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Möbel:Birkenrinde - perfekt für nachhaltiges Design

Anastasiya Koshcheeva

Zwischen Baum und Borke: Anastasiya Koshcheeva in ihrer Werkstatt.

(Foto: Pedro Gething)

Wer Birke hört, denkt man Pollenallergie und billige Möbel. Eine Designerin aus Berlin hat die Rinde des Baumes als Werkstoff wiederentdeckt - und stellt damit erstaunliche Objekte her.

Zu Birken fallen einem hierzulande vor allem zwei Dinge ein: Pollenallergie und Holz, aus dem man billige Möbeln oder Spanplatten macht oder das gleich verheizt wird. Die wenigsten wissen, dass das Interessanteste an der Birke außen herum ist, die Rinde nämlich. Ein Material, das wärmt und Wasser abweist, das sowohl antibakterielle als auch dämmende Eigenschaften hat, das sich biegen und zuschneiden lässt. Kurz: ein Stoff, wie geschaffen für Design.

Eine Gestalterin hat die Rinde der Birken dann auch für sich entdeckt, genauer gesagt: sibirische Birkenrinde. Das liegt daran, dass die Birkenarten, deren Rinde man abziehen und verarbeiten kann, vor allem in Russland, Kanada, Skandinavien und im Baltikum heimisch sind. Und es liegt daran, dass die Designerin selbst aus Sibirien stammt, dem Landstrich der unendlich weiten Birkenwälder, schneebedeckt im Winter, weiß und grün im Sommer.

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Anastasiya Koshcheeva heißt sie, zum Interview bittet sie in einen Gewerbehof in Berlin-Kreuzberg. Im knallgelben Trakt im letzten Hinterhof war früher eine Eierlikör-Fabrik, jetzt hat Koshcheeva dort zwischen Start-ups und einer Sammelstelle für alte Bücher ihre Werkstatt und ein Büro.

Koshcheeva, 32, kam vor dreizehn Jahren nach Deutschland. Eigentlich wollte sie nur die Sprache lernen, dann blieb sie aber, um in Coburg und Potsdam Produktdesign zu studieren. Sie weiß noch genau, wie ihre Mutter ihr vor der Abreise sibirische Spezialitäten mitgab, damit sie die Heimat nicht vergisst. Die Mutter packte sie in eine dieser Dosen, die man überall in Sibirien als Souvenir kaufen kann, braun und rund, mit einem Holzdeckel und folkloristischen Verzierungen darauf. Weil das klobige Teil nicht unbedingt ihrem Geschmack als angehende Designerin entsprach, habe sie es im hintersten Schrank verstaut, sagt Koshcheeva. Erst mehrere Jahre später fiel es ihr wieder in die Hände - und die Kekse und Pinienkerne darin waren immer noch frisch. Die Dose war aus Birkenrinde.

Die Birke steht für Leben und Weiblichkeit

Da begann Koshcheeva sich näher für den Werkstoff zu interessieren, der so typisch für ihr Heimatland ist. Sie wuchs in der Großstadt Krasnojarsk auf, Holz und Handwerk waren in ihrem Leben allgegenwärtig, ihr Vater und ihr Großvater arbeiteten als Tischler, der Großvater auch als Künstler. Und die Familie hatte, wie so viele Russen, eine Datscha auf dem Land. Dort wurde im Frühsommer die Birkenrinde geerntet, und auf der Terrasse stand frisch gezapftes Birkenwasser.

Die Birke sei allgegenwärtig in Russland, sagt Koshcheeva. Sie gelte als Symbol der russischen Seele, stehe für Leben, Erneuerung und Weiblichkeit, früher schrieb man ihr magische Kräfte zu. Die russische Literatur ist voll von Geschichten über Birken, vor einigen Jahren kam ein Roman der deutsch-russischen Autorin Olga Grjasnowa heraus, er heißt: "Der Russe ist einer, der Birken liebt".

Moya Panels

Sessel mit Fußteil, natürlich mit Birkenrinde bezogen.

(Foto: Frieder Reuter)

Doch von dieser Liebe ist nicht mehr viel übrig. Mit dem Ende der Sowjetunion verfiel auch das Handwerk. Heute geht es den Birken in Sibirien wie überall sonst: Sie werden gefällt, um minderwertiges Nutzholz zu gewinnen, die Rinde wird dabei nicht selten verbrannt. Nur im Kunsthandwerk existiert die Birkenrinde noch, meistens wird sie von Familien verarbeitet, die zu Hause am Küchentisch Körbe, Behälter, Pantoffeln und Souvenir-Kitsch daraus machen. Die innere Seite der Rinde wird dabei nach außen gekehrt, weil sie glatter und dunkler ist.

Koshcheeva nimmt die Rinde so, wie sie am Baum wächst, samt den natürlichen Maserungen und Auswüchsen. Die kombiniert sie mit kantigem Holz oder knallorangen Nähten, sie macht Geflechte für metallene Hocker daraus, Armbänder für Uhren oder Schirme für Leuchten - eine technisch anmutende Formgebung, die das Organische der Rinde zugleich ergänzt und kontrastiert. Oder Koshcheeva schneidet große, rechteckige Platten aus der Birkenrinde, presst sie flach und macht daraus Wanddekoration - die rauen, weißen und grauen Flächen mit den vielen Wucherungen und Fasern haben etwas von abstrakten Kunstwerken.