Mode Wiener Dirndl-Virtuosin

Susanne Bisovsky zerlegt die festgezurrten Gewandregeln für Dirndlrock, Spenzer oder Bluse, um die Einzelteile zur freien Verfügung für Neues zu haben.

(Foto: Susanne Bisovsky)

Designerin Susanne Bisovsky löst kunstvoll das Trachten-Klischee auf. Sie vereint in ihren Entwürfen Habsburger Opulenz mit andalusischen Akzenten.

Von Anne Goebel

Manchmal passen Ort und Werk fast zu schön zusammen, um wahr zu sein. Für eine Modeschöpferin in Wien mit einer Schwäche für verflossene Zeiten kann es keine bessere Adresse geben als den Brillantengrund. Allein dieser Name klingt magisch, eine alte Bezeichnung für den 7. Bezirk, in dem einst Tuchfabrikanten reich wurden. Susanne Bisovsky hat ihren Salon für "Haute Couture und Prêt-à-porter" in der Seidengasse 13. Es geht über Kopfsteinpflaster durch einen Torbogen. Im ersten Stock bittet die Designerin in ihr Atelier mit Kronleuchter. Ein sehr wienerischer Auftakt.

Derlei bekommt Bisovsky öfter zu hören, sie lächelt nachsichtig. "Ach ja, Sie finden das typisch Wien?"

Und klack, schon schnappt die Klischeefalle das erste Mal zu. Das kann in diesem Atelier schnell passieren. Kaum jemand spielt in der Mode so virtuos mit Stereotypen wie die Österreicherin. Das gilt für die Einrichtung der Räume in k. u. k. Manier (Hutschachteln, Fransenlampe) - bitte, da muss man doch Sigmund Freud oder die Walzersippe Strauss hinter der nächsten Tür vermuten. Und das gilt vor allem für ihre Entwürfe. Susanne Bisovsky macht Tracht, und in kein anderes Stück Textil wird seit Generationen so viel an Bedeutung interpretiert. Heimat. Beständigkeit. Alte Werte. Tracht ist das Modeklischee.

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Da macht es natürlich besonders viel Freude, die Erwartungen zu enttäuschen. Versatzstücke eines bestimmten Kleidungsstücks oder Stils in einen ungewohnten Look zu verwandeln, das nennen Modefachleute gerne hochtrabend Dekonstruktion. Und Susanne Bisovsky zerlegt die festgezurrten Gewandregeln für Dirndlrock, Spenzer oder Bluse, um die Einzelteile zur freien Verfügung für Neues zu haben. Ihre Trachtlerinnen sehen aus wie ein Mix aus tartarischer Windsbraut und Tirolerin. Oder wie mondäne Schwarzwaldmädel mit andalusischem Putz. Ihre luxuriösen Kreationen kommen an, die 50-Jährige ist viel beschäftigt. Eine Ausstellung im Weltmuseum Wien, Projekte mit dem Kristallkonzern Swarovski - die Geschäfte laufen.

Dralle Dirndl mit Totenkopf wird man bei Susanne Bisovksy (hier im Bild) nicht finden. Dafür Akzente aus aller Welt.

(Foto: Susanne Bisovsky)

Sie beherrscht das Jonglieren mit Folklore-Elementen

Als "Schaukasten" bezeichnet die Designerin beim Rundgang ihre Werkstatt, das trifft die Atmosphäre in den vier Meter hohen Räumen ganz gut. Bisovsky, in schwarzer Tunika und Filzturban à la Beauvoir, führt vorbei an Schatullen mit Knöpfen und alten Borten, an einem Dutzend ausladender Bauernhüte an der Wand. Neben bunten Schultertüchern hängt eine Reihe lodengrauer Wollröcke, nach alter Plissiertechnik in Falten gelegt. Das ist der Fundus, das textile Reservoir. "Meine Schätze", sagt Bisovsky und öffnet eine Schublade voller zerschlissener Perlenbeutel, die sie mit geübtem Griff entwirrt.

Was sie am Ende aus alten Versatzstücken und neuen Stoffen zusammensetzt, hängt zur Anprobe auf Bügeln bereit: Taillierte Kleider, Schößchenjacken aus Spitze, ein Jackie-Kennedy-Mantel in perfekter A-Linie. Bisovskys Kollektionen heißen "Schöne Wienerin" oder "Dreimäderlhaus", aber volkstümlich im herkömmlichen Sinn ist keiner der Entwürfe. Vielmehr wird Tracht hier als Stilrepertoire begriffen und zitiert, so wie die Mode ja grundsätzlich ihre Anklänge an Epochen und Kulturen offenlegt - etwa durch das Nachahmen des Hippie-Looks oder das Einarbeiten japanischer Elemente.

Die Modeschöpferin beherrscht das Jonglieren mit Folklore-Elementen virtuos. Harmonische Proportionen, viel bestickter Rosenstoff, ein Paar geknöpfte Stiefeletten hier, aufgenähte Häkeldeckchen dort: Das ist in einer ziemlich einmaligen Melange elegant, ironisch und kunstfertig zugleich. "A magical collection", schwärmte sogar die Großkritikerin Suzy Menkes. Seither kommt die Klientel auch aus New York oder Shanghai. Zu Hause in Wien schob die medienwirksame Maßanfertigung eines Abendkleids für die damalige Opernballchefin Desirée Treichl-Stürgkh den Umsatz an.

Susanne Bisovsky hat ihre detailverliebte Handschrift schrittweise entwickelt. Nach der Ausbildung an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien holt sie der französische Designer Jean-Charles de Castelbajac nach Paris, später entwirft sie für den puristischen Helmut Lang und das Label Kathleen Madden. Aber die Faszination für Tracht, über die Kommilitonen "die Nase rümpfen, das galt damals als provinziell", lässt sie nicht los. Als Bisovsky 1999 ihr Label gründet, bringt sie also Erfahrung mit. Sie weiß, dass man als Newcomer nur in einer Nische überlebt. Sie ist versiert in Schnitttechnik. Und sie kann weglassen. "Das habe ich von Helmut Lang gelernt, im richtigen Moment aufhören." In ihrem Fall bedeutet das: dosierte Opulenz.

Die Wiener Designerin mag es, das Exotische mit dem Traditionellen zu verbinden.

(Foto: Bianca Hochenaue)

Ihre Beute auf dem Flohmarkt: ein moldawischer Teppich, der später zum Rock wird

Bei Haute Couture kann das bis zu 4500 Euro kosten. Abseits des Modebetriebs fühlt sich die Österreicherin am wohlsten, als eine Art Orchideenlabel. "Strange beauty" attestierte Suzy Menkes ihren Entwürfen, eine fremde, fremdartige Schönheit. Sie pfeift auf den Stakkato-Output der Modewochen, arbeitet lieber bestehende Modelle immer wieder um, variiert Stoffe und Besätze. Basics sind figurbetont geschnittene Röcke und Kleider. Taillenkurze Jacken, anliegende Oberteile, die in einer Kooperation mit der Porzellanmanufaktur Augarten auch mal mit klirrenden Keramikplättchen besetzt sein können.

Wenn ihr bei Beutezügen auf Flohmärkten ein moldawischer Rosenkelim ins Auge fällt, hängt der irgendwann als Rock auf einem Bügel im Atelier. Wie man so etwas trägt? Zu Sneakers zum Beispiel, oder mit einem weißem T-Shirt. Ein Bisovsky-Teil funktioniert am besten als alleinstehende Extravaganz. "Von Kopf bis Fuß in meinen Sachen", sagt sie selbst, "das würd' ich nicht machen."

Außer für Werbeshootings natürlich, und die märchenhaften Bilder haben im Netz ihren Teil beigetragen zur leisen, aber beharrlichen Karriere der Wienerin. Komplette Geschichten werden in den Fotostrecken erzählt, von verlassenen Datschen im Winter, bleichen Schneeköniginnen. Häkelstrümpfe zu High Heels, Berchtesgadener Strick zur spanischen Mantilla: Epochen- und Regionsgrenzen interessieren Bisovsky nicht. Ihr Begriff von Tracht fügt altehrwürdige Muster und Formen mit Bedacht zusammen - weit entfernt vom spaßig drallen Totenkopfdirndl und ähnlich missglückten Promenadenmischungen der Landhausmode.

So kunstvoll geschmückt können Beine sein.

(Foto: Jenny Koller)

Von falschen Freunden ist Susanne Bisovsky übrigens verschont geblieben, "und darüber bin ich froh", sagt sie. Die eine oder andere Rechtsaußendame könnte in Zeiten der schwarz-blauen Regierung in Wien ja durchaus Interesse an einer Trachtendesignerin haben. Aber dieser Kundin wären die Modelle aus der Seidengasse garantiert zu wenig forsch und adrett. Hier umweht alles ein Hauch Melancholie und Weltflucht.

Was wiederum ein typisches Merkmal folklorelastiger Mode ist, die in Wellen immer wieder aufkommt. Trachten als Gegenentwurf zur kalten, technisierten westlichen Gesellschaft: Das hat schon in den Siebzigern den Erfolg der berühmten "Collection Russe" von Yves Saint Laurent befeuert. Nach demselben Prinzip löste Chanel vor vier Jahren mit Karl Lagerfelds Salzburger Defilee Euphorie aus, als Models wie Cara Delevingne, Inbegriff des Großstadtmädchens, das Rosenresli gaben.

So wie es aussieht, kann Susanne Bisovsky ihr Spiel mit Klischees noch eine Weile treiben. Die niederländische Trendforscherin Li Edelkoort hat soeben ein zunehmendes Interesse an Tracht prophezeit.

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