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Attila Hildmann im Gespräch:"Vielleicht bin ich doch der kleine Revoluzzer"

Mal weg von der Kritik - durch welche Rückmeldungen fühlen Sie sich bestätigt?

Durch die Erzählungen von Familien. Es war für mich lange nicht zu verarbeiten, dass eine Ernährungsumstellung das Problem meines Vaters hätte lösen können. Er wurde am offenen Herzen operiert, er ist ins Koma gefallen, musste danach Betablocker nehmen. Er hatte insgesamt drei Herzinfarkte. Und dann siehst du, wie so ein weißer Ritter angeritten kommt - also nicht ich, sondern diese Idee, eine ganz simple Lösung: Stell deine Ernährung um! Und innerhalb von zwei Wochen ist dein Cholesterin nicht mehr im kritischen Bereich. Heute schreibt mir zum Beispiel eine Tochter: Papa muss nicht mehr seine Tabletten nehmen, Mama hat zehn Kilo abgenommen und ich habe meine Pickel verloren. Das ist umso schöner, weil ich den Leuten ja keinen Schrott verkaufe. Ich fixe sie nicht an, irgendwelche Pülverchen zu kaufen, ich habe einfach nur ein Buch geschrieben.

Na ja, inzwischen sind es sechs.

Ja, aber da kann man nicht von irgendeiner Abzocke reden. Ich mache einen wahrhaftigen Job, und gleichzeitig kriege ich etwas zurück von vielen Menschen, die von unserer Werbewirtschaft und unserer Lebensmittelindustrie medial versaut werden. Weil das Thema Bio in meinen Büchern eine so wichtige Rolle spielt, kann das auch die Landwirtschaft wieder positiv beeinflussen, durch Fair-Trade-Produkte oder Hand-in-Hand-Projekte. Das dem Mainstream näherbringen zu können, ist meine Genugtuung. Weil wir an der Ladentheke die Welt verändern können. Vielleicht bin ich doch der kleine Revoluzzer, der den Anspruch hat, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Kommerziellen Erfolg haben Sie nie angestrebt?

Ich habe bis Mitte letzten Jahres in einer 64-Quadratmeter-Bude in einem Hinterhof gelebt, bin zur Uni gegangen, habe meine letzten Kurse gehört. Würde ich alles verlieren, könnte ich wieder im Labor arbeiten und ein glückliches Leben führen. Weil mich diese äußeren Faktoren nicht angetrieben haben bisher. Du kannst nicht neun Jahre lang Rezepte entwickeln und auf Partys gratis Muffins mitbringen, wenn es dir darum geht, reich und berühmt zu werden.

Aber nun haben Sie Ihren Lebensweg doch geändert. Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe noch zwei mündliche Prüfungen, dann bin ich fertig mit dem Physik-Studium. Ich will promovieren, das werde ich auch bald anmelden. Ursprünglich wollte ich aber Astronaut werden. Ich hatte Mathe- und Physik-Leistungskurs, wurde für ein Stipendium vorgeschlagen, habe aber dann an der Uni aber eine Niederlage nach der anderen hinnehmen müssen, weil es megaschwer war. Da gab es viel Frust.

Und trotzdem wollen Sie in Physik promovieren?

Glücklicherweise hat mein Professor mitbekommen, was ich mache, und ist selber auch Vegetarier. Er hat mir eine interdisziplinäre Arbeit vorgeschlagen: physikalische Messgeräte zu entwickeln, mit denen man eine Ernährungsumstellung anhand der Atemluft nachweisen kann.

Attila Hildmann (vorher)

Und so sah er früher aus: Attila Hildmann, bevor er zum Veganer wurde.

(Foto: privat)

Ihnen liegt etwas an der Gesundheit der Menschen. Veganer können da allerdings Nachteile haben, wenn sie nicht bestimmte Stoffe substituieren. Zuletzt haben Sie geschrieben, dass Veganismus womöglich nicht die perfekte Ernährung für den Menschen ist. Können Sie sich vorstellen, dass noch eine bessere Art der Ernährung gefunden wird?

Das glaube ich nicht. Ich habe schon früh darüber geschrieben, dass ich Nahrungsergänzungsmittel nehme für wichtige Stoffe, die bei der veganen Ernährung zu kurz kommen können. Ich habe mich davon verabschiedet, zu sagen, ich möchte eine natürliche Ernährung haben. Ich möchte die optimale Ernährung haben! Ich lebe nicht mehr in einer natürlichen Umgebung, ich gehe nicht mehr in den Wald und jage mein Wildschwein. Sondern ich fliege durch die Gegend, leide unter einer erhöhten Belastung durch Feinstaub und Abgase.

Nicht jeder verträgt die vegane Ernährung gut. Es gibt auch Kritik von Menschen, die sie ausprobiert haben, und von körperlichen Problemen berichten.

Bei mir sind es jetzt 15 Jahre. Ich habe den biologischen Alterstest gemacht: Ich bin biologisch 26, bei mir hat es also funktioniert. Es ist immer die Frage, wie man das umsetzt, welche Rezepte oder Tricks man hat. Vielleicht auch, ob man das Gefühl hat, komplett auf seine Kosten zu kommen, oder ständig auf etwas verzichten muss. Das Seelenwohl spielt ja auch eine Rolle. Wenn man der Aussätzige bei seinen Kumpels ist oder beim Essengehen als Veganerin immer fragen muss, ob dies oder das tierfrei ist, kann das ein Stressfaktor sein. Trotzdem glaube ich nicht, dass es in Zukunft eine Ernährung geben wird, die mehr Sinn macht. Was Krebstherapien betrifft, den Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und Kost zum Abnehmen, da wird vegan weiterhin top sein. Die vegane Ernährung ist außerdem definitiv das Beste für den Planeten.

Inwiefern?

Es ist eigentlich offensichtlich. Jeder, der sich damit ein bisschen intensiver beschäftigt, sieht, inwieweit Ernährungsweisen den Planeten schonen oder zerstören können. Den Zusammenhang, dass etwa der Regenwald abgeholzt wird für Weideflächen, für Futtermittel. Dass das klimaschädliche Gas Methan aus Kuhdung den Klimawandel beschleunigt. Dass wir Monokulturen in Dritteweltländern haben, wo auch Futtermittel angebaut werden und die Menschen dort verhungern und verarmen - und das Futtermittel landet in europäischen Schweinetrögen.

Sie sprechen selbst von alternativer Ernährung. Haben Sie die Vision, dass die vegane irgendwann die normale Ernährung sein könnte? Weltweit?

Ich fände es gut, solange es nicht auf eine ernährungsfanatische Religion hinausläuft. Solange man den Menschen immer noch die Entscheidung lässt. Deswegen sträube ich mich gegen so einen Vorschlag wie den "Veggie Day". Es kann nicht sein, dass eine Partei den Leuten vorschreibt, was sie zu essen haben. Das widerspricht komplett dem, was ich seit Jahren versuche zu machen, nämlich dieses Thema nicht mit Zwang zu verbinden.

Und jetzt wollen Sie nach Amerika?

Ich werde dort meine Karriere ausbauen, weil das marketingtechnisch viel mehr Sinn macht. Es gibt dort keinen Vorreiter, der so erfolgreich ist wie ich hier. Ich werde Deutschland nie den Rücken kehren, ich bin sehr dankbar nicht nur für die Bildung, sondern auch für die Kultur, die ich hier mitbekommen habe. Aber ich sehe meine Zukunft auf der internationalen Bühne.

© SZ.de/jst/leja

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