bedeckt München 22°

Dem Geheimnis auf der Spur:Die Ideallinien

Nervosität und Hoffnung: An Börsencharts lässt sich vieles ablesen - und noch mehr interpretieren.

(Foto: mauritius images)

Von Kurven und Charts: Börsenanalysen sind oft so rätselhaft wie die Voraussagen der alten Römer aus der Eingeweideschau.

Von Rudolf von Bitter

Der Schotte John Law ging in die Geschichtsbücher ein als Mitverursacher eines riesigen Staatsbankrotts in Frankreich, Karl Marx nannte ihn einen "Mischcharakter von Schwindler und Prophet". Dabei hatte es ganz hochbegabt angefangen: Als brillanter Kopfrechner entwickelte er die Fähigkeit, im Glücksspiel schneller als andere die Gewinnchancen zu erkennen, wie auch sein Zeitgenosse Voltaire mit derselben Begabung einmal die Lotterie gesprengt hat. Law setzte verstärkt auf Papiergeld, was gegen die Geldentwertung (das Metall der Münzen wurde "gepanscht") sinnvoll war, solange der Wert des Papiers durch Edelmetalle und Boden gedeckt war. Er durfte die Banque Générale gründen und organisierte ein Kolonisationsunternehmen, das im Desaster der "Mississippi-Blase" endete - als nämlich erkennbar wurde, dass die versprochenen Renditen nicht zu holen sein würden, tauschten die Aktionäre ihre Aktien in Münzgeld, das aber nicht reichte.

Im 19. Jahrhundert folgten allerwärts Spekulationen und blitzartige Reichtumsgewinne, die Börse lockte Hasardeure und Täuscher, biedere Anleger verloren oft genug ihre Existenz. Um da etwas Klarheit zu schaffen, begann der amerikanische Wirtschaftsjournalist Charles Dow, Kursverläufe zu analysieren. Dow hatte einen ersten Aktienindex ins Leben gerufen, überwiegend bezogen auf amerikanische Eisenbahnaktien, und 1896 den bis heute maßgeblichen Dow Jones entwickelt. In dem von ihm mitbegründeten Wall Street Journal veröffentlichte er zwischen 1899 und 1902 eine Artikel-Serie über die Beobachtung von Trends, die später, ausgearbeitet von William Hamilton, als "Dow Theory" den Ausgangspunkt der Technischen Analyse bildeten.

Die Kurse stecken voller Symbolik

Was Dow aus Kursverlaufsevaluation und Marktphilosophie zu einem Auswertungssystem entwickelte, hat bis heute seine Anwendbarkeit behalten - allerdings stets im Nachhinein. Anleger wollen aber vorher wissen, was sie tun sollen. Sie leiten aus den Analysen eine Zukunftsvermutung ab, und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Kann man kommende Kursverläufe, Charts, anhand der bisherigen vorausbestimmen?

Weil die gezackten Kurven, die entstehen, wenn man auf einer Timeline die jeweiligen Tagesschlusskurse einer Aktie oder eines Index verbindet, so abstrakt sind, haben die Charttechniker Bilder geprägt, zum Beispiel wie die Kurse nach dem Corona-Crash wieder aufwärts strebten: "Ein V!", statt eines befürchteten "L". Es wird dann nur noch vom Bild geredet, das der Buchstabe schafft, nicht mehr von dem, was er symbolisiert (schnelle Erholung oder Verharren auf der Talsohle), und erst recht nicht, worum es geht, nämlich um das Verhalten der Anleger: Denken die, dass es bald wieder wird, so dass sie ihr Geld wieder in Aktien anlegen? Oder sind sie skeptisch und glauben nicht an die Kraft der Investitions- und Unterstützungsprogramme, die reihum aufgelegt wurden?

Geradezu menschlich mutet der Begriff der "Schulter-Kopf-Schulter-Formation" an. Charttechniker und die, die auf sie hören, werden nervös, wenn sie bemerken, dass sich in einem Kursverlauf eine solche Formation bildet. Es sieht aus wie ein Mensch mit sehr spitzer linker Schulter, spitzem Kopf und ebenso spitzer rechter Schulter. Dabei ist die Nackenlinie, die von den beiden Tiefpunkten links und rechts vom Kopf markiert wird, in dem Moment von Bedeutung, in dem der Kurs diese Linie zum dritten Mal auf seinem Weg von oben nach unten erreicht und überquert: Dann ist die Kopf-Schulter-Formation erfüllt. Und die besagt, dass der Kurs weiter fällt, und zwar so tief wie der Abstand vom Scheitel bis zur Nackenlinie. Es gibt auch die umgekehrte Kopf- und Schulter-Formation mit dem Scheitelpunkt unten; sie signalisiert das Ende fallender Kurse. Und es gibt, immer nach Dow, noch mehr: Der "gebrochene langfristige Aufwärtstrend" und der "gebrochene mittelfristige Abwärtstrend", "Widerstandszone" und "Unterstützungslinie" und ihre "Bruchstellen" lassen ein bizarres Universum entstehen, dessen Diagramme exakt und wissenschaftlich wirken, während Dow bloß sehen wollte, was sich tat. Dass er nicht in den Intervallen eines Hochfrequenzhandels dachte, geht heute natürlich gar nicht mehr.

Wer an den Börsentagen vom 10. bis zum 20. März 2020, den Tagen des Corona-Crashs, eine der einschlägigen Websites beobachtet hat, auf denen die Kurszahlen in Echtzeit rosa für Verkäufe und leicht grün für Käufe unterlegt werden, wobei sich die Kursziffer laufend verändert, der bekam eine Vorstellung davon, wie Aktien abgegeben und geordert werden, wie sich ein Boden bilden kann, weil Verkäufer und Käufer dem Kurs bei einem bestimmten Niveau die Waage halten.

Auf psychologische Beweggründe geht der Charttechniker nicht ein, obwohl sich hier sein Spielfeld erst öffnet. Unsichere Anleger orientieren sich unter anderem an den Signalen der technischen Analyse und verstärken so deren Bedeutung für die Börse. Mit dieser Interaktion zwischen der Kursdeutung und den Effekten dieser Kursdeutung schafft die Prognose ihre eigene Erfüllung, dass nämlich, wenn einer den Kurs als steigend deutet, eine bestimmte Anzahl Anleger die entsprechende Aktie daraufhin kauft. So liegt das Geheimnis in der Bespielung des Nervositätspotentials, das in jedem besteht, der sein Geld mit der Hoffnung auf künftige Erträge anlegt. Ein alter Bankdirektor sagte, die Börse sei keine U-Bahn, wo zum Ein- und Aussteigen geklingelt wird. Das Geheimnis der technischen Analyse liegt in der Tonart, wie hier die Zukunft besungen wird: technisch kühl. Das beruhigt ängstliche Gemüter, wie das Pfeifen im Walde.

© SZ vom 13.03.2021
Zur SZ-Startseite
BRITAIN

Dem Geheimnis auf der Spur
:Mit dem Latein am Ende

Die zehn Buchstaben am Schäferdenkmal im Park des englischen Landsitzes sind bis heute nicht entschlüsselt. Wofür stehen die geheimnisvollen Lettern?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB