welt. Als die Witwe den Nachlass ihres Gatten durchsuchte, fand sie in seiner Korrespondenz 13 der 27 heute bekannten Marken der "Post Office"-Serie in Blau und Rot. Sie verkaufte die seltenen Wertzeichen, die in den nächsten Jahren schnell an Wert gewannen, an Sammler und Händler. Von den enormen Summen, die später für eine Blaue Mauritius bezahlt wurden, profitierte sie noch nicht. Aber sie rettete die Raritäten vor dem Müll und wurde damit die wahre Heldin dieser Geschichte.

Was heute Philatelie heißt mit Katalogen und Auktionen, war so entstanden. Später tauchten noch weitere Marken und Briefe mit den kostbaren Wertzeichen auf, heute im Besitz der englischen Krone, von Museen oder reichen Sammlern.

Hauptschauplätze des Mauritius-Hype waren Deutschland und England, was 1937 auch im Film "Der Mann, der Sherlock Holmes war" mit Hans Albers und Heinz Rühmann augenzwinkernd vorgeführt wurde. Es geht dabei um den Diebstahl der Mauritius, eine Markenfälscherbande und zwei Hallodris, die sich als Sherlock Holmes und Dr. Watson ausgeben.

Und Mauritius, bei deren Erwähnung jeder sofort an Briefmarken und erst dann an die Insel denkt? 1994 gründeten Geschäftsleute des Landes ein Konsortium, das eine blaue und eine rote Marke für je mehr als eine Million Dollar ersteigerte. In Port Louis wurde 2001 für die Raritäten ein Museum errichtet. Um die Marken vor dem Ausbleichen zu schützen, kann man dort die Originale pro Stunde nur für zehn Minuten ansehen, dann verlischt das Licht, und für die restliche Zeit ist nur mehr die Kopie daneben zu sehen. So hat die Blaue Mauritius ihre Kapelle bekommen, in der die rätselhafteste Briefmarke der Welt angebetet werden kann.

© SZ vom 09.05.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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