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Modeblogger Carl Jakob Haupt:Hier fehlte, was einem Mode so unerträglich machen kann

Damals in New York machte es den Eindruck, dass sie vielleicht nur ganz froh waren, dass es mal nicht immer nur Mode ging. Zurück in Berlin und in besserer Kenntnis ihres Blogs wurde dann erkennbar, dass sie an das Thema Mode offenbar einfach nur immer schon ähnlich herangegangen waren wie die wichtige Kasseler Hardcore-Band Ryker's an die Welt der Noten und der Harmonien. Was einem das ganze Geschnatter über Mode nämlich so unerträglich machen kann, dieses grundsätzlich affirmative Gehechel, die Speichelleckerei, das irre Gebettel um Teilhabe am Glamour und am Geld: Das alles war hier auf eine wohltuende Weise anders.

Stattdessen ging es, nur zum Beispiel, sehr explizit um die Kinderarbeit in einer Branche, die sich selbst die teuersten Teile oft billig in Asien zusammennähen lässt. Aber die Konsequenz war eben nicht der leider gerade in Berlin verbreitete Irrglaube, dass Mode an sich abzulehnen und die Flucht in Funktionsjacken und Trekkingsandalen eine Lösung wäre, und zwar für was auch immer. Dass Kritik nicht zwingend als Genöle daher kommen muss, sondern dass auch brachialer Hedonismus eine Option sein kann: Hinter diese Erkenntnis kommt seit Dandy Diary keiner mehr zurück, selbst im kritischsten Kreuzberg und Neukölln nicht, wo Haupt und Roth mit ihrem veganen Imbiss "Dandy Diner" zuletzt noch für Aufläufe gesorgt hatten, gegen die selbst die Schlangen vor der Currywurstbude am Mehringdamm mittags ein Witz sind. Wenn die beiden nicht gleich zwei Männer, sondern ein Mann und eine Frau gewesen wären, hätten sie eigentlich exakt die Parteispitze abgegeben, die den Grünen mal zu wünschen wäre.

Vermutlich muss man vor kurzem erst aus New York zurück nach Berlin gezogen sein, um zu erkennen, dass diese Stadt in ihnen auf einmal hatte, was anderen inzwischen fehlt. Und vermutlich hätte es sich gelohnt, Haupt und seinen Kompagnon Roth auch einmal durch das strenge Lorgnon des Feuilletons zu sehen - als die Art von Impresarios, die in Leuten wie Andy Warhol ihre Vorväter hatten.

Aber leider ist es dafür jetzt zu spät, denn Carl Jakob Haupt ist Karfreitag, wie jetzt seine Familie mitteilt, mit 34 Jahren gestorben. Er hatte Krebs. Und auch wenn man ihn also viel zu wenig und allenfalls aus der Halbdistanz erlebt hat, ist seitdem zu spüren, wie sehr so einer wie er jetzt schon fehlt in Berlin, aber eigentlich auch in New York, und in der sogenannten Welt der Mode sowieso.

© SZ.de/ebri
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