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Möbel:Ernten, ohne dass der Baum stirbt

Als Designerin könne man sich kein besseres Material wünschen, sagt Anastasiya Koshcheeva. Weil man nie wisse, auf was für Formen und Muster man beim Abschälen der Birkenrinde stoße, jedes Stück sei anders, ein Original. Und erst der Rohstoff selbst: Es gibt wenig, wofür man Birkenrinde nicht verwenden kann. Sie ist weich und biegsam wie Kork oder Leder und dennoch robust, weshalb man sie nicht besonders aufwendig pflegen muss.

In der Steinzeit hat man das Pech aus der Birkenrinde als Klebstoff verwendet, schon Ötzi trug ein zylinderförmiges Gefäß aus Birkenrinde bei sich. Später hat man aus Birkenrinde Schuhe, Kleidung und Taschen hergestellt, man hat sie geerntet, um Dächer zu dämmen oder Kanus zu bauen. In Behältern aus Birkenrinde wurden Brot, Fleisch und Honig aufbewahrt, weil das Material Lebensmittel frisch halten kann. Kein Wunder, dass Birkenrinde gern als "Kunststoff des Mittelalters" bezeichnet wird.

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Wie so oft ist es das moderne Design, das auf der Suche nach etwas Neuem auf einen alten Werkstoff stößt. Einfach sei das jedoch nicht gewesen, sagt Koshcheeva. Bei der Ernte wollte man sie als Frau nicht dabeihaben, und die wenigen Produzenten für Birkenrinde, die es noch gibt, konnten sich nicht vorstellen, was sie überhaupt mit der Rinde anfangen wolle.

Koshcheeva hat dann begonnen, sich in Sibirien selbst Leute zu suchen und auszubilden. Das Geld dafür hat sie sich Werkstück für Werkstück erarbeitet, die sibirische Familie gab auch ein wenig Kapital dazu. Ihre Prototypen baut sie in Berlin, gefertigt wird in Russland. Nur ihren Sessel "Sibirjak", ein mit Birkenrinde bespanntes Metallgestell, macht sie immer noch selbst. Weil sie das Handwerk liebe, sagt Koshcheeva, aber auch weil die großen Stücke Birkenrinde, die es braucht, um Lehne und Sitzfläche zu gestalten, zu selten und kostbar seien, um sie aus der Hand zu geben.

Das Plastik des neuen Jahrtausends

Seit 2014 ist ihr Name einer größeren Szene bekannt, Koshcheeva wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Designpreis Brandenburg. Inzwischen hat sie auch ein eigenes Label, "Moya", so wie das russische Wort für "mein" in der weiblichen Form, und vertreibt ihre Stücke in einem Online-Shop. Die Käufer ihrer Möbel und Behälter kommen aus dem gesamten Spektrum, sagt Koshcheeva, junge Design-Fans seien genauso darunter wie ältere Gutverdiener.

In ihrem Berliner Büro springt Koshcheeva nun auf und holt sibirische Birkenrinde aus dem Regal. Große und kleinere Stücke, man sieht die Schichten, die sich wie bei einer Zwiebel abziehen lassen, ein warmer Geruch von Wald liegt in der Luft. Schnell wird einem klar, wie zeitgemäß das Material ist.

Design definiert sich nicht mehr nur dadurch, wie formschön oder originell ein Produkt ist. Sondern auch dadurch, wie sehr es die Bedingungen reflektiert, unter denen es entstanden ist. Oder wie gut es die Welt mitdenken kann, für die es entworfen wurde. Die Birkenrinde steht für einen anderen Umgang mit Ressourcen. Man kann sie ernten, ohne dass der Baum abstirbt, es ist ein Material, das nachwächst und von dem nicht viel übrig bleibt, wenn man es verarbeitet. Ein Stoff, der eine Lösung verspricht in einer Welt, in der man von Mikroplastikpartikeln umgeben ist und in den Meeren der Müll herumschwimmt. Vielleicht wird aus dem Kunststoff des Mittelalters ja so etwas wie das Plastik des neuen Jahrtausends.

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