Selfcare:Schaum mal!

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Selfcare: Wer reinkommt, ist drin. Das gilt ganz besonders für die Badewanne.

Wer reinkommt, ist drin. Das gilt ganz besonders für die Badewanne.

(Foto: Getty Images/Westend61)

Sie ist nicht nur der kleinste Kurort der Welt, sondern auch gut gegen die Nebenwirkungen der Pandemie. Ein Loblied auf die Badewanne.

Von Julia Rothhaas

Klingt nach Science-Fiction, aber es gibt diesen Ort, gar nicht weit von hier, an dem man unsichtbar werden kann. Ein eigentlich winziger Raum von standardmäßigen 1,70 Meter auf 0,75 Meter, an dem die Welt dauerhaft in Ordnung ist. Welcher Fleck der Erde kann das schon von sich behaupten? Willkommen in der Badewanne, dem Wellnesshotel des kleinen Mannes.

Empfehlung: Während des Aufenthalts am besten die Augen geschlossen halten und ein Stückchen nach unten tauchen, dann ist Ruhe. Das Leben mit all seinen Ausrufezeichen ist unter Wasser plötzlich weit weg, die Alltagsgeräusche verblassen, nur aus der Ferne erahnt man, was gemeint sein könnte. Zieht man die Ohren auch nur ein bisschen aus dem Wasser, ist man schnell wieder irgendwo zwischen "Haben wir noch Butter?" und "Der Elias hat mein Lego kaputt gemacht".

Das Wannenbad hat viele Vorzüge, allen voran aber: Man. Muss. Nichts. Nichts konsumieren, nichts produzieren, man darf einfach hinsinken und aufweichen. Schon 1684 befand der Jesuitenpater Filippo Buonanni, dass man die Schönheit der Schöpfung am besten begreife, wenn man in der Wanne liege, was in der Jesuitenpatersprache so klingt: "Der Körper muss sinnlichen Erlebnissen ausgesetzt werden." Yeah, lieber Filippo, denn von Sinnlichkeit war in den vergangenen zwei Pandemiejahren wirklich nicht besonders viel zu spüren. Wohl dem also, der diese kleine Weltflucht ins warme Wasser antreten kann. Denn ein Bad bedeutet immer auch, dass man sich Zeit für sich nimmt. Geht gar nicht anders: Während man aus dem Bett und vom Sofa im Zweifel schnell noch mal aufspringt, für Hausklingel, Telefon, E-Mail-Pling, passiert das aus der Badewanne heraus eher nicht, weil es viel zu aufwendig ist. Hier darf man einfach mal off sein, Viertelstunde Minimum.

Duschen macht einen frisch für die Welt, Baden ist eher ein Feierabendgefühl

Jetzt, wo viele bald freiwillig in einen alkoholfreien, vegetarischen oder anderweitig spaßbefreiten Januar starten, ist das Vollbad die perfekte kleine Sünde zwischendurch. Denn das Liegen im warmen Wasser ist herrlich sinnlos (Duschen geht schneller!), in seiner Regelmäßigkeit unverantwortlich (hoher Wasserverbrauch!) und außerdem schlecht für die Haut (trocknet aus!). Ganz genüsslich löst sich der Dreck aus allen Poren und bevor man die Brühe ablaufen lässt, suhlt man sich noch ein bisschen darin. So viel Schweinerei auf so engem Raum, großartig!

Duschen im Stehen macht einen morgens frisch für die Welt, Baden im Liegen ist dagegen eine müßige Abkehr, ein Feierabendgefühl, egal zu welcher Tageszeit. Und ganz anders als im restlichen Dasein kann man beim Baden kaum was falsch machen, sofern man bereit ist, auf angeschlossene elektronische Geräte im nächsten Umfeld zu verzichten. Ob das Bad denn nun morgens oder abends am wirksamsten ist, ob man sich am Ende kalt abduscht oder mit hochrotem Kopf in den Bademantel steigt, ob man Zusätze extra anmischt wie der britische Schauspieler Rupert Everett ("Badedas und Fenjal, zu gleichen Teilen") oder ein Spritzer Duschgel reicht - darf jeder selbst entscheiden.

Auch die Badetypen sind divers. Manche halten es im warmen Becken nur wenige Minuten aus, bei anderen hört man selbst nach einer Stunde noch zufriedenes Grunzen hinter der verschlossenen Tür. Und Typus Nummer drei bleibt zu lange drin und überschreitet regelmäßig den perfekten Zeitpunkt, um die Wanne zu verlassen. Der Kreislauf ist dann im Eimer und Finger und Zehen sehen aus wie der in Falten gelegte Körper eines Nacktmulls.

Was den Vorgang des Badens im Speziellen angeht, so unterscheidet man wohl die Lieger und die Erlediger. Während der eine den Lehren des Jesuitenpaters gehorcht (genießen und nachdenken über die Schönheit der Schöpfung), hat der Erlediger richtig zu tun: Haare waschen, die letzten Folgen der Lieblingssendung mit Tablet am Wannenrand gucken, die Wangen peelen, Beine rasieren, Wein trinken, Masken auftragen. Viel geschafft in kürzester Zeit, das freut den Beauty Sergeanten in uns. Da hilft es leider gar nichts, wenn auf der Schaumbadflasche Namen stehen wie: Goodbye Stress. Glückliche Auszeit. Sanft entspannt. Ausnahmsweise sollten sich Frauen hier ein Beispiel an den Männern nehmen. Einer GfK-Studie von 2013 zufolge nutzen 82 Prozent der befragten Frauen die Zeit beim Baden für Beauty-Rituale und "andere" Aktivitäten, während 41 Prozent der Männer rein gar nichts tun.

Beide Lager müssen sich allerdings der gleichen Herausforderung stellen: der Suche nach der perfekten Wassertemperatur. Mit dem Prädikat "angenehm" hat sich schließlich schon mancher siedend heiß vertan. Zu warm, zu kalt - es bleibt ein ewiger Tauschhandel, zumindest bis man ein Thermometer benützt. Ist die Temperatur endlich perfekt, darf man gewiss sein, dass das Spiel zehn Minuten später von vorne beginnt. Zum Trost: Gut möglich, dass schon die Römer über die Temperatur gemotzt haben in ihren Thermen, und der Bader im späten Mittelalter zum Brunnen eilen musste, um einen Eimer mit kühlem Wasser zu holen, um die erhitzten Gemüter im Zuber wieder zu beruhigen. Aber wer badet, braucht eben ein bisschen Geduld. Und das ist gut, denn eben weil ein bisschen Aufwand und Hin und Her dabei ist, lässt sich das Baden so herrlich zelebrieren, jede Woche wieder.

Dass man sich heute in eine Wanne aus porenfreiem Sanitäracryl setzt, die genauso nüchtern aussieht wie es klingt, hätte zu Zeiten der italienischen Renaissance wohl so manchen amüsiert. Herrschaften wie Papst Clemens VII. oder Kardinal Bernardo Dovizi di Bibbiena ließen sich ihre umfangreichen Wellnessbereiche von den angesagtesten Künstlern ausmalen, mit nackten Jünglingen, Seeungeheuern und Zentauren, und luden reichlich Gäste ein. Platz war ja genug. So berichtet 1536 Johann Fichard, ein führender Jurist des 16. Jahrhunderts aus Frankfurt, nach seinem Gastbad in Rom: "Dort sitzt der Heilige Vater in einer ovalen Wanne und wäscht sich mit warmem Wasser, das aus einem nackten Fräulein aus Bronze fließt."

Apropos Papst: Das bischöfliche Skandalwannenmodell "Tebartz van Elst" für 4000 Euro (inklusive Montage) liegt bei den Designerwannen durchaus noch im gemäßigten Bereich. Bei Boffi kostet das frei stehende Modell schon mal das Doppelte oder Dreifache, der Zweisitzer von Antonio Lupi in Smaragdgrün oder die Wanne von Devon & Devon mit einem Sockel aus Calacatta-Gold-Marmor sind ebenfalls deutlich abgehobener. Aber auch Bescheidenheit gehört zum kleinen Badeglück. Die Schaufenster der Luxus-Sanitäreinrichter mit elfenbeinweißen Schalen und elegant geschwungenen Wannen sind ein immer gleich weit entfernter Traum. Macht aber nichts, denn die baden auch nur mit heißem Wasser.

In Pandemiezeiten ist das Baden wieder gesellschaftsfähiger geworden

Die Realität in den durchschnittlich 9,1 Quadratmeter großen Badezimmern Deutschlands sieht eben anders aus als in Limburg oder Rom: ein karg eingerichteter Raum, gekachelt wie eine Metzgerei, oft ohne Fenster, dafür schaltet sich beim Betreten des Raums automatisch der nervös surrende Ventilator ein, in seinem tapferen Bemühen, gegen drohenden Schimmel anzukämpfen. Eine gute Nachricht immerhin, wie die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) im Jahr 2017 ermittelt hat: 76 Prozent aller Deutschen steht eine Badewanne in ihrer Wohnung zur Verfügung. Wer keine hat, wird nicht müde zu betonen, dass er das Getüm so gar nicht vermisst. Für die Ferien wird dann aber doch gern ein Zimmer inklusive freistehendem Zuber mit Blick auf das Karwendelgebirge gebucht.

"Dass zum Zwecke Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße": Wer gerne untertaucht, findet sich sogar in Goethes "Zauberlehrling" wieder. Die Wanne ist aus der Geschichte einfach nicht wegzudenken, dazu haben auch viele plakative Filmszenen beigetragen. In Polanskis "Tanz der Vampire" etwa saugt Graf von Krolock der rotgelockten Sharon Tate im Wasser das Leben aus dem Leib, in "American Beauty" schwimmen Rosenblätter im Becken des Begehrens, und in "The Big Lebowski" ist der Badezusatz ein Frettchen. Und unvergessen, weil tief verankert im Kapitel Badewanne des deutschen Unterbewusstseins: "Herren im Bad" von Loriot. Die Dusche hingegen kann nur "Psycho".

Die Badewanne ist der perfekte Rückzugsort. Es rümpft niemand die Nase, wenn es in diesem Intimbereich mal länger dauert - anders als auf der Toilette. In Pandemiezeiten ist das Baden sogar wieder gesellschaftsfähiger geworden. So hat zum Beispiel die britische Schauspielerin Hellen Mirren im Juni 2021 von ihrem "Lieblingsort" aus, der Badewanne, dem US-Talkshowmaster Jimmy Fallon ein Interview gegeben, mit viel Schaum vorm Bauch. Hier sei sie am liebsten, erzählte sie, während sie mit ihrem Mann plaudere (wie oft sie dabei die Ohren unter Wasser hat, verriet sie allerdings nicht). Fallons Kollege Steven Colbert hingegen hat gleich eine ganze Sendung aus der Wanne moderiert und dabei, wie man es von ihm gewohnt ist, brav einen gut sitzenden Anzug getragen.

Jammerschade nur, dass es keine Schaukelbadewannen mehr gibt. In den multifunktionalen Blechwannen, die 1900 auf den Markt kamen, konnte man sich wunderbar beim Baden ins Nickerchen schaukeln und von der See träumen, auch wenn Joachim Ringelnatz einst ätzte: "Die Badewanne prahlte sehr. Sie hielt sich für das Mittelmeer." Einer der wenigen guten, weil machbaren Vorsätze für das neue Jahr darf also lauten: Alle mal ausziehen und ins Wasser steigen. Ein bisschen aufweichen in harten Zeiten, das kann außen wie innen schließlich nicht schaden.

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Sie war schon immer Statussymbol, stand für ein behagliches Leben, für Luxus und Glamour. Gerade entdecken Innendesigner die Badewanne aufs Neue und spielen dabei mit Formen und Materialien.

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