Ladies & Gentlemen:Investiere in dich!

Selbstoptimierung wird zum Luxusvergnügen. Oder wie lassen sich die neuen LED-Beautymasken und Hightech-Massagegeräte sonst deuten? Eine Modekolumne zum modernen Heimwerken.

Von Julia Werner & Max Scharnigg

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(Foto: netaporter.com)

Für sie: Der Schönheitshelm

Das Rumgesitze zu Hause ist eine gute Gelegenheit für etwas Selfcare, wie die moderne Ich-Feministin es nennt, wenn sie gegen die Schwerkraft kämpft. Was waren das noch für Zeiten, als man ein bisschen Yoga machte und sich eine Schlammmaske ins Gesicht schmierte, um den Gatten zu erschrecken - wie eine getarnte Kriegerin im Sumpf der Wildnis. Solch archaische weibliche Überlebensrituale sind total von gestern. Wir sind jetzt Digital Lifestyler mit perfekter Zoom-Meeting-Beleuchtung im Wohnzimmer. Kein Wunder, dass auch der Hightech-Beautytool-Markt boomt. Gesichter werden beleuchtet, beblitzt und tiefengewärmt, was das Zeug hält. Ob das die Backen überredet, sich ein bisschen länger am Wangenknochen festzuhalten, wissen wir nicht. Allerdings sieht Angela Caglia, die diese LED-Maske mit dem Namen "Cellreturn Platinum" für 2000 Euro verkauft (über netaporter.com), selbst ziemlich glatt aus. Können solche Masken, die in ihrem Look zwischen Serienkiller und Startrooper variieren, das Gleiche wie Botox und Co. (boomt in Lockdown-Zeiten auch)? Sicher nicht. Das Gute an der verzweifelten Technikgläubigkeit ist aber, dass es mal wieder ein wenig Slapstick ins fleckenfreie Leben bringt. Der arme Mann muss sich nicht mehr vor der Naturgöttin auf dem Sofa fürchten, denn ein Roboter im Bademantel sorgt jetzt garantiert für Ausgelassenheit. Den Rest erledigen nach wie vor Injektionen von Botox und Hyaluronsäure. Und das bedeutet immerhin noch menschliche Kontakte.

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(Foto: mrporter.com)

Für ihn: Die Massagepistole

Lange Zeit sah das heimische Trimm-Dich-Rad so aus wie sein Name klang: Medizinisch freudlos und nach Belastungs-EKG. Der Siegeszug des modernen "Peloton Bikes" in diesem Jahr nun hängt einerseits sicher mit den weltweit geschlossenen Fitnesscentern zusammen, aber andererseits auch mit seinem futuristisch-coolen Design und stolzen Preis. Die Marke hat den Heimtrainer jedenfalls über Nacht zum Statussymbol gemacht, und die Selbstoptimierung dahoam zu einer Form von Luxusvergnügen. Optisch ganz passend dazu ist die sogenannte Theragun hier zum Must-have-Massagegerät für daheim geworden - ebenfalls teuer, ebenfalls irgendwie weltraummäßig, vor allem in dieser Red-Spezialedition (über mrporter.com). Wer im eigenen Wohnzimmer strampelt (natürlich vernetzt mit Stramplern auf der ganzen Welt), gönnt sich danach noch ein bisschen Eigenmassage (natürlich mit Kontrolle über die App). Die Ästhetisierung dieser leichten Foltergeräte ist grundsätzlich zu begrüßen. Aber man kann über das grundlegende Problem nicht hinwegsehen: den fortschreitenden Abbau jedweder angenehmen Dienstleistung. Es mag praktisch sein, dass man auf das Treffen mit einem echten Personaltrainer oder einen Besuch beim Masseur seines Vertrauens verzichten kann. Stilvoll ist es nicht, das alles daheim in Amateurmanier zu erledigen. Es gehört nun mal zu den Vergnügen eines Gentleman, regelmäßig Experten ihres Faches zu konsultieren, seien es nun der Banker, der Familienschneider, der freundschaftlich verbundene Barbier oder auch nur der Zeitungsmann, der ihm ein Exemplar von The World Of Interiors zurücklegt. Diese Sachen selbst erledigen zu müssen, und das auch noch als Fortschritt zu feiern, ist einer der großen Irrtümer des 21. Jahrhunderts.

© SZ
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