Freibad:"Anhocken, grätschen, anhocken, grätschen"

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Freibad: Lebensgefühl Freibad - für Herma Klapproth ist es das Leben: Seit einem halben Jahrhundert steht sie als Bademeisterin am Beckenrand. (Symbolbild)

Lebensgefühl Freibad - für Herma Klapproth ist es das Leben: Seit einem halben Jahrhundert steht sie als Bademeisterin am Beckenrand. (Symbolbild)

(Foto: Claus Schunk)

Bademeisterin, Schwimmlehrerin, Kassiererin, Reinemachfrau - Herma Klapproth, 75, steht seit einem Vierteljahrhundert am Freibad Trebitz bei Leipzig am Beckenrand und wacht über Einlasstickets genauso wie über Chlor- und ph-Werte.

Von Jan Heidtmann

Die Welt, diese verrückte - hier in Trebitz ist sie noch in bester Ordnung. Jetzt jedenfalls. Nach einer Woche voller Regen strahlt die Sonne, Herma Klapproth hat das Becken kontrolliert, Sauberkeit, Chlor- und pH-Wert, alles bestens. Sie hat die schweren Hebel für die Umwälzpumpe umgelegt, nun spannt sie die roten Sonnenschirme auf. Als Abschluss des Eröffnungsrituals stellt sie noch diesen runden Holzklotz mit dem großen Nagel in der Mitte auf den Tisch - zum Aufspießen der Einlasstickets. "Freibad Trebitz" steht mit schwarzem Edding darauf geschrieben. Die Tageskarte für Erwachsene kostet drei Euro, die für Kinder zwei.

Es ist, als wäre man in ein Kindermalbuch hineingeworfen. Ein 25-Meter-Schwimmbecken gibt es, ein Planschbecken mitsamt Wasserpilz, ein Sandkasten mit Ritterburg und natürlich den Kiosk, im Angebot die Klassiker: "BoWu", "CurWu", Pommes, Eis. "Das hier ist ein echtes Kleinod", sagt Herma Klapproth, "das muss erhalten bleiben".

Seit 25 Jahren arbeitet sie jetzt in dem Bad, ein Vierteljahrhundert, im ziemlich idyllischen Hinterland von Sachsen-Anhalt, Leipzig liegt gut 60 Kilometer entfernt, Lutherstadt-Wittenberg um die 20 Kilometer. Herma Klapproth ist hier Bademeisterin, Schwimmlehrerin, Kassiererin, Reinemachfrau, und im Zweifelsfall weiß sie auch, was zu tun ist, wenn es mal bei der Umwälzpumpe hakt. Nur den Kiosk betreibt eine Kollegin. Als "Deutschlands älteste aktive Schwimmeisterin" wurde Klapproth kürzlich angekündigt, als sie bei der Sendung "Riverboat" des MDR zu Gast war. Ob das genau so stimmt, ist natürlich etwas schwer zu überprüfen. Wahr ist auf jeden Fall, dass sie mit dem Freibad Trebitz alt geworden ist, 75 Jahre inzwischen. Und auch ganz dünn.

Für ihre Arbeit bekommt sie nur eine kleine Aufwandsentschädigung

26 Kilo habe sie damals abgenommen, 2019 war das, "einfach so", wie sie sagt. "Keiner weiß, warum, die Ärzte haben nichts gefunden." Dafür stand die Existenz des Freibads mal wieder auf der Kippe, der alte Betreiber wollte nicht mehr, das Bad musste zeitweise sogar schließen. Nach ein paar Monaten fand sich endlich ein neuer Pächter, und die Schwimmeisterin hatte wieder Hunger. "Das war nur die Angst, dass mein Schwimmbad zugemacht wird", glaubt Klapproth rückblickend. Andersherum gesagt: Das Schwimmen und dieses Bad sind ein ziemlich großer Teil ihres Lebens.

Herma Klapproth und ihr Mann wohnen nur fünf Minuten entfernt, in Trebitz. "Das würde anders auch gar nicht gehen", sagt sie. Zum Beispiel während der Sommerferien, wenn die Tage hier zwölf Stunden haben. Nachmittags kommt dann auch ihr Mann, um zu helfen. Und bei Regen, wenn das Bad eigentlich geschlossen ist, kann man sie natürlich auch anrufen. Dann kommt sie und schließt auf - "falls doch einmal einer seiner Bahnen ziehen will".

Freibad: Herma Klapproth, 75, möglicherweise Deutschlands älteste Bademeisterin.

Herma Klapproth, 75, möglicherweise Deutschlands älteste Bademeisterin.

(Foto: Jan Heidtmann)

2002 hat die Kommune das Bad an den ersten privaten Pächter abgegeben, seitdem arbeitet Klapproth hier ehrenamtlich, erst mit diesem Jahr bekommt sie 450 Euro im Monat. Man könnte jetzt also eine ganze Menge Gründe in ihre Hingabe zu diesem Bad hineindeuten. Wasser, das andere Medium, zum Beispiel, oder der Mensch, der es beherrschen will, Quell des Lebens und so weiter. Herma Klapproth ist für so etwas nicht zu haben. Sie ist eine zwar freundliche, aber doch auch sehr klare Frau. Die Dinge liegen für sie auf der Hand und nicht in den Sternen. Also: Überall in Deutschland würden Schwimmbäder schließen, sagte sie, "das kann so nicht weitergehen". Bereits vor der Pandemie hätten immer weniger Kinder schwimmen gelernt. "Durch Corona sind noch einmal zwei Jahre Unterricht ausgefallen", meint Klapproth.

Ihr Vater blieb im Krieg, die Mutter starb kurz nach der Geburt

Am Mittag hatte sie bereits zwei Schülerinnen. Etwas schüchtern waren ihr die beiden Mädchen da ins Becken gefolgt. "Anhocken, grätschen, anhocken, grätschen", mit dem immergleichen Mantra hat sie die Beiden schließlich ins tiefere Wasser geführt. Als das eine Mädchen Angst bekam, redete Klapproth behutsam, aber doch bestimmt auf sie ein. Am Ende schwamm das Mädchen auch ohne Halt ins tiefe Wasser.

Allein im vergangenen Jahr hat sie 17 Kindern das Schwimmen beigebracht. In ihrem ganzen Leben müssen es mehrere Hundert gewesen sein. Klapproth ist sich sicher, dass jeder Mensch schwimmen lernen kann, das heiße aber nicht, dass jeder Mensch von Anfang an schwimmen könne. "Wasser ist einfach nicht sein Medium." Deshalb muss man hier auch gleich mal mit dem Mythos aufräumen, eigentlich brauche man ein Kind nur ins Wasser zu schubsen, dann werde es schon klappen. "Das funktioniert nur ganz selten", sagt Klapproth. "In neunzig Prozent der Fälle erreichen Sie genau das Gegenteil."

Klapproth stammt eigentlich aus den Bergen, zumindest vom Fuß der Berge, aus Aschersleben direkt am Harz. Ihr Vater ist, wie sie sagt, "im Krieg geblieben", ihre Mutter starb, als sie vier Monate alt war. Eine Krankenpflegerin nahm sie zu sich, Klapproth wurde ein sportliches Kind, Rettungsschwimmerin, lernte dann aber Saatzucht. Doch als ihr Mann bei der Volksarmee war und sie mit dem ersten Sohn allein zu Hause, übernahm sie ihre erste Stelle als Bademeisterin. "Mein Mann hat damals 80 Mark verdient, wir brauchten das Geld", sagt Klapproth. "Und ins Schwimmbad konnte ich unseren Sohn mitnehmen." 1966 legte sie ihr Staatexamen als Schwimmmeisterin ab.

Ihr Mann, gelernter Elektriker, später dann auch Polizist, arbeitete zeitweise ebenfalls als Sportlehrer. Daraus entstand eine ziemlich kuriose Leidenschaft für Schwimmbäder. Wenn die Klapproths auf Reisen waren, suchten sie immer wieder Schwimmhallen auf. "Bei einer Tour im Harz war es einmal sogar unser Hobby, alle Bäder kennenzulernen", erzählt sie. Zugleich waren sie kaum im Ausland, mal am Gardasee, mal auf Kreuzfahrt im Mittelmeer, sonst aber lieber am Barleber See hier ganz in der Nähe. "Ich hatte ja mein Wasser, und das ist nicht so gefährlich wie das Meer." Wasser - für Herma Klapproth ruht es am besten still.

Jedes Frühjahr freut sie sich auf den Sommer

Das Freibad Trebitz kannte sie noch aus DDR-Zeiten, sie sei mit den Kindern hier gewesen. Damals wurde es noch von natürlichen Quellen gespeist, das Becken war doppelt so groß, und es gab ein Drei-Meter-Brett. Mit der Wiedervereinigung kamen auch schärfere Bestimmungen für die Wasserqualität, das Bad musste umgebaut werden und wurde verkleinert. Auch für Klapproth bedeutete die Wende einen Einschnitt, plötzlich durfte sie sich nur noch Schwimmmeistergehilfin nennen. Doch Klapproth und das Bad fanden unter den neuen Bedingungen gut zusammen. "In einem größeren Bad würde ich mir das auch nicht mehr zutrauen", sagt Klapproth. "Aber solange ich mich noch in jedem Frühjahr auf den Sommer hier freue, mache ich das weiter." Selbst im Winter geht sie mindestens einmal in der Woche schwimmen, dann aber in der Halle.

Es ist später Nachmittag, das Freibad hat sich gefüllt, der Kiosk ist inzwischen geöffnet. An guten Tagen kommen bis zu 400 Besucher, heute sind es eher 100. Die Stimmung ist familiär, man kennt sich, neunzig Prozent der Besucher seien Stammgäste aus dem Umland, sagt Klapproth. Die Trebitzer Bürgermeisterin ist auch darunter, sie kommt nun an den Tisch und sagt zu Klapproths Mann: "Bei dir wollte ich mich lange schon mal bedanken." Denn hätte er seine Frau nicht so unterstützt, "hätten wir das mit dem Bad hier längst vergessen können". Herma Klapproth ist derweil in den Pumpenraum gegangen. Irgendwas klemmt beim Wasserpilz.

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