Beauty Tausendmal schöner

Charlotte Tilbury überlässt als Make-up-Artistin von Stars wie Kate Moss oder Rihanna nichts dem Zufall. Ein wenig Glanz will die Britin jetzt auch in unsere Badezimmer bringen.

Von Jenny Hoch

Eine Assistentin eilt durch die Lobby des Berliner Soho House. Leider verschiebe sich der Interviewtermin, Charlotte Tilbury sei noch in einem anderen Gespräch. Könnte daran liegen, dass die Britin selbst ein Star ist. Tilbury ist eine der gefragtesten Make-up-Artistinnen der Welt. Zuletzt hat sie Nicole Kidman für die Golden Globes in Szene gesetzt und Amal Alamuddin für ihre Hochzeit mit George Clooney hergerichtet.

Es ist noch nicht lange her, da interessierte sich kaum jemand für all die Friseure und Visagisten, die in den abgeschirmten Backstage-Bereichen großer Events vor sich hin föhnten, tupften, pinselten. Sie waren emsige Arbeiter im Dienst der Schönheit, auf die man zwar nicht verzichten konnte, die aber sonst nicht der Rede wert waren. Damit ist es vorbei. Seit Celebrities zu Marken wurden, millionenfach kopiert, treten auch diejenigen ins Rampenlicht, die diese scheinbar makellosen Kreaturen erschaffen. Sie hüten schließlich das Geheimnis, das viele Normalsterbliche umtreibt: Wie schaffen es die Stars, so auszusehen?

Charlotte Tilbury winkt ab, als man ihr die Frage stellt - nachdem man endlich vorgelassen wurde. "Diese Leute kommen nicht von einem anderen Planeten", sagt sie mit einer Stimme, die eher nach Whisky klingt als nach Weizengras-Smoothie. "Die haben auch Pickel, sind müde oder schlecht gelaunt." Die 43-Jährige weiß, wovon sie spricht. Zu ihren Kundinnen gehören Kate Moss, Penélope Cruz und Natalie Portman, Rihanna, Scarlett Johansson und Kim Kardashian. Die Vogue oder Vanity Fair buchen sie für Cover-Shootings, Fotografen wie Annie Leibovitz oder Mario Testino schätzen ihre Arbeit. Mehr geht nicht.

"Ich bin von Make-up besessen und habe jahrelang überlegt, wie ich den Stars etwas von ihrer DNA stehlen und anderen davon abgeben kann."

Dass Charlotte Tilbury nun in Berlin Hof hält, hat damit zu tun, dass sie gerade daran arbeitet, wie doch noch ein bisschen mehr gehen könnte. Zusätzlich zu ihrem Job als Visagistin hat die zweifache Mutter 2013 eine Firma gegründet. Sie trägt ihren Namen und produziert - klar - Kosmetik. Die Geschäftsidee: Das Make-up der Stars allen Frauen zugänglich zu machen. Es gibt nun also alles zu kaufen, um sich zum Beispiel den ikonischen "Rock-Chic-Look" ins Gesicht zu malen, den Charlotte Tilbury einst für Kate Moss erfand. Dazu kann man auf Youtube lernen, den nudefarbenen Kate Moss Hot Lips Lipstick korrekt aufzutragen und die Augen dramatisch zu betonen. Was soll man sagen? Das Geschäft brummt. Für das Versprechen, auszusehen wie ein Supermodel, sind rund 75 Euro für ein Set mit vier Produkten ja auch ein läppischer Klacks.

In der Hotelsuite stehen nun also unzählige Tiegel, Döschen und Stifte, die ab Mitte Februar auch in Deutschland - genauer: im Berliner Kaufhaus Kadewe - zu haben sind. Die Firmengründerin thront in einem ultrakurzen Minikleid und High Heels auf dem Sofa, während Assistenten auf ihr Fingerschnippen hin Tee anreichen. Es muss ein gutes Gefühl sein, nach mehr als zwanzig Jahren als Dienstleisterin für Promi-Egos selbst Chefin zu sein. Charlotte Tilbury schüttelt ihre sorgfältig geföhnten Haare. "Ich bin von Make-up besessen und habe jahrelang überlegt, wie ich den Stars etwas von ihrer DNA stehlen und anderen ein wenig von diesem Glamour abgeben kann." Sie selbst, erzählt sie, habe mit 13 die Macht des Make-ups entdeckt, als sie ihre hellen Wimpern zum ersten Mal mit schwarzer Mascara tuschte. "Ich wurde auf einmal wahrgenommen, war beliebter in der Schule. Das hat mein Leben verändert."

Kein Tag ohne Mascara - und für die Nacht trägt sie dann den Schlafzimmer-Look auf

Seitdem hat sie das Thema nicht mehr losgelassen. Aufgewachsen in Ibiza - ihr Vater ist Künstler, ihre Mutter machte Werbefilme für die Modeindustrie -, lernte sie ihr Handwerk in London und wurde Assistentin von Mary Greenwell, Prinzessin Dianas persönlicher Make-up-Artistin. Das war in den Neunzigern, der Ära der Supermodels. "Ich erinnere mich", erzählt Charlotte Tilbury, "wie ich mal mit Claudia, Linda, Naomi und Christy Backstage stand und einfach nur dachte: Wow!" Haben Sie diese Frauen nicht eingeschüchtert? "Keine Spur, ich war fasziniert von ihrer Schönheit, ihren Looks." Damals war es undenkbar, in Turnschuhen und Jogginghosen herumzulaufen, alle waren zu jeder Tageszeit perfekt gestylt. Sie selbst trägt bis heute sogar nachts Make-up - "meine Schlafzimmer-Augen".

Tilbury bezeichnet sich als "Beauty-Computer", die Festplatte beginnt zu rattern, sobald sie eine Frau sieht - egal, ob prominent oder nicht. "Ich weiß sofort, was ihr Gesicht braucht, wie ich die Augen oder Lippen betonen würde." So wie Schuhe und Handtasche auf ein Kleid abgestimmt werden, so gehe sie auch beim Schminken vor. "Alles muss aus einem Guss sein." Irgendwann sei ihr klar geworden, dass es bestimmte Beauty-Archetypen gebe, die sich in der Geschichte wiederholten. "Daran orientiere ich mich, wenn ich einen Look kreiere", sagt Charlotte Tilbury. Da wären zum Beispiel: Das "Uptown Girl" - damals repräsentiert von Grace Kelly, heute von Gwyneth Paltrow. Die "Golden Goddess": damals Bo Derek, heute Gisele Bündchen. Oder der "Vintage Vamp", früher Lauren Bacall, heute Rihanna.

Charlotte Tilbury ist jetzt in ihrem Element und schaltet in den Fast-Forward-Modus. Die Sätze sprudeln so schnell, dass sie öfter mal den Faden verliert. "Sorry, Darling", sagt sie dann gut gelaunt, "wo waren wir?" Überhaupt, diese gute Laune - wie erhält sie sich die? "Ich bin sehr schlecht darin, mir etwas zu verkneifen", gibt Charlotte Tilbury zu. Lieber lebt sie ein Leben, das die meisten ihrer disziplinierten Kundinnen wohl nur vom Hörensagen kennen. Sport? "Ich tanze auf Partys und renne Flugzeugen hinterher." Diät? "Morgens brauche ich ein full English Breakfast, Eier mit Speck, Tomaten, Brot." Okay, wenigstens Abstinenz? "Ich rauche, trinke Alkohol und liebe es, einen draufzumachen. Da bin ich sehr britisch."

Vielleicht versteht sie sich deswegen so gut mit Kate Moss, der Patentante ihrer kleinen Söhne. "Wir kennen uns seit 22 Jahren, sie ist eine meiner besten Freundinnen." Viel mehr Privates ist aus ihr nicht herauszubekommen, Charlotte Tilbury ist Profi. Sie weiß genau: Bei allem Bussi-Bussi, Stars erwarten Diskretion - und Entertainment. Charlotte Tilbury liefert das Gesamtpaket, sie ist der Inbegriff von Easygoing: gut drauf, verschwiegen, positiv denkend. Ist das der Grund, warum ihr so viele Berühmtheiten vertrauen? Die Make-up-Künstlerin legt den Kopf schief und setzt ihren "Darling, was für eine naive Frage"-Blick auf. Klar sei es nett, eine gute Zeit zusammen zu haben. Aber darum geht es nicht. "Ich bin dazu da, aus meinen Kundinnen die schönste Version ihrer selbst zu machen. Wenn sie aus der Tür gehen, sollen sie bereit sein, die Welt zu erobern."

Versteckspiel: Ein perfekt geschminktes Gesicht ist auch die perfekte Tarnung

Und daran wollen viele mitverdienen. Wenn ein Star auf einem roten Teppich großartig aussieht, sind die Journalisten begeistert. Sind die Journalisten begeistert, bekommt der Star mehr Presse - und damit der Film oder was auch immer er oder sie gerade bewirbt. Als Folge bekommt wiederum der Star mehr Jobangebote und die Gage steigt. Es geht um Geld, nicht um Nettigkeiten - und selbstverständlich hat Charlotte Tilbury das seit Langem verstanden. Ihr Instagram-Feed ist eine endlose Promi-Selfie-Parade. Charlotte mit Kate, Charlotte mit Georgia May Jagger, Charlotte mit wem-auch-immer. Funktioniert nach dem Motto: Ich helfe dir, toll auszusehen, du hilfst mir, mich und meine Marke zu promoten.

Zum Abschied wird es beinahe philosophisch. "Ob wir das gut finden oder nicht, wir leben nun mal in einer Welt, in der man nach seinem Äußeren beurteilt wird", sagt die Visagistin. "Also sollten wir das Beste aus uns machen." Ihr selbst ist das gelungen. Ihr eigener Look - rote Mähne, heller Teint, schwarzer Kajal, der ihre grünen Augen betont - ist absolut wiedererkennbar. Je länger man Charlotte Tilbury dabei beobachtet, wie sie mit schier unendlicher Energie ihre Kosmetikprodukte anpreist, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass die optische Fassade ihr vor allem dazu dient, dahinter zu verschwinden. Aber das muss wohl so sein. In ihrem Job ist sie ja nicht nur Handwerkerin, sondern auch Projektionsfläche und Illusionskünstlerin. Sie sagt es selbst: "Ich verkaufe Träume."