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Wohndesign:Ein großes Missverständnis: der Fetisch Weiß

Womöglich liegt das alles ja auch an einer verblüffenden Farbigkeit der Architektur, die mit Buntheit gar nichts, mit Raumqualität aber sehr viel zu tun hat. Wobei es ja ein grobes Missverständnis ist, jene Annahme, die Bauhausmoderne sei bevorzugt mit einer einzigen (Nicht-) Farbe verbunden - nämlich mit dem Fetisch "Weiß". 37 (!) unterschiedliche Farbtöne zieren die Wände der Gropius-Villa in Jena.

Villa Auerbach / Jena

"Haus Auerbach" weist im Werk von Gropius erstmals alle Merkmale des "Neuen Bauens" auf: als kubisches Ensemble.

(Foto: Arco Images G/dpa)

Das war den heutigen Bewohnern aber noch nicht klar, als sie Anfang der Neunzigerjahre in einer Zeitungsannonce der Frankfurter Allgemeinen, hinter der seinerzeit nicht nur kluge, sondern bisweilen auch wohnungssuchende Köpfe steckten, auf das "Original-Gropius-Haus" stießen. Das ist im Werkverzeichnis als "W33" bekannt, also eigentlich eher unbekannt. Doch als Gropius-Fan wusste Martin Fischer Bescheid. Was er dann "gegen Gebot" zu sehen bekam, war jedoch nicht viel mehr als eine Ruine. Doch unter einer braunen Tapete fand sich schließlich auch die radikal farbliche Ausmalung der Innenräume - nach Plänen des späteren Bauhausmeisters Alfred Arndt.

Wer heute durch das Haus spaziert, hat das Gefühl, einem Farbrausch zu erliegen. Die Räume sind so suggestiv gestaltet, dass Raum, Proportion, Licht und Farbe einen architektonischen Mehrklang von unerhörter Intensität erzeugen. Die Farben selbst sind Farbräume. Es ist, als könnte man sie anfassen. Oder als Bilder begreifen. Oder als Möbel. Es ist seltsam (oder logisch): Was der Schriftsteller Tom Wolfe in seiner ätzenden, allerdings auch grandios vergnüglichen Bauhaus-Satire ("From Bauhaus to Our House", 1981) noch als "sinnliches Entzugskoma" geißelte, das "Reine und Hehre und Leere" der Bauhaus-Architektur, die doch nur zur Anmutung einer Insektizidsiederei führen könne, ist im Fall W33 das genaue Gegenteil. Ein farbiges Abenteuer der Sinne. Ein Überschuss an Emotionalität und Gestaltkraft. Dass die Welt je auf die Idee kommen konnte, sich in weiße Raufasertapeten zu kleiden, muss nach einem Besuch in Jena zu den großen und tragischen Irrtümern der Weltgeschichte gerechnet werden.

Selbst von außen wirkt das weiße Haus kaum weiß. Stattdessen glitzert und strahlt es in der Sonne. Die beiden Kuben, aus denen sich die Grundform der in leichter Hanglage arrondierten Villa ergibt, sind zumindest leicht zu erkennen. Die unterschiedlich hohen Quader nehmen unter ihren Flachdächern Wirtschaftsbereiche und Erschließung im Norden - und die Wohnsphären im Süden sinnfällig auf. Die Villa in Jena gehört zu den ersten Bauten, bei denen Gropius das "Baukastenprinzip" anwandte. Die modulare Raumanordnung sollte auch bauindustriell in die Zukunft führen. Das führt zwar zu der typischen, kubisch ausformulierten Formgrammatik, doch zugleich bleibt ein bürgerlich-repräsentativer Lebensstil gewahrt: Haus Auerbach kannte das "Herrenzimmer" so gut wie das "Musikzimmer". Und für das Personal gab es einen eigenen Wohnbereich. Lange her.

Marie Kondo wäre eher fehl am Platz

Heute dient das Haus Barbara Happe und ihrem Mann Martin Fischer als Lebens- und Freiraum. "Raum", sagt der Zoologe, "ist eigentlich die wertvollste Ressource der Welt." Wobei das Raumprogramm von W33 auch dem angesagten Detoxing, dem Entgiften, entgegenkommt. Die Netflix-Aufräum-Queen Marie Kondo ("Tidying Up with Marie Kondo") wäre in der Schaefferstraße eher fehl am Platz. Dass es solche Formate gibt, die ein Massenpublikum anziehen, zeigt aber, dass sich auch heute noch vom Bauhaus lernen ließe: Zum Beispiel, wie man es mit sich selbst gut aushält. Man muss das Leben nicht zumüllen.

Während man mit den Auerbach-Wohn-Nachfahren am Esstisch sitzt, blickt Martin Fischer immer mal wieder auf einen etwas seltsam gerundeten Schrank, der im Eck steht. "Den brauchen wir eigentlich gar nicht", sagt Barbara Happe. Und Martin Fischer meint schließlich: "Der kommt raus." Er passt ja auch gar nicht zum Bauhaus. Aber das ist dann doch der Moment, wo man sich schützend vor das bange Schränklein stellen möchte, das bald zittern wird wie sonst nur Axel Hackes früherer Freund Bosch, der Kühlschrank, der sich vor der Rente fürchtet. Die Radikalität und Konsequenz, mit der das Bauhaus einst die ganze Welt neuerfinden wollte, ist einem ja auch eine Lehre.

Vielleicht ist es Zeit für eine neue Form friedlicher Koexistenz - und ein klein wenig Unreinheit im Reich der Reinheit und Stringenz. Das Haus in Jena ist eben ein Raum der Möglichkeiten. Das findet am Ende auch Irma, die Hündin, die den Besucher träge anschnüffelt - und kein bisschen nach Bauhaus aussieht, was am Ende des Tages auch mal ganz schön ist.

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