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Corona und Home-Office:Erleuchtung für die Arbeitsmoral

Wohnhaus, für das die Lichtgestalter von "Occhio" ein Beleuchtungskonzept entworfen haben.

(Foto: Robert Sprang)

Klare Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeitwelt, mit der richtigen Farbtemperatur gegen die Ermüdung: Wie Lichtdesign hilft, die Zeit im Lockdown besser zu überstehen.

Licht tröstet, seine Symbolkraft ist in Zeiten großer Krisen schon immer beruhigend gewesen. Nach den Anschlägen vom 11.September 2001 wurden in New York die Zwillingstürme als Säulen in den Himmel projiziert, sodass es von fern so aussah, als stünden sie noch an ihrem Platz. Als vor viereinhalb Jahren Terroristen Paris in Angst und Schrecken versetzten, erstrahlten am nächsten Tag Gebäude von London bis Melbourne in den Farben der Tricolore. Und jetzt versuchen Menschen, die auferlegte Isolation erträglicher zu machen, indem sie einander Leuchtsignale senden: Es gibt Aufrufe, die weihnachtlichen LED-Girlanden als Zeichen der Solidarität wieder auszupacken und einzuschalten. Und in Berlin haben vor ein paar Tagen Hotels ihre Fenster als "Lights of Love" in Herzform illuminiert.

So gut es tun mag, sich mit solchen Gesten in einer düsteren Phase einander zu versichern - wirkliche Bedeutung hat Licht zurzeit nur an einem Ort: zu Hause. Wenn das Leben plötzlich vor allem in den eigenen vier Wänden stattfindet, ist es wichtig, wie die beleuchtet sind. Ob es in den Räumen finster ist oder zu hell; ob die Lampen die Umgebung angenehm erscheinen lassen oder man sich unwohl fühlt, sobald sie angeknipst werden. Tatsächlich beschäftigen solche Fragen die Menschen gerade intensiver als sonst. "Unser aller Leben hat sich dramatisch verändert", sagt Axel Meise. "Es gibt eine Art innere Einkehr. Man wendet sich seinem direkten Umfeld zu."

Axel Meise ist Leuchten- und Lichtdesigner, er hat vor 21 Jahren die Firma "Occhio" gegründet - und wenn seine Wortwahl nach mehr als schöner Oberfläche klingt, eher philosophisch, dann ist das kein Zufall. Seine Arbeit als Gestalter hat für Meise nicht einfach mit stilvollen Lampen zu tun, sondern mit Menschen, Räumen und der Frage, in welchem Licht sie sich selbst sehen. Geht es um Zuflucht in ein beruhigend warmes Leuchten? Um effektvolle Inszenierung oder klare Umrisse oder um alles zusammen? Meise findet es jedenfalls nicht überraschend, dass gerade jetzt, in einer Zeit der Selbstbesinnung, mehr Nachfragen nach seinen Leuchtkonzepten kommen. Nein, kein Run auf den Occhio-Onlineshop mit Serien wie "Mito" oder "Sento" - für den Ansturm der breiten Masse ist der deutsche Marktführer für Designleuchten zu exklusiv und teuer. "Aber unsere Handelspartner berichten, es gibt viel Interesse. Licht beschäftigt die Menschen gerade."

Kein Wunder: Wir verlassen unser Zuhause nur noch selten, da fallen lange tolerierte Unzulänglichkeiten auf. Die unschönen Punktstrahler im Flur, das schummrige Licht über dem Esstisch, und in der kleinen Küche scheint übrigens die Decke niedrig zu hängen. Dazu kommt, dass die Wohnung in Corona-Zeiten Zusatzfunktionen bieten muss. Jeder braucht auf einmal mehr beleuchteten Raum, für Schreibtischarbeit, Videokonferenzen, Stunden über Heften und Schulbüchern. Wer aus diesem Grund jetzt sinnvoll in seine Lampen investieren will, dem rät Axel Meise als Grundprinzip: "Bei Kunstlicht immer am natürlichen Licht orientieren." Die Sonne ist das Vorbild.

Alle halten Sonnenlicht für warm, dabei ist es kalt

Klingt einfach, ist es aber nicht - denn Sonnenstrahlen leuchten, anders als man meint, keinesfalls warm. Man empfindet es zwar als wohltuend, das Gesicht der Sonne zuzuwenden, aber der Stern schickt mit gut 5000 Kelvin ein ziemlich kühles Licht Richtung Erde. Als Vergleich: OP-Beleuchtung hat 3600 Kelvin, die gute alte 60-Watt-Glühbirne 2700. Kelvin ist die Einheit, in der die sogenannte Farbtemperatur des Lichts angegeben wird, also der Anteil an wärmenden Rot- und schattigen Blautönen. Je höher die Zahl auf der LED-Leuchtenverpackung, desto kälter das Licht. Wer also den derzeit fehlenden Auslauf (und vielleicht die verhinderte Italienreise zu Ostern) beleuchtungstechnisch kompensieren will, liegt mit schön mediterranen Goldtönen nicht unbedingt richtig. Intensives kühles Licht kommt dem Original draußen an einem wolkenlosen Mittag näher.

Natürlich ist es eine Frage der Stimmung und des Budgets, welche Lampen man aussucht, nicht nur beim Beleuchtungskörper. Ob es zum Beispiel im lange viel zu funzeligen Esszimmer das Modell "Mito" von Occhio mit touchless control wird. Oder doch eher "Oled" von Ikea. Auch bei Helligkeit und Farbtemperatur sind die Vorlieben individuell, aber der menschliche Tag-Nacht-Rhythmus gibt grundsätzlich vor: Untertags bei der Arbeit ist kalt und hell passend, weil das anregend wirkt. Abends in der Ruhephase fördern mehr Rotanteil und gedämpftes Licht die Entspannung, wie einst am Lagerfeuer. Wobei in Zeiten von Home-Office ein Austricksen der Natur hilfreich sein kann. "Unser Rhythmus verändert sich", sagt Meise. "Wer abends noch ein, zwei kreative Stunden braucht, kann mit kälterem Licht nachhelfen. Das macht wacher und aktiver."

Die minimalistische Stehlampe "John" von Tobias Grau: Gibt genau da Licht, wo man es braucht.

(Foto: Tobias Grau/Hersteller)

Medizinisch ist dieser Effekt vielfach nachgewiesen. Am Hamburger Universitätsklinikum in Eppendorf hat etwa der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort erforscht, ob und wie man mit Lichttherapie Aufmerksamkeitsstörungen oder depressive Erkrankungen behandeln kann. Die Grundlage der Studien: Ein sogenannter Melanopsin-Rezeptor im Auge unterdrückt bei Helligkeit das beruhigende Melatonin. "Mit sehr hellem Licht können Sie viele Tassen Espresso sparen", sagt Schulte-Markwort. Bei reduzierter Beleuchtung dagegen steigt der Melatonin-Spiegel.

Dass Schulkinder für konzentriertes Lernen im Unterricht und jetzt beim Homeschooling viel helleres, kälteres Licht brauchen als meistens üblich, fordert Schulte-Markwort seit Jahren. Er propagiert ein "Learnlight" mit 6000 Kelvin. Und hält es grundsätzlich für falsch, dass sich die Menschen nur wenig mit ihren Lichtverhältnissen zu Hause beschäftigen. "Jeder findet draußen das Sonnenlicht toll", sagt er. "Das Bewusstsein dafür, welche Bedeutung die Qualität von künstlichem Licht für unsere Stimmung und Gesundheit hat, ist dramatisch schlecht."

Das könnte sich jetzt ändern, einen ersten Schub bekam das Thema Kunstlicht ja auch aus einer Mangelsituation heraus: Als vor ein paar Jahren mit dem Ende der klassischen Glühbirne und den Anfängen der neuen LED-Technik jeder die unangenehmen Folgen von unschöner Beleuchtung vor Augen hatte. Heute ist die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, wie sich die Stimmung im eigenen, plötzlich so wichtigen Zuhause verbessern lässt. Also auf "bedrohte Räume", wie Georg Soanca-Pollak sagt. Der Münchner Lichtgestalter meint das nicht ganz ernst, aber will damit auf einen wesentlichen Aspekt der veränderten Wohnsituation hinweisen: Geltende Abgrenzungen verschieben sich plötzlich, im Esszimmer läuft die Videoschalte, auf dem Schlafzimmerbett wird in das Notebook getippt. Mit Licht könne man die neue Einteilung akzentuieren, ohne die ganze Möblierung umzustellen, so Soanca-Pollak.

Licht kann Grenzen markieren: Hier beginnt mein Schreibtisch

"Der wichtigste Punkt: Möglichst viele Lichtquellen nutzen, das macht flexibler", erklärt der Designer. Wer ein provisorisches Home-Office im Wohnzimmer eingerichtet hat, könnte überlegen, die zentrale Deckenbeleuchtung vorübergehend durch zwei Stehlampen zu ersetzen. Eine neben der Couch, eine im Eck am Schreibtisch. "Das macht deutlich: Hier ist jetzt mein Arbeitsplatz, drüben am Sofa ist der Lese- oder Fernsehbereich." Eine zusätzliche Arbeitsleuchte direkt am Schreibtisch ist wichtig, die je nach Tätigkeit verschoben werden kann. Näher heran zum Lesen, weiter weg bei der Arbeit am Bildschirm, um Spiegelungen zu vermeiden.

Die Akkuleuchte "Salt&Pepper" von Tobias Grau lässt sich leicht verstellen.

(Foto: Hersteller)

Mehr Platz lässt sich nun einmal auf die Schnelle nicht schaffen, aber mit Licht kann man Räumen mehr Weite verleihen. Das Bedürfnis danach kann ziemlich steigen, wenn sich die fünfköpfige Familie dreimal am Tag in gewohnter Runde zu den Mahlzeiten am Tisch einfindet und man das Gefühl hat: Saßen wir hier nicht gerade erst vor fünf Minuten zusammen? Oder wenn in der Küche plötzlich alles so eng wirkt, seit man täglich am Herd Mittagessen kocht, statt in der Kantine zu essen. "Indirektes Licht lässt Wände und Decken höher erscheinen", sagt Soanca-Pollak. Eine nach oben strahlende Lichtleiste über den Hochschränken zum Beispiel oder einzelne Fluter in Nischen und Ecken vergrößern optisch. "Das kann eine Erleichterung sein in dieser Zeit." Und sie ist mit relativ geringem Aufwand zu haben, trotz geschlossener Baumärkte und Einrichtungsgeschäfte. Es gibt die entsprechenden Lampen auch zum Bestellen.

Große Bedeutung kommt jetzt auch mobilen Leuchten zu, mit denen man nach Belieben seinen Platz in der Wohnung markieren kann. Der Hersteller Tobias Grau, eine der führenden deutschen Marken für Lichtdesign, hat sich schon länger auf solche Modelle spezialisiert. Ob die kleine "Salt & Pepper" oder die minimalistische Stehlampe "Parrot" in Akku-Ausführung: Das sind ideale Begleiter für das Wohn-Nomadentum im eigenen Heim. Auf höchstem Niveau, es gibt Nachahmungen zum deutlich günstigeren Preis, nur ohne die technischen Raffinessen.

Und auch bei Tobias Grau kreist das Gestalten um die Gestirne. "Die Sonne bringt Bewegung in den Tag", sagt Timon Grau, der Sohn des Gründers. "Der spielerische Umgang mit künstlichem Licht bringt diese Bewegung in die eigenen vier Wände." Die Zeiten dafür, das auszuprobieren, sind gerade günstig.

© SZ vom 04.04.2020/jael

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