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Bierbänke:Bauhaus vom Brauhaus

Das Holz abgebeizt und mit Antik-Wachs behandelt, die Beine weiß lackiert, schon wird aus dem Bierzelt-Klassiker ein ansehnlicher Familientisch.

(Foto: Simon Eldon)

In Bayern gehört die Biergarnitur zum Landschaftsbild. In den Designblogs dieser Welt werden Brett und Gestell gerade für ihre Schlichtheit gefeiert - und teuer verkauft.

Der Blogeintrag ist mal wieder ein Grundkurs für hippes Wohnen. Das auf apartmenttherapy.com gezeigte kleine Haus von Chris Scheurich und Ali McNally in New Orleans vereint jedenfalls alles, was es derzeit dafür braucht: Neonteppich unter Marmor-Beistelltisch, darauf ein trüb gewordener Jugendstil-Spiegel, eine abgerockte Heiligenfigur plus ausgestopftem Vogel und darüber an der Wand moderne Schwarz-Weiß-Fotografie.

Vorne im Laden verkauft das junge Paar Produkte, die nur eines gemeinsam haben: Sie sind nicht lebensnotwendig, sehen aber schön aus. Chris und Ali sind also die typischen Urbanisten mit Selbständigkeitshintergrund, er mit Bart, sie mit Hut. Und sie zeigen ihre Wohnung in einem dieser Blogs, die man konsumiert, um einen soliden Hass auf das eigene Gerümpelleben zu entwickeln.

Aus dieser höchst geschmackvollen Bilderstrecke schaut aber plötzlich ein vertrautes Gesicht, beziehungsweise ein vertrautes Gemöbel: ein Biertisch. Ali McNally hat ihre zarten Schmuckkreationen darauf ausgestellt, der Text zum Bild lobt die Schlichtheit des "Original Vintage German Beer Garden Table". Er wäre ein "great find" gewesen, sagen die Besitzer stolz. Hä, New Orleans?

Der Biertisch im Design-Blog ist kein Einzelfall. Das bayerischste aller Möbel hat in der letzten Zeit seinen Weg in das internationale Stil-Alphabet gemacht. Ein hippes Restaurant wie das neue "Annex" in Brooklyn kombiniert sein Industrial-Interior aus Werkstatthockern und nackten Messingleuchten mit einem ganzen Sortiment an Bierbänken und -tischen. Die Edel-Antiquitätenplattform Omero hat gerade eine Vintage-Biergarnitur für knapp 800 Dollar verkauft und etliche große Stilplattformen wie etwa Remodelista.com, zeigen in eigenen Beiträgen, wie vielfältig sich der seltsam schmale Holztisch aus Germany einsetzen lässt, wenn man einen ergattert hat. Als Familienesstisch, als Arbeitstisch, frisch lackiert in einem trendigen Grauton namens "Elephants Breath" oder natürlich einfach auf dem Balkon. So simple and puristic!

Angenehm auf die Funktion reduziert

Angesichts dieser internationalen Begeisterung sollte man den eigenen Blick auf das Isarmöbel vielleicht auch noch mal nachjustieren. Als Münchner nimmt man den Biertisch ja eigentlich nur noch wahr, wenn er auf der Wiesn unter dem Gewicht von zehn tanzenden Mannsbildern spektakulär nachgibt. Oder wenn man im Frühjahr mit der verhakelten Klappvorrichtung an der Unterseite kämpft, die sich gegen den ersten Einsatz nach dem Winter wehrt.

Neu und objektiv betrachtet, muss man zugeben: So eine Bierzeltgarnitur ist tatsächlich schon spektakulär einfach designt und angenehm auf ihre Funktion reduziert. Brett und Gestell. Ein Lob des rechten Winkels. Stabil, leicht verstaubar und aus ehrlichen Materialien gebaut. Und sie ist auch erstaunlich frei von modischen Deklinationen geblieben, was kaum einem Outdoormöbel in den letzten fünfzig Jahren gelungen ist.

In einer Zeit, in der jede alte Fabrikhalle mehrfach geplündert wurde und auch die letzte verbeulte Blechlampenschirm oder Transportpalette zum gefeierten Wohngegenstand geadelt wird, passt diese schnörkellose Verbindung von Holz und Metall natürlich gut. Bauhaus vom Brauhaus, sozusagen. Wenn er nicht gerade im knalligen Orange der Brauereien ankommt, sondern vielleicht charmant verwittert von seinem langen Leben als Masskrugmatratze zeugt, kann man durchaus ästhetische Gefühle für den langen Tisch kriegen. Und nachvollziehen, warum sich die Menschen in Designforen in Neuseeland und Schweden über die Bezugsquellen für das puristische deutsche Biermobiliar austauschen. Der Versand von traditionell 2,20 Meter langem Massivholz ist ja nicht ganz so einfach, klappbare Beine hin oder her.

220 Zentimeter

So lang ist ein klappbarer Biertisch traditionell. Er schwebt dabei auf 77 Zentimetern Höhe und kann in der Breite zwischen 50 und 80 Zentimeter variieren. Eine Euronorm empfiehlt zwar nur zwei Meter Länge, um mehr Platz für den Durchgang zwischen den Tischen zu ermöglichen, aber das sehen viele Zeltwirte nicht ein. Schließlich passt damit (mindestens) ein Gast weniger auf jeder Seite an den Tisch. Die Sitzfläche ist idealerweise 48 Zentimeter hoch. Die gängigen Farben für die Platte sind Kiefergelb, Orange oder Natur. Durch Stapelhölzer an der Unterseite lassen sich Tische und Bänke ohne Kratzer hoch übereinander schichten - bis zum nächsten Anstich.

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