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Schutzmasken:Mask-have

Alle sollen Masken tragen, zumindest beim Einkaufen und in den Öffentlichen. Aber wie macht man etwas derart Unbeliebtes zum sozialen Standard?

Sie lässt uns nuscheln und schwitzen, und atmen kann man auch nicht richtig. Ständig fummelt man daran herum, weil sie verrutscht. Das Kind sieht einen komisch an - weil es an Darth Vader denkt oder wegen der abstehenden Ohren, man will es nicht wissen.

Zu Beginn der Epidemie galten Menschen, die Masken trugen, hierzulande noch als hysterisch, Masken erinnerten an asiatische Touristen oder Michael Jackson. Noch immer wehren sich viele gegen die Vorstellung, nur mit Maske aus dem Haus zu gehen.

Nun aber muss sich diese Haltung ändern. Merkel folgt hier den Empfehlungen der Leopoldina: Lockerung ja, aber nur in Verbindung mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen. Sachsen hat soeben die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Läden eingeführt, weitere Länder könnten folgen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hielt Atemschutzmasken zunächst für verzichtbar, weil diese für den Träger keinen ausreichenden Schutz bieten würden. Zumal nicht einmal das Personal in Kliniken und Pflegeeinrichtungen ausreichend versorgt war. Inzwischen haben die Gesundheitsexperten eingestanden, dass Masken auf jeden Fall schützen - wenn alle eine tragen.

Doch wie gelingt es, ein medizinisches Produkt als Alltagsgegenstand zu etablieren? Als Accessoire, das vielleicht nicht gerne, aber zumindest zuverlässig getragen wird?

"Masken haben es hier schwerer als in Asien, wo eine Kultur der höflichen Distanz gilt", sagt Ulrike Nägele, Professorin an der Akademie für Mode und Design (AMD) in München. Als sie zum ersten Mal in China war, sei sie davon sehr irritiert gewesen. "Wir brauchen mehr Mimik und Nähe. Masken verbinden wir eher mit Verkleidung."

Vielleicht begünstigen kollektivistische Werte in manchen asiatischen Ländern die Akzeptanz solcher Maßnahmen. Doch auch in China und Japan gehört die Maske erst seit Ausbruch der Sars-Epidemie 2003 und 2009 zum Straßenbild. Selbst in Südkorea wurde man zu Beginn der Corona-Krise eher noch belächelt, heute lacht niemand mehr. Viele Japaner tragen allein deshalb Masken, weil sie sich wohler fühlen, die Maske als psychische Barriere hat in Japan sogar einen Namen: date masuku.

Geschmackssache: Maske mit Hello-Kitty-Motiv

(Foto: C. Stelmach/SZ)

Europäer fühlen sich mit Atemschutz dagegen oft noch als Infizierte gebrandmarkt. Mit der Zeit wird sich dieses Image wandeln - von der "Virenschleuder" zu einem Symbol der Solidarität, davon ist Christiane Varga, Trendforscherin am Wiener Zukunftsinstitut, überzeugt: "Deshalb ist es wichtig, die Sinnhaftigkeit nicht nur intellektuell, sondern auch emotional zu erfassen", sagt die Soziologin. "Damit alle begreifen, dass die Maske ihnen und ihren Lieben hilft." Das könne man etwa durch Werbekampagnen erreichen, ähnlich wie mit den emotionalen Autobahnschildern der Initiative "Runter vom Gas" gegen das Rasen.

Mit anderen Worten: Man muss die Maske nicht lieben. Es genügt, wenn wir andere Menschen lieben, um sie zu tragen.

Es gibt Beispiele, die belegen, dass es funktioniert: Jahrzehntelang galten Skihelme als No-Go, weil sie angeblich die Sicht einschränkten und die Frisur platt drückten. Der tragische Unfall von Michael Schumacher, der sich 2013 trotz Helm eine schwere Verletzung des Gehirns zuzog, hat deutlich gemacht: Es gibt Schlimmeres, viel Schlimmeres. Kampagnen wie "Skihelm auf!" mit Christian Neureuther und anderen Prominenten veränderten die Wahrnehmung. Heute sieht man auf Skipisten auch ohne Helmpflicht kaum jemanden ohne Kopfschutz.

Die Brillenschlange ist Geschichte - dank Harry Potter

Prominente Vorbilder spielen bei solchen Prozessen eine wichtige Rolle, um ein Umdenken zu erzielen, sagt Professorin Nägele von der AMD. So hätten etwa Harry Potter oder die Sängerin Anastacia das Image der Brillenschlange als Randgruppe schon vor Jahren ausradiert. Auch Nägeles Tochter wollte damals unbedingt eine auffällige Brille, mit Fensterglas.

Diesmal aber darf es nicht so lange dauern wie bei den Helmen und Brillen. Akzeptanz muss sich schneller verbreiten als das Virus - und das könnte durchaus gelingen. Zum einen, weil eine Pandemie ein noch eindrucksvolleres Szenario darstellt als ein Skiunfall. Zum anderen ist da das Potenzial der sozialen Medien, die immer wieder zeigen, wie sich ein Phänomen beschleunigt, wenn es, nun ja, viral geht.

Auch die Initiative #Maskeauf nutzt das Prinzip der Role Models im Netz sehr erfolgreich. Die Macher konnten Prominente wie Lena Meyer-Landrut, Charlotte Roche oder Joko Winterscheidt dafür gewinnen, sich mit selbstgemachten Modellen zu präsentieren und in den sozialen Medien zum Maskentragen aufzurufen. Schon bald folgten weitere wie Cem Özdemir oder Eckart von Hirschhausen.

Für die Braut empfiehlt sich das Modell mit feiner Spitze

(Foto: C. Stelmach/SZ)

Am Anfang standen erst einmal Fakten: "Wir überzeugen zunächst durch simple Argumentation: Die Maske schützt nicht dich, sie schützt alle", sagt eine der Initiatorinnen, Christiane Stenger. "Das geht aber nur, wenn eine Gesellschaft verinnerlicht hat, dass Opfer gebracht werden müssen." Daher brauche man starke Vorbilder: Der Mensch lerne schneller durch Nachahmen als durch Erklärungen. Dass Hirschhausen in seinem Video eine Art Hippie-Topflappen trägt - geschenkt. Immerhin hinterlässt er damit bleibenden Eindruck.

"Es gibt immer Personen, die das erst vorleben, so lange, bis jeder, der das nicht tut, sich blöd vorkommt", sagt Trendforscherin Varga. "So entsteht sozialer Druck." Ziel sei, dass sich nicht mehr die Leute mit Maske komisch fühlen und angestarrt werden, sondern diejenigen, die keine tragen. Das sei der Moment, in dem ein Trend übergeht in den Mainstream. "Und niemand kann sich mehr darauf berufen, er habe von nichts gewusst. Genau wie beim Rauchen."

Die Initiatoren von #Maskeauf sehen hier erste Erfolge. In den vergangenen Wochen sei eine eigenständige Bewegung entstanden, sagt Christiane Stenger. Menschen aus unterschiedlichen Milieus würden nun ihre Masken zeigen, mehr als 15 500 User haben Selfies von sich gepostet: die Oma, die im Akkord für die Enkel näht, der Hipster mit besonders coolen Designs. Ingenieure, die zu Hause daran tüfteln, wie man die Maske optimieren kann.

Dazu kommt, dass immer mehr Händler aus der Not eine Tugend machen: Anbieter für Brautmoden verkaufen Modelle mit Spitze, Trachten-Labels passen sie an Dirndl-Kollektionen an. Ein Techno-Label hat ein schwarzes Modell im Angebot, mit einer Gliederkette in Form eines lächelnden Mundes.

"In Zukunft werden wir die Masken womöglich ganz selbstverständlich unserer Garderobe anpassen", sagt Design-Professorin Nägele. "Durchaus denkbar, dass man im Büro dann Nadelstreifen trägt oder zum Ausgehen Polka Dots." Vielleicht stehen wir also bald vor dem Kleiderschrank, blättern durch unsere Masken und sagen: "Mist, ich hab' nichts zum Anziehen!"

© SZ/moge

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