Britischer Autor:Ich koch mir meine Welt

Lesezeit: 6 min

Nigel Slater

Britischer Erfolgsautor: Nigel Slater

(Foto: Johnathan Lovekin)

Nigel Slater feiert großen Erfolg mit Kochbüchern, die viel mehr sind als Kochbücher. Es geht nicht um das raffinierteste Rezept, sondern die Frage, was das Rezept mit dem eigenen Leben macht.

Von Marten Rolff

Nigel Slater leidet, wenn er Besuchern seinen Garten zeigen soll. Er leidet daran, dass die zweite Frucht des Feigenbaums nie reif wird. Er leidet an den Löchern, die Londons Großstadtfüchse in den Mutterboden an der Hausmauer buddeln. Er leidet daran, dass er wegen seiner vielen Termine beim Baumschnitt nicht nachkommt. Doch ganz besonders leidet Slater am Buxus. Dort, wo im Frühjahr noch eine akkurat geschnittene Hecke die Grenze zu den Beeten markierte, schlängelt sich, auf Kniehöhe, braunes Gestrüpp entlang der Steinwege. "Raupen!", stöhnt Slater und zieht ein schiefes Gesicht, "sie haben alles kaputtgefressen, es ist furchtbar, ich werde die Hecke rausreißen müssen."

In England ist der Garten des Autors und Gastrokolumnisten Nigel Slater fast so bekannt wie sein Besitzer selbst. Und dass dieser Garten auch Kummer bereitet und gerade nach nicht viel aussieht, sind paradoxerweise wichtige Gründe für seine Bekanntheit. Ein schmales Handtuch Land, kaum größer als hundert Quadratmeter. Ein Hintergarten, wie er für Millionen Briten vorstellbar ist, wie er zu Tausenden Reihenhäusern in London gehörte, bevor Immobilienwahn und Nachverdichtung immer mehr Landgewinne machten.

Vom Kampf, wirklich alles auf einem Erdstreifen unterzubringen

Auf diesem Flecken Stadt, auf dem andere Geranien und Rhododendren pflanzen würden, gründet ein guter Teil von Nigel Slaters Erfolg. Und zwar lange bevor Guerilla-Gardening oder Basilikum auf Verkehrsinseln ein Thema wurden. Slater schrieb zum Beispiel einen Kochbuchwälzer über seinen Garten. Zwei Bände. 600 Seiten für Gemüse und 600 Seiten für Obst. Sie handeln vom Kampf, wirklich alles auf diesem Erdstreifen unterzubringen, von Erbsen und Feuerbohnen über Brown-Turkey-Feigen und Doyenné-du-Comice-Birnen bis zu King-James-Maulbeeren. Vom alten englischen Sortenreichtum. Von der Lust und vom Leiden an der eigenen Scholle. Und davon, wie die Ernte am Herd zur köstlichen Belohnung wird. Schien all das nicht zu zeigen, dass auch ein Ahnungsloser aus ein paar Quadratmetern Halbschatten ein Paradies erwachsen lassen kann?

Natürlich ist Nigel Slater nicht ahnungslos, sondern als Autor längst so erfolgreich, dass seine Bücher auch ins Schwedische oder Koreanische übersetzt werden. In Deutschland ist gerade sein neues Buch erschienen, das - ebenfalls kulinarische - "Wintertagebuch" (Dumont-Verlag). Was die Frage aufwirft, wieso einem zwar kein deutscher Koch einfällt, der sich je in Großbritannien an der Veröffentlichung eines Rezeptbands oder auch nur eines Bändchens mit Bratwurstanekdoten versucht hätte; warum aber ein Mann aus London damit Erfolg hat, deutschen Lesern von seinen Besuchen auf dem Nürnberger Christkindles-Markt vorzuschwärmen? Wieso er von Stollen, Keksrezepten, Weihnachtspyramiden und Schneetreiben berichtet, als wäre er im Erzgebirge aufgewachsen? Die Antwort von Nigel Slater klingt einfach: "Ich liebe den Winter. Und es gab noch kein Buch, das ihn gefeiert hätte."

Für grundsätzlichere Antworten muss man dann weiter ausholen. Denn während deutsche Köche, Autoren, Verlage und Produzenten das Thema Kulinarik bis heute oft als bloße Rezeptsammlung begreifen, haben die Briten früh verstanden: Was den Menschen am Thema Essen am meisten interessiert, ist: der Mensch. Entsprechend atmen selbst mittelmäßige Rezepte in England großartige Lebensgeschichten. Im Kosmos der Foodautoren und Fernsehköche ist jede Nische glaubwürdig besetzt. Und Nigel Slater spielt eine Hauptrolle: den "großen Nostalgiker".

Die einen finden ihn poetisch, andere entschieden zu sentimental

Über seinen Garten im späten September schreibt Slater zum Beispiel: Er "nimmt die Farbe eines Honigkuchens an, mit Safran, hellem Ocker und tiefstem Purpur. Farben wie im Vatikan bei der Andacht. Die verbliebenen Beeren, Äpfel und Pflaumen, nass und fast schon faulig von den letzten Sonnenstrahlen, verleihen ihm einen sanft alkoholischen Duft wie Reste in einem Weinglas. In einer Luft, die nach feuchtem Tabak und Holzrauch riecht, fällt der Garten in den Schlaf."

Die einen finden das poetisch, andere entschieden zu sentimental. Doch unbestreitbar ist, dass Slater mit solchen Sätzen ein Grundbedürfnis berührt. Weil Essen in einer immer schnelleren, immer digitaleren Welt eines der letzten analogen Rückzugsgebiete ist. Es scheint die Sehnsucht nach echtem Erlebnis zu stillen, nach Jahreszeitlichkeit, Vergangenheit, nach frühkindlichen Gerüchen und Geschmäckern, kurzum: nach heiler Welt. Und wenn der 60-Jährige für diese Sehnsucht die wichtigste Stimme ist, dann hat das nicht nur mit dem sanften Tonfall zu tun, mit dem er in seinen Büchern, Fernseh-sendungen oder Zeitungskolumnen über Essen schreibt und spricht, sondern vor allem mit seiner Lebensgeschichte.

Viele Briten waren gerührt, als Slaters Autobiografie erschien. "Toast. The Story of a Boy's Hunger" (vor kurzem auf Deutsch neu aufgelegt: "Toast. Wie ich meine Leidenschaft für das Kochen entdeckte") wurde als "Biografie des Jahres" mit Preisen überhäuft. Sie handelt von einem übersensiblen Jungen, dessen glückliche Kindheit jäh endet, als er mit neun Jahren seine Mutter verliert. Und der sich fortan einen grotesken Back- und Kochwettstreit mit der verhassten Stiefmutter liefert, weil Essen der einzige Weg ist, sich die Zuneigung des distanzierten Vaters zu sichern.

Kochen als Kampf um Anerkennung

Mit der Verfilmung des Buchs durch die BBC vor acht Jahren wurde Slater endgültig bekannt. Sechs Millionen Zuschauer sahen, wie eine ordinär überschminkte Helena Bonham Carter ( in der Rolle der Stiefmutter und ehemaligen Putzfrau der Familie) kalkuliert mit dem Hinterteil wackelt und versucht, einen Zehnjährigen beim Kochen auszustechen. Als der Junge heimlich versucht, "ihre göttliche Zitronen-Baiser-Torte" zu kopieren, macht sie schnell eine zweite für den Vater. "In diesem Haus backe ich die Zitronen-Baiser-Torte, du kleiner undankbarer Scheißer", zischt sie.

Natürlich sei der Stoff dramaturgisch überzeichnet, räumt Slater ein, schon die Biografie habe sein älterer Bruder mit den Worten kommentiert: "Ja, ja, ein schöner Roman, Nigel." Doch der Kern sei wahr: das Kochen als Kampf um Anerkennung, als ödipaler Kraftakt, die Konkurrenz zur Stiefmutter, die Flucht aus dem Haus mit 16, als der Vater gestorben war. "Auf eine Art sehne ich mich bis heute nach der Zeit vor dem Tod meiner Mutter zurück", erklärt Slater. Egal, ob es um Birnenkompott, Holzspielzeug oder Christbaumschmuck gehe: Das sei sein Motor.

Es sei ihm bewusst, dass er es weit treibe mit der Nostalgie, sagt Slater

Vor den Londoner Himmel hat sich eine dieser bleifarbenen Decken gezogen, Slater ist vom Garten in die Küche gewechselt, wo er mit Sorgfalt Darjeeling aufgießt. Ein Mann in dunklem Hemd, schwarzen Chinos und polierten cognacfarbenen Halbschuhen. In einer Altbauküche aus gekalktem Backstein, mit nordenglischem Sandsteinboden und zwei Kaminschächten. Einerseits wirkt das sehr klassisch. Andererseits macht diese Ästhetik den 60-Jährigen moderner, als man denken würde. Jeder Quadratzentimeter hier ist instagramtauglich. Und vielen seiner Fans dürfte es wegen der vielen Fotos, die Slater postet, so vorkommen, als hätten sie schon einmal in dieser Küche gesessen.

Slater deckt den Tisch mit Porzellan ein und schneidet zwei Stücke von einem Schokoladenkuchen ab. Dann fixiert er den Besucher beim Kauen, um fast ängstlich zu fragen: "Und, schmeckt der Kuchen weihnachtlich? Ja? Oh, ich bin so froh, dass Sie das sagen, denn das soll er ja auch." Das Rezept stammt aus dem "Wintertagebuch", wo Slater noch einmal aus seiner Autobiografie zitiert: "Kuchen hält eine Familie zusammen. Wenn Kuchen im Haus war, dann war mein Vater ein anderer Mensch."

Slater sagt, ihm sei bewusst, dass er es weit treibe mit der Nostalgie. Aber er sei eben überzeugt davon, dass Essen so sehr unseren innersten Kern berühre, dass man sich regelrecht glücklich essen könne. Wenn es ihm nicht gut geht, isst er etwas Gutes, "so wird Essen zur Medizin". Und der Erfolg seiner Bücher, die vielen Leserzuschriften scheinen ihm recht zu geben. Nichts stimme ihn froher als wenn Menschen ihm sagten, sie läsen seine Kochbücher auch im Bett. Neulich erst war er bei seinem Gemüsehändler im Stadtteil Islington, als ein Mann auf ihn zukam: "Sie sind Nigel Slater, oder? Wenn ich das meiner Frau erzähle! Sie müssen nämlich wissen: In unserer Ehe sind wir zu dritt."

Der Stil seiner Rezepte, so sagt Slater selbst, ist eher bodenständig. Pies, Crumble, Braten; eine klar englisch inspirierte Küche, aus guten Produkten, europäisch verfeinert und leicht modernisiert, "echtes Essen mit Herz und Geschmack" eben. Und für jeden nachmachbar. Er wollte immer Koch werden, arbeitete auch nach der Schule in verschiedenen Küchen, aber letztendlich sei er unfähig für diesen Beruf: "Zu unpräzise. Und vor allem nicht teamfähig."

Kochend zum Regisseur seiner heilen Welt

Dass er sich nun über den Umweg des Schreibens mit Essen beschäftigt, war ein Zufall, der ihm als Einzelgänger sehr entspricht. Seit 25 Jahren schreibt er Essenskolumnen für den Observer. Dazu die Bücher. Er schätzt geregelte Tagesabläufe. Früh aufstehen, schreiben, Besorgungen machen, kochen, wieder arbeiten. Slater sieht keinen Widerspruch darin, dass er Soulfood für gesellige Runden propagiert und der guten alten Zeit nachhängt, aber selbst allein in diesem großen Haus lebt und gern allein isst. Schließlich bedeute allein nicht einsam, sagt er.

Am Ende zeigt der Gastroautor Nigel Slater wohl so gut wie niemand anderes, wie man kochend zum Regisseur seiner heilen Welt werden kann. Welche Macht die bloße Beschreibung von Bratenkruste, oktobergoldenen Äpfeln oder von Zuckerguss auf Zimsternen entfalten kann. Die menschliche Vorstellungskraft sei erstaunlich, sagt Slater. Denn natürlich sei früher nicht alles besser gewesen. Doch wer nostalgisch ist, sehne sich nicht nur nach früheren Zeiten zurück, sondern baue sich auch immer mehr die Welt, die er früher gern gehabt hätte. Man glaubt Nigel Slater, wenn er sagt, dass er in diesem Jahr auf Schnee hofft. In London, zu Zeiten des Klimawandels. "Der Garten", sagt er, "wird wunderschön aussehen unter der weißen Decke."

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