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Mode:Aluhut für Babys

Petit Bateau

So ein strahlendes Kind. Da braucht's gar keine Kappe.

(Foto: Petit Bateau)

Kann Silbergewebe in Kleidung vor Strahlung schützen - und muss sie das überhaupt? Egal, Modefirmen verdienen gut an der Angst vor Elektrosmog.

Es hat sich etwas zwischen Eltern und Kinder gedrängt, und sehr deutlich sieht man das auf dem Spielplatz. Irgendwo ist immer ein Handy im Anschlag, und viele finden das nicht ideal. Die Eltern, weil sie das Ding eigentlich weglegen wollten, aber immer Whatsapps kommen. Die Kinder, weil Mama oder Papa kein Auge mehr für sie haben. Die Forscher, weil sie mahnen, dass gerade Babys Blickkontakt für ihre geistige und emotionale Entwicklung brauchen.

Richtig rund läuft das in der Dreiecksbeziehung Mensch-Menschlein-Maschine also nicht. Vielleicht verkaufen sich auch darum spezielle Produkte des französischen Kindermodeherstellers Petit Bateau so gut. Nicht, weil Eltern mit ihnen seltener aufs Handy blicken, aber womöglich beruhigter. Das "Anti-Strahlung-Mützchen" für Babys soll "99,5 Prozent der durch elektronische Geräte und Wlan verursachten Strahlung" blockieren, heißt es in der Produktbeschreibung. Hängt der Nachwuchs unten in der Babytrage, kann man oben sorglos weiter sein Smartphone nutzen, insinuiert der Text. Aber das Beste: Keiner erkennt den feingestrickten Aluhut für 25,90 Euro als solchen, weil die Babymütze im typischen maritimen Ringeldesign von Petit Bateau aussieht wie jedes andere Mützchen auch.

Mit esoterischen Anwandlungen soll die Produkterweiterung angeblich nichts zu tun haben. Als Grund, warum das Unternehmen die Mütze und eine entsprechende Decke für Babys und Schwangere auf den Markt gebracht hat, führt Petit Bateau an, dass man der "großen Nachfrage" seiner Kunden nach Produkten nachkomme, "welche die Strahlenbelastung von Babys und werdenden Müttern auf ein Minimum reduzieren". Gewinnstreben kann natürlich auch ein Argument sein. Angst war schon immer ein Geschäft, und die Angst von Eltern besonders.

Ein Baldachin für 699 Euro über dem Bett

Offenbar sind es nicht nur besorgte Eltern, die ihre Kinder vor Strahlen schützen wollen, der Markt ist jedenfalls erstaunlich groß. Zur wachsenden Zahl der Schutzprodukte zählen die Jeans von Wavesafe für 125 Schweizer Franken, die Handys mit silberdurchwirkten Hosentaschen ein strahlungssicheres Heim geben wollen. EMF Clothing bietet Schutzblusen für bis zu 228 Dollar an, die aussehen wie normale Businessmode mit feinem Glanz. Es gibt einen Baldachin fürs Bett von der Kulmbacher Weberei Gerhard Siemko, der vor Elektrosmog schützen soll (699 Euro). Vitashield hat ein Schwangerschaftsshirt für 134 Euro im Angebot. Vielleicht potenziert sich der Schutz, wenn man parallel dazu Elektrosmog-C30-Globuli einwirft von Homeda oder sich ordentlich mit Clarins Expertise 3 P Screen Mist einsprüht.

In Babymützchen, Baldachin und Businessbluse sind Silberfäden verwebt wie in all den Textilien, die zum Markt der Elektrosmog-Schutzprodukte gehören und im Umfeld von Mobilfunkkritikern und Esoterikern unter dem Kürzel ESP firmieren. Manchmal sieht man der Kleidung die Funktion nicht an, gelegentlich aber wirken die Hemden und Hosen durch ihre reflektierenden Oberflächen, als wären sie für eine Space-Age-Party oder einen ambitionierten Discobesuch gedacht.

Die Versprechen der Hersteller klingen recht ähnlich: Immer soll das Silbergewebe vorgeblich schädliche Strahlung blocken, immer gibt es Berechnungen, in denen viel mit MHz, GHz und dB operiert wird. Immer werden zum Beleg Prüfinstitute genannt. Wo der Hinweis auf mehr oder minder seriöse Institute fehlt, zertifiziert auch mal ein Wünschelrutengänger. Doch kann Kleidung Menschen überhaupt vor elektromagnetischer Strahlung schützen? Und, vor allem: Muss sie das überhaupt?

"Es gibt keine Notwendigkeit, sich Schutzkleidung anzuziehen, auch nicht Kindern", sagt Nicole Meßmer, Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS). Es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis für gesundheitliche Nachteile durch den Mobilfunk. "Es ist auch keine erhöhte Sensitivität von Kindern gegenüber Funkstrahlen belegt." Weil es aber weniger Studien zu Kindern gebe, rät das Bundesamt zu reinen Vorsichtsmaßnahmen. Grundsätzlich solle man auf guten Empfang achten, da Handys dann mit niedrigen Sendeleistungen arbeiten und weniger Strahlung abgeben. Ein Wlan-Router gehöre nicht ins Kinderzimmer, ein Handy nicht dauerhaft in Kinderhände. Letzteres sei aber nicht nur eine Frage der Strahlung.

Silberdurchwirktes Gewebe kann sogar Strahlung verstärken

Der Kernphysiker Holm Hümmler hält die Schutzkleidung für "Humbug". Er ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und erklärter Skeptiker. Dass silberdurchwirktes Gewebe elektromagnetische Wellen abschwächen kann, sei nicht verwunderlich. Das leitende Material absorbiere nicht die Strahlen, sondern reflektiere sie. Kurioser sei da schon, dass gerade die angebliche Schutzkleidung elektromagnetische Felder noch verstärken kann. Das Mützchen zum Beispiel könne durch die runde Form wie ein Parabolspiegel wirken, was dazu führen kann, dass die Strahlung gebündelt und somit noch verstärkt wird. Ähnliche Effekte hatte zuvor auch schon die französische Gesundheitsbehörde Anses bei Anti-Elektrosmog-Mode beobachtet und rät daher, wie auch das Bundesamt für Strahlenschutz, grundsätzlich von Produkten dieser Art ab. Holm Hümmler versteht auch nicht, wie eine Mütze, die vorne offen ist, vor Strahlen schützen soll. "Wenn überhaupt, müsste man sich komplett in so einen Stoff hüllen." Die Frage sei aber: Warum?

Vielleicht, weil man zu diesen zwei Prozent der Deutschen gehört, die sich als elektrosensibel bezeichnen und Beschwerden wie Kopfschmerzen, unruhigen Schlaf und Potenzstörungen auf elektromagnetische Felder zurückführen. Belegen konnte diesen Zusammenhang jedoch noch keine Studie. Was aber bekannt ist: Allein das Wissen um das Vorhandensein der Strahlen und die Sorge vor gesundheitlichen Schäden können Beschwerden verursachen. All die Babymützen, Baldachine und Businessblusen machen es nicht besser, weil sie deren Käufer ständig an die Quelle ihrer Angst erinnern.

© SZ vom 25.01.2020/vs
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