Tech-Branche:Wenn die Maske aufregend blinkt

Tech-Branche: Mit dem Biovyzr sieht der Träger aus wie die Mitglieder des kürzlich aufgelösten Elektropop-Duos "Daft Punk".

Mit dem Biovyzr sieht der Träger aus wie die Mitglieder des kürzlich aufgelösten Elektropop-Duos "Daft Punk".

(Foto: VYZR Technologies)

Es war nur eine Frage der Zeit: Die Tech-Branche baut inzwischen smarte Atemschutzmasken und simuliert damit die Beherrschbarkeit der Pandemie.

Von Michael Moorstedt

Das amerikanische Unternehmen Razer war bis vor Kurzem nicht als Vorreiter der Seuchenbekämpfung bekannt. Stattdessen produzierte man Computerzubehör, kostspielige Kopfhörer, gefährlich leuchtende Tastaturen und ein Mauspad mit dem klingenden Namen Destructor 2. Anfang des Jahres stellte die Firma dann ihr neuestes Produkt vor: Das sogenannte Project Hazel sei der "Welt smarteste Maske", hieß es. Sie bietet austauschbare Filter, und das Mundstück ist transparent, sodass man die Lippen beim Sprechen sieht. Ein Lautsprechersystem verstärkt die gedämpfte Stimme, damit sich der Träger auch ja noch Gehör verschaffen kann. Mitgeliefert wird eine formschöne Hülle, in der die Maske automatisch sterilisiert wird. Nicht fehlen dürfen natürlich ein paar LEDs, um das Ding hübsch zum Leuchten zu bringen.

Tech-Branche: Vorgestellt auf der Elektronikmesse CES: die smarte Maske Active + Halo Smart.

Vorgestellt auf der Elektronikmesse CES: die smarte Maske Active + Halo Smart.

(Foto: Airpop)

Die Atemschutzmaske ist sicherlich eines jener Artefakte, über die in der Post-Corona-Zukunft zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben werden. Zu Beginn der Pandemie posierten Politiker stolz vor ganzen Paletten eilig herangeschaffter Masken, und erst jetzt wird langsam offenbar, was für halbseidene Deals da getätigt wurden. Innerhalb kürzester Zeit entstand eine blühende Industrie. Nicht nur die Masken selbst gab es bald in Hülle und Fülle zu kaufen, sondern auch eine ganze Reihe von Accessoires: Trageriemen, Etuis oder Strasssteinchen. In den Auslagen der Billigshops in Fußgängerzonen und Bahnhöfen machten Handyhüllen Platz für den Corona-Schutz.

Ein knappes Jahr später haben die Masken die nächste Evolutionsstufe erreicht - jetzt wird technischer Schnickschnack verbaut. Schließlich gibt es von so gut wie jedem Gebrauchsgegenstand eine smarte Version. Von der Gabel über die Trinkflasche hin zu Windeln oder Schmuck muss man schon einigermaßen angestrengt suchen, um ein Produkt zu finden, das noch nicht einer Neuerfindung unterzogen wurde. Reiht sich die Maske also ein in die nicht enden wollende Liste von Gegenständen, deren Akku am Abend nach einem weiteren überstandenen Tag aufgeladen werden muss?

Eine Maske mit zwölf Stunden Akkulaufzeit

Auf der diesjährigen CES, der Weltleitmesse für Elektronik und Entertainment, wurden jedenfalls nicht nur neue Fernseher vorgestellt, sondern auch zahlreiche Innovationen, mit denen der Verbraucher ganz persönlich die Pandemie in den Griff bekommen soll. Neben den Hightech-Masken gab es noch eine ganze Reihe anderer Anti-Corona-Gadgets zu sehen: tragbare Luftfilter im Handtaschenformat, UV-Sterilisierer für den Arbeitsplatz und den Sitz in der U-Bahn oder eine Thermokamera für den Hausgebrauch, um die eine Kontaktperson, die noch erlaubt geblieben ist, sicher und aus der Ferne auf Fiebersymptome zu untersuchen. All das ist schon bald beim Fachhändler des Vertrauens erhältlich, und irgendwo muss man das zwangsweise gesparte Urlaubsbudget ja sowieso unter die Leute bringen.

Um da noch herauszustechen, überbieten sich die Technikhersteller inzwischen mit immer neuen Ideen. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Maskfone? Eine N95-Maske in zeitlosem Schwarz, inklusive Kopfhörern und Mikrofon, wechselbarem vierlagigem Filtersystem, Lautstärkeregler, zwölf Stunden Akkulaufzeit, wasserdicht nach IPX5-Standard und noch dazu kompatibel mit Amazons Alexa-Softwareassistent. Andere Produkte mit klingenden Namen wie Atmoblue oder Active+ Halo Smart bieten "integrierte Dual-Ventilatoren" mit mehrerlei Geschwindigkeitseinstellungen oder eine App, die das Atemverhalten misst und auswertet. War eine solche Selbstvermessung bis vor Kurzem noch ambitionierten Hobbysportlern vorbehalten, ist bloßes Luftholen inzwischen so problembehaftet, dass man beim Smartphone um Rat fragt.

Tech-Branche: Die Maske Atomblue.

Die Maske Atomblue.

(Foto: Atomblue)

So gut wie überall ist der Hightech-Schutz ausverkauft. Dass selbst die smartesten Masken nicht mehr tatsächlichen Schutz bieten, als man das bei korrektem Gebrauch auch von Standardmodellen erwarten kann, ist dabei freilich vollkommen unerheblich. Vielleicht auch, weil es unerhört erscheint, dass ein Stück Stoff noch immer das wirksamste Mittel gegen die größte Gesundheitskrise der jüngeren Geschichte sein soll. Was bedeutet schon ein fehlendes TÜV-Siegel, wenn der Atemschutz dafür aufregend blinkt? Es geht ja auch eher um die Simulation von Beherrschbarkeit. Nach einer Ohnmacht, die nun beinahe ein Jahr anhält, kauft man sich mit einer smarten Maske zumindest auch ein bisschen gefühlte Handlungsfähigkeit.

Wann kommt der Luftschutzbunker für unterwegs?

Dass der Träger mit etwas gutem Willen noch dazu aussieht wie ein omnipotenter Superschurke aus dem Marvel-Filmuniversum darf man bei der technikaffinen Zielgruppe wohl als zusätzlichen USP verstehen. Man will sich ja nicht nur aus epidemiologischen, sondern auch aus ästhetischen Gründen abgrenzen. Letzteres wurde erheblich schwerer, nachdem die Ministerpräsidentenkonferenz im Januar eine Pflicht für medizinische Masken angeordnet hat. Die semiprofessionellen Masken bieten zwar mehr Sicherheit, dafür leidet der Distinktionsgewinn.

Den verdrahteten Atemschutz darf man - trotz dreistelliger Preise - freilich nur als Einsteigermodell verstehen. Irgendwo im Niemandsland zwischen per Photoshop erstellter Konzeptstudie und tatsächlichem Produkt gibt es längst eine weitere Eskalationsstufe. Mit dem sogenannten Biovyzr sieht der Träger in etwa so aus wie die Mitglieder des kürzlich aufgelösten Elektropop-Duos Daft Punk. Das Trumm wiegt fast zweieinhalb Kilogramm, man schnallt es sich über die Schultern wie eine futuristische Taucherglocke. Die Abschottung ist komplett. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes: ein Luftschutzbunker für unterwegs.

Statt der schnöden Community-Maske, die ja zumindest im Namen auch das Wörtchen Gemeinschaft trägt, existieren also vielleicht bald diejenigen, die es sich leisten können, in ihrer eigenen Ego-Wolke. Wie passend in einer Zeit, in der man dank Aerosolverbreitungssimulationen jeden entgegenkommenden Spaziergänger misstrauisch beäugt. Reine Luft, ganz für mich allein - noch nie hat ein Produkt zugleich so viel und so wenig versprochen.

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