Rezepte im Netz Buffet des Grauens

Fleischwurstring getarnt als Sandwich mit Ketchup-Mayo-Topping und Farmersalat. Die Sammlung "Worst of Chefkoch" umfasst 330 Rezepte.

(Foto: Stefanie Preuin)

Kacki-Kekse zur Bratwurst-Kröte: Zwei Blogger touren mit den ekeligsten Gerichten von Chefkoch.de durchs Land. Doch was macht eigentlich ein gutes Rezept aus?

Von Regina Steffens

Gäbe es einen Wettbewerb für die zweifelhaftesten Gerichte aller Zeiten, "Nufleika" hätte gute Titelchancen: Der Nutella-Fleischwurst-Toast, der im Ofen mit Scheiblettenkäse überbacken wird, findet sich auf Chefkoch.de, dem mit mehr als 330 000 Rezepteinträgen bekanntesten deutschen Online-Forum für Hobbyköche. Und es steigert den Genuss sicher nicht, dass User "Wursstulle", der den Toast hier eingestellt hat, sich von einer Kindheitserinnerung zu dem Rezept inspiriert fühlte. Der Nachbarsjunge, erzählt Wursstulle, habe sein Fleischwurstbrötchen früher gern mit Nutella bestrichen.

"Nufleika" spielt auf dem Kochforum in einer Liga mit Gerichten wie "Rotwein-Bananen-Suppe" (450 g Bananen in einem halben Liter Rotwein püriert), "Bratwurst-Tarte Hawaii", "Kackikekse" oder der Torte aus grüner Götterspeise. Sie sind Steilvorlagen zum Spiel mit dem Ekel, und weil die Rezepte oft ernst gemeint sind, kann man sich gut darüber lustig machen, sogar vor zahlendem Publikum. Die Kölner Studenten Lukas Diestel und Jonathan Löffelbein haben das erkannt und 330 solcher Gerichte auf ihrem Blog "Worst of Chefkoch" mit Spott überzogen. Inzwischen ist ihre "Rezeptsammlung des Grauens" als Buch erschienen, die Autoren haben 150 000 Facebookfans gesammelt und touren mit einer Lese-Koch-Show durchs Land, mixen auf der Bühne Maggi mit Wodka oder schichten Salzstangen zu Auflauf.

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Das Rezept
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Der kulinarische Abgrund als Geschäftsmodell? Das wirkt nur logisch in einer Zeit, in der Essen Lifestyle geworden ist und so viel über Rezepte geredet wird wie nie zuvor, aber zugleich immer weniger Menschen wirklich kochen. Doch werfen Diestel und Löffelbein mit ihrer Fleischwurst-Comedy nebenbei eine ungewollt ernsthafte Frage auf: Was macht eigentlich heute ein wirklich gutes Rezept aus?

Nach einer Stunde Kochen haben die meisten Menschen keine Lust mehr

Das ist immer schwerer zu beantworten, schließlich steigt die Anleitungsflut am Herd so unaufhaltsam, dass der Überblick lange verloren gegangen ist. Jährlich erscheinen in Deutschland circa 2000 neue Bücher zum Thema Essen und Trinken. Ein Portal wie Chefkoch.de listet allein etwa 1900 Käsekuchenvarianten auf. Die Genussgemeinde ist so nischig wie nie, bei Rezepten lautet die Frage daher heute eher: gut wofür? "Nufleika" mag perfekt sein für Parodien und Partygespräche, Jamie Olivers "15-Minuten-Küche" garantiert, dass auch Doppelverdiener nach der Arbeit noch ein Essen auf den Tisch bringen. Und Köche, die Wert auf Instagram-Glanz legen, stimmen heute auch die Soßenfarbe auf die Einrichtung ab, über den Erfolg entscheiden dann Likes und Kommentare.

Party-Gyrosauflauf

(Foto: Stefanie Preuin)

All das sei natürlich keine Garantie dafür, dass es am Ende schmeckt, sagt Brigitte Berghammer-Hunger. Die Chefin des Restaurants "Ödenturm" in der Oberpfalz ist zugleich Testköchin des Magazins Der Feinschmecker. Sie kocht täglich für Gäste, setzt Menüs auf, schreibt Kochbücher und prüft Rezeptvorschläge auf ihre öffentliche Tauglichkeit. Jedes Rezept behandelt sie wie einen literarischen Text, der mehrere Korrekturschleifen durchläuft.

In der Praxis sieht das so aus: Berghammer-Hunger probiert ein Gericht erst am Herd aus, schreibt ihre Ideen und den Kochablauf auf. Dann gibt sie den Entwurf an Leute weiter, die kaum Erfahrung mit dem Kochen haben. Ihre Testpersonen sind die Kinder ihrer Cousine, 16 und 18 Jahre alt. Die Köchin beobachtet die Teenager beim Kochen genau. "Wenn im Rezept steht: Zwiebeln in dünne Scheiben schneiden, heißt das für mich: maximal zwei Millimeter breit." Schneiden die Teenager dann "dicke Brocken" ab, präzisiert sie das Rezept, lässt einen Lehrling erneut kochen und probiert es dann selbst noch einmal. Erst danach gibt sie ihren Text frei.

Ein gutes Rezept ist also zuallererst ganz banal eine haargenaue Anleitung, bis auf die letzte Grammzahl und Garminute. Hier gilt: Alles Gute ist konkret.