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Barbara Becker:Die bewegte Frau

Barbara Becker

Eine Macherin, die gerne auffällt: "Die Barbara-Becker-Formel" heißt ihr gerade erschienenes Buch, ein Ratgeber für "Better Aging".

(Foto: Andreas Gora/ddp images)

Buchautorin, Fitnesstrainerin, Designerin: Barbara Becker, die einst einen deutschen Tennishelden heiratete, hat ein glänzendes Portfolio. Ein Treffen in München.

Als der Tennisspieler Michael Stich aus Pinneberg 1992 seine Lebensgefährtin Jessica Stockmann in Südfrankreich heiratet, ist das für Deutschland eine große Sache. Stich ist zwar der ewige Zweite hinter Boris, aber immerhin: Südfrankreich, Provence, das hat Klasse. Die Braut trägt Mini, Stich ein Sakko aus Glanzstoff. So richtig nach großer Welt sieht auf den Fotos von der Hochzeit aber eigentlich nur eine aus: Eine zierliche junge Frau in schwarzem Nadelstreifenanzug, roter Krawatte und flachen Schuhen, die Haare straff hochgesteckt. Damals kennt sie noch niemand. Auftritt Barbara Feltus, "compagne de Boris", wie die französischen Zeitungen schreiben.

Wer sich heute mit Barbara Becker verabredet, trifft eine Frau, die immer noch auffällt. Das hängt nicht in erster Linie mit Prominenz zusammen. Es liegt eher an dem, was man altmodisch ihre Erscheinung nennt. Erkennbar nicht mehr jung, aber jugendlich schmal, aufrechte Haltung, heiseres Lachen, fast faltenfreie Haut: keine durchschnittliche 53-Jährige jedenfalls, die da in Jeans und Flanellpullover im Blue Spa des Münchner Hotels Bayerischer Hof sitzt. Die Luft ist schwül vom nahen Schwimmbecken, Becker hat nicht den Hauch eines Schweißfilms im Gesicht und gießt aus zwei Kannen eine erstaunliche Mischung aus Kräutertee und Orangensaft in ihre Tasse. "Schmeckt superlecker", sagt sie. "Mein Immungetränk."

Womit man praktischerweise schon mitten im Thema ist: Gesundheit, Vitalität, ihr neues Buch über "Better Aging" (Die Barbara Becker Formel, Gräfe und Unzer Verlag). Es geht mal nicht, trotz des Wörtchens "immun", um die coronakranke Welt an diesem windigen Märzvormittag - beim Treffen ist die große Krise gerade erst am Anrollen. Becker hat trotzdem ein Fläschchen Desinfektionsgel sichtbar neben ihre Handtasche platziert, was eine vernünftige Idee ist. Klar und ohne Umschweife geht es auch weiter im Gespräch mit Barbara Becker, geborene Feltus, geschiedene Tennisheldengattin, Löwenmutter zweier Jungs, Wahlamerikanerin unter Palmen, zuletzt "Let's dance"-Teilnehmerin auf RTL und Deutschlands erste Diversitäts-Frau, als es das Wort noch lange nicht gab. Nach einer Stunde ist klar: Die backfischhafte Babs ist eine ferne Erinnerung, so weit weg wie der Beckerhecht. Hier sitzt eine Frau, die längst ihre eigene Marke etabliert hat.

Das neue Buch zur Lebensmitte mit eingängigen Tipps für Frauen ("Erwecke die Kraft in Dir") steht in einer Reihe von Projekten, mit denen die gebürtige Heidelbergerin seit ihrem Umzug nach Florida hierzulande präsent blieb. Die Vielfalt ist schon erstaunlich, Becker entwarf in den vergangenen fünfzehn Jahren Mode, Tapeten und Gardinen oder brachte eine Schmuckkollektion auf den Markt. Und zeigte vor allem in Ratgebern und DVDs als sehnige Fitnesstrainerin am weißen Strand von Fisher Island den Deutschen immer wieder, wie man seine Figur in Form hält. Ist das nicht ziemlich viel Körperkult? Antwort: "Bewegung macht mich glücklich."

Dass sich mit Rastlosigkeit auch Enttäuschungen ganz gut übertünchen lassen, eine Weile zumindest, wird man von Barbara Becker so nicht hören. Es sind eher beiläufige Sätze, in denen die Einsamkeit der ersten Jahre als Alleinerziehende anklingt. "Man kann auch an einem ganz fremden Ort Wurzeln schlagen. Das ist tatsächlich machbar", ist so ein Satz. Er wirkt munter, sagt aber viel mehr aus über den tiefen Verlust von Vertrautem als über neu gewonnene Sicherheit. Die Söhne Noah und Elias sind sechs und ein Jahr alt, als Barbara Becker 2000 nach siebenjähriger Ehe mit den Kindern in die USA zieht. Es folgt ein in Deutschland beispielloser öffentlicher Rosenkrieg um Sorgerechte und Geld. Am Ende soll ihr Boris Becker 30 Millionen Mark gezahlt haben. "Ich weiß, dass ich privilegiert bin." Um ihre Existenz zu sichern, muss sie keine Pilatesmatten verkaufen.

Die Beckers verkehren freundschaftlich

Dass die Produkte erfolgreich sind, hat natürlich mit dem prominenten Namen zu tun. Auch wenn sich die Leute nicht mehr auf der Straße nach ihr umdrehen, als Barbara Becker bleibt sie für immer die interessante Schöne an der Seite des Tennisidols. "Ein deutscher Held", sagt sie, wenn die Rede auf ihren Ex-Mann kommt. Die Beckers verkehren freundschaftlich, es gibt kleine gemeinsame Auftritte wie neulich auf Eurosport, wo sie sich rhetorisch ein paar Bälle zuspielen über ihr recht unterschiedliches Tennisniveau. Barbara Beckers zweite Ehe mit dem belgischen Künstler Arne Quinze endete 2011, vor ein paar Monaten ging die Beziehung zu ihrem deutlich jüngeren Lebensgefährten in die Brüche. "Ich habe gelernt: Das mit dem Prinzen auf dem weißen Pferd, der mich rettet, funktioniert nicht. Und vor allem habe ich gelernt, ich brauche das auch gar nicht."

Das hört sich zwar nach den Motivationssprüchen aus dem Buch über selbstbewusstes Altern an. Andererseits sitzt da diese strahlende Frau in der Hotellounge, mit Silberschmuck, hochgebundenem Haar und Sneakers in Camouflage-Muster, als wolle sie jeden Moment eine halsbrecherische Fitnessübung absolvieren - kann so jemandem ein Mann gerade bitter fehlen? Was den ersten betrifft, den weißen Ritter Boris aus Leimen: Google Bilder spuckt eine melancholische Zeitreise in die frühen Neunziger aus. Boris und Babs auf der FC-Bayern-Tribüne, er mit Koteletten, sie mit Rastalocken. Oder in feiner Abendgarderobe beim Staatsempfang mit Johannes Rau und Jacques Chirac samt Gattinnen. "Klar waren wir ein schönes Paar", sagt Barbara Becker. "Wir waren cool. Und wir haben so viel Zustimmung erfahren in unserem Anderssein, das war großartig."

Anderssein ist in ihrem Leben immer ein Thema gewesen. Als Tochter einer Lehrerin und eines schwarzen GI habe sie früh erfahren, wie es ist, nicht wirklich dazuzugehören. "Ich bin aufgewachsen in dem Bewusstsein, so blond wie meine Freundin werde ich nie." Allerdings glaubt Becker, dass das Unangepasste auch an ihrem Wesen lag. "Ich fiel immer auf, nicht nur wegen meiner Hautfarbe. Ich mochte es schon als junges Mädchen, besondere Teile zu tragen. Riesige Ohrringe, solche Sachen." Die Extravaganz hat später, im Scheidungs- und Boulevardkrieg, auf ungute Weise eine Rolle gespielt als angebliche Verschwendungssucht.

Barbara Becker spricht viel von Gelassenheit und der Kunst, sich selbst zu mögen. Das passt bestens zum Zeitgeist - aber in ihrem Fall steckt mehr dahinter. Glitzernder Aufstieg, Höhenflug, Abgründe. Dass die Landung äußerlich weich war mit einem Anwesen in Miami und sehr viel Geld, ist das eine und für jeden sichtbar. Die Villa, der Strand, Pilates im Morgenlicht. Dass sie als Frau mit dunkler Hautfarbe Diskriminierung erlebt hat und erlebt, das andere. "Es gibt keinen schwarzen Menschen, der nicht mit Rassismus konfrontiert wird." Das können offene Angriffe sein oder unterschwellige Herabsetzungen durch Wörter wie "rassig" oder "exotisch", mit denen Zeitschriften sie charakterisierten. "Die alte Pocahontas-Geschichte", sagt sie, "die Frau als fremdländischer Schmuck. Für mich sind solche Adjektive kein Kompliment." Umso wichtiger findet sie die klare Abgrenzung von der AfD in der deutschen Politik. Und: "Bei euch passiert wenigstens etwas, es gibt Demonstrationen. Bei uns ist so jemand Präsident."

Was ihr noch fehlt im amerikanischen Exil? "Der Geruch von Wald. Und die deutsche Sprache." Inzwischen ist der Tee ausgetrunken, Zeit zu gehen, um noch Freunde zu treffen vor dem Abflug nach Florida. Barbara Becker hat die Kapuze ihres Hoodies übergestülpt und eine futuristische Sonnenbrille in Senfgelb aufgesetzt. Eine Frau vom Nebentisch eilt herbei. "Ich kenne Sie, arbeiten Sie bei der Aerospace?" Eine bizarre Situation, Barbara Becker schüttelt lächelnd den Kopf und nickt der Frau im Gehen zu. Wobei, von einem anderen Planeten, ein bisschen stimmt das ja.

© SZ vom 21.03.2020/mkoh
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