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Home-Office:Schöner arbeiten

Papeterie war vor der Pandemie etwas für Liebhaber. Doch seit Lockdown und Home-Office liegt alles im Wohnzimmer rum und vielen ist nicht mehr egal, wie die Notizbücher, Stifte und der Tesa-Abroller eigentlich aussehen.

Von Anne Goebel

"Dearest Pa", schreibt die junge Prinzessin an ihren Schwiegervater in rundlicher Mädchenschrift, "ich war sehr bewegt über Ihren jüngsten Brief." Das ist herzerweichend und wäre als Whatsapp-Nachricht mit spritzenden Tränchen nur halb so anrührend. Vor allem wüsste die Welt gar nichts von der Korrespondenz zwischen Diana Spencer und Prince Philip, wenn sich die Seiten, handgeschriebene Buchstaben auf echtem Papier, nicht erhalten hätten.

Jetzt kehren die Briefe wieder im Netflix-Hit "The Crown" - Botschaften im kalten Buckingham-Universum, die für eine Weile eine tröstende Verbindung zwischen zwei Außenseitern schaffen. Und in der realen Welt könnte es an einem Adventssonntag, zum Ende eines kontaktarmen Jahres keine bessere Idee geben als: Briefeschreiben. Auch ohne Dianas feudalen "Kensington Palace"-Aufdruck gibt es jede Menge schönes Zubehör, was die Sache erleichtert. Man ist ja doch aus der Übung gekommen.

Magischer Buntstift von Koh-I-Noor aus dem Luiban-Sortiment.

(Foto: LUIBAN Luithardt & Bandt GbR)

Dazu passt die Beobachtung von Kai-Stefan Luithardt, Inhaber der Papeterie Luiban in Berlin. "Große leere Seiten scheinen vielen Leuten eher Angst zu machen. Daher verkauft sich auch beim Briefpapier das A5-Format viel besser", sagt Luithardt. "Die Menschen sind es eben nicht mehr gewohnt, zu schreiben." Sein Geschäft in der Rosa-Luxemburg-Straße, das er gemeinsam mit Michael Ruben Bandt betreibt, ist eine dieser wunderschönen Schreibwarenhandlungen, denen seit dem Beginn der Pandemie ganz neue Aufmerksamkeit zuteil wird. Vor der Corona-Krise waren Luiban, Carta Pura in München oder der Kult-Store Present and Correct in London Anlaufadressen für erklärte Liebhaber. Für Kunden also, die allein den Geruch von Papier beglückend finden, aus pastellig marmorierten Radiergummis geduldig den richtigen Farbton wählen und bei hübsch gebundenen Notizheften grundsätzlich schwach werden.

Dann kamen Lockdown und Home-Office, und auf einmal war es vielen nicht mehr egal, wie die Klebezettel in ihren Ordnern aussehen oder mit welchen Markern sie während Zoom-Konferenzen Männchen malen. Es ist eben etwas anderes, wenn die Arbeitsgerätschaften zu Hause auf dem Esszimmertisch liegen und sich herausstellt: Besonders ansehnlich schauen sie nicht aus.

"Plötzlich fingen die Leute an, Sachen zu kaufen, die vorher nur uns selber gefielen", erzählt Luithardt. Kupferfarbene Papierscheren zum Beispiel. Oder schöne Tesa-Abroller. Wer sich etwa für das kiloschwere Modell der japanischen Marke Futagami entscheidet, gefertigt aus massivem Messing, legt für diesen scheinbar simplen Gebrauchsgegenstand erstaunliche 223,23 Euro hin.

Massiv: Tesa-Abroller von Futagami für stolze 223,23 Euro.

(Foto: Futagami)

Wenn schon viel Zeit in der improvisierten Heimbüroecke verbracht wird, soll das Zubehör die Sinne erfreuen: Dieses Bedürfnis habe die Anforderungen verändert, über das Funktionelle hinaus, so Luithardt. "Jetzt fragen sich die Kunden: Wie liegt das Produkt in der Hand? Wie geht es mir damit, macht es gute Stimmung?" Logisch, dass der eine oder andere auch eher wieder einen Stapel handgeschriebene Weihnachtskarten in Angriff nimmt oder sich Notizen zum Tag macht, wenn schöne Stifte oder Papierbögen aus einer Manufaktur schon bereitliegen. Instagram-Trends wie Scrapbooks haben die Leidenschaft für Papeterie zusätzlich verstärkt, das sind Skizzenbücher, mit denen man sich die Aura eines genialen Zeichners und Ideensammlers zulegt.

Man tröstet sich, womit man kann

Dass sich besondere Schreib- und Malutensilien gut verkaufen, bestätigen die großen Unternehmen. Schwan Stabilo, Staedtler und Faber Castell vermeldeten im Herbst einen "Kreativ-Boom" mit hoher Nachfrage nach feinen Farbstiften oder Pinseln. Bei Kaweco, einem traditionsreichen Hersteller von Schreibgeräten samt hochwertigen Accessoires aus Nürnberg, setzt die Klientel noch mehr als sonst auf Ästhetik. "Immer öfter spielt das Thema Material und Farbe eine Rolle", so Geschäftsführer Michael Gutberlet. Häufig würden "Notizbuch, Stift und anderes Zubehör in den Lieblingsfarben abgestimmt".

So verkleinert Corona den Radius der individuellen Gestaltungszone: Es reichen nicht mehr die Designerküche oder das elegante Loungesofa im Wohnzimmer. Jetzt sollen auch Alltagsdinge wie der Kugelschreiber für Wohlgefühl sorgen. Man tröstet sich, womit man kann.

Schreibwaren

Die "Painting Collection" von Zara Home.

(Foto: Zara)

Da wir vermutlich auch nach der Pandemie mehr als zuvor im Home-Office arbeiten werden, ist das eine Entwicklung mit Potenzial. Die lassen sich auch Lifestyle-Ketten nicht entgehen. Die "Painting Collection" von Zara Home reagiert punktgenau auf den Wunsch, die viele Extrazeit daheim schöpferisch zu nutzen und Büroarbeit gut aussehen zu lassen: Mit matt glänzenden Kugelschreibern, Holzlinealen, einer Staffelei, die kaum jemand wirklich braucht, aber damit sieht das Chaos zu Hause bohemienhaft aus.

Die kleinen, unwichtigen Dinge gewinnen an Bedeutung

Der dänische Hersteller Hay hat schon länger Stilvolles für den Schreibtisch im Programm. Und bei Ikea gibt es aktuell die optimistisch türkisgrüne Serie Lankmoj zum ordentlichen Aufbewahren von Büroklammern und Ähnlichem - bei den Schweden gehörten bunte Kartonschuber schon zum Sortiment, als in Deutschland Mietverträge und Jahreszeugnisse noch im asphaltgrauen Schrein von Leitz abgeheftet wurden.

Exklusive Schreibwaren sind im Trend.

Stilvolles aus London: Notebook von Choosing Keeping.

(Foto: choosingkeeping.com)

Als Land mit besonderer Liebe zu schön gemachten Schreibwaren gilt Großbritannien. Schon die ersten Bleistifte wurden von 1558 an in der Ortschaft Keswick im Lake District gefertigt, Grund waren die nahe gelegenen Grafitvorkommen. Klar, dass das 2014 erschienene Buch "Adventures in Stationery: A Journey Through Your Pencil Case" über die wundersame Welt der Federmäppchen von einem Engländer stammt. Der Autor James Ward hatte sich zuvor mit seinem Blog über kleine unwichtige Dinge ("small unimportant things") einen Namen gemacht.

Wobei das Auslegungssache ist: Julia Jeuvell ist Betreiberin des Londoner Ladens Choosing Keeping, eine feine Adresse unter Liebhabern. Für sie sind handbedruckte Papiere von Antoinette Poisson aus Paris, japanische Tinten von Takeda Jimuki oder die unvermeidlichen Masking Tapes natürlich alles andere als Nebensachen. Aktuell verkauft Jeuvell vor allem Produkte mit hellen, auffälligen Mustern, "das hebt die Stimmung". Und aus Gesprächen mit ihren Kunden weiß sie: Es geht um viel mehr als ums Schreiben. "Neue Stifte, ein frisches Notizbuch vermitteln das Gefühl, dass man sich neu erfinden kann. Dass man ganz neu anfängt. Das ist es, was wir gerade alle brauchen."

© SZ/ake
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