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Dem Geheimnis auf der Spur:Snob, Boxer, Dadaist

Arthur Cravan (1887 1918) publisher and editor of the magazine 'Now'

Arthur Cravan mit ungefähr 30 Jahren. "Sein Blick hatte oft etwas Unbestimmtes und Fremdes", hieß es über den Neffen von Oscar Wilde.

(Foto: Getty Images)

Arthur Cravan war der Neffe von Oscar Wilde und eine der schillernden Gestalten Anfang des 20. Jahrhunderts. Geschichte eines Mannes, der im Boxkampf dichtete, vor dem Krieg nach Lateinamerika flüchtete und spurlos verschwand.

Von Rudolf von Bitter

Es war im November 1913, als sich von Rom bis Neuseeland die Nachricht verbreitete, Oscar Wilde lebe in Florenz. "Oscar Wilde lebt" war die Überschrift in der Zeitschrift Maintenant, Autor: Arthur Cravan. Eines Abends habe er unerwartet Besuch bekommen, ein Greis mit weißem Bart, weißen Haaren.

"Amüsiert bot ich ihm einen Sessel an und setzte mich ihm gegenüber. Dann sprach der, den ich für einen Fremden gehalten hatte: Ich bin Sebastian Melmoth. Niemals werde ich in Worte fassen können, was sich in mir abspielte. Das Einzige, das ich zustande brachte, war: Oscar Wilde! Oscar Wilde! Er verstand meine Verwirrung und meine Liebe und murmelte: 'Lieber Fabian. So familiär und zärtlich angesprochen zu werden, rührte mich zu Tränen.'"

André Breton, Haupt der Surrealisten, erzählte über Cravan: "Von April 1912 bis April 1915 erschienen und verschwanden die heute verschollenen fünf Ausgaben der kleinen Zeitschrift Maintenant, herausgegeben von Arthur Cravan. Voll Abneigung gegen die stickigen Buchhandlungen, wo auch das Neue sofort Staub ansetzt, schob er die Auflage von Maintenant auf einem Gemüsekarren vor sich her: die Nummer zu 25 Centimes."

Arthur Cravan kam am 22. Mai 1887 als Fabian Avenarius Lloyd in Lausanne zur Welt und war über seinen Vater verwandt mit Oscar Wilde. "Cravan maß mehr als zwei Meter. Sein Athletenkörper, in den Proportionen wundervoll, trug einen olympischen Kopf von schlagender Gleichmäßigkeit, aber sein Blick hatte oft etwas Unbestimmtes und Fremdes", berichtete Gabrielle Buffet-Picabia.

Mit seinem Bruder Otho ging er von Februar 1910 an zum Training in den Boxclub in Paris. Schon im Mai 1910 wurde er zugelassen als Boxer, mit 77 Kilo in der Kategorie Halbschwergewicht. Als Neffe von Oscar Wilde öffneten sich ihm die Türen zu den literarischen und Künstlermilieus, wo man sich damals auch für den Boxsport begeisterte.

Manchmal schoss er auf der Bühne mit einer Pistole

"Nach einer langen Zeit schlimmster Trägheit träumte ich davon, sehr reich zu werden (mein Gott! Wie oft ich davon träumte!), und sagte mir frohgemut: Ich sollte Gide besuchen, er ist Millionär. Nein, was für ein Spaß, ich werde den alten Literasten reinlegen."

Das war 1911, er nannte sich schon Cravan nach dem Herkunftsort seiner Freundin Renée, und Arthur nach dem Boxer Jack Arthur Johnson. André Gide hat es später festgehalten: "Er empfahl sich mit Oscar Wilde, dessen Neffe er sei. Der Ton seines Briefs war amüsant. Ich hatte in dieser Zeit den Kopf voll von meinem imaginären Lafcadio und redete mir ein, in Cravan endlich einen echten Lafcadio zu sehen."

Eine Ankündigung der Folies-Bergère in Le Gaulois vom 18./ 19. August 1913: "Jim Johnson, der fürchterliche schwarze Boxer, liefert sich ein Match von drei Runden mit Sir Arthur Cravan, Neffe von Oscar Wilde und Enkel des Kanzlers Ihrer Majestät Königin Victoria".

Zwei Tage darauf berichten Le Temps und La Presse von einem "riesigen Erfolg". Cravan bekam vier Dollar pro Abend und glaubte an eine Karriere in einem Vaudeville in Amerika. Sein Erscheinen war abenteuerlich: Mal entkleidete er sich unter Stöhnen, mal schoss er auf der Bühne mit einer Pistole um sich.

Der größte Auftritt war der gegen den Box-Weltmeister Jack Johnson in der Plaza de Toros Monumental in Barcelona. Der Kampf fand am 23. April 1916, 15 Uhr statt und dauerte 26 Sekunden.

Dazu Jack Johnson: "Vom Gong zur ersten Runde bis zu meinem gefürchteten linken Aufwärtshaken, der Cravan ausknockte, gehörte der Ring allein ihm. Mir war zwar bekannt gewesen, dass Arthur Cravan nicht nur boxte, sondern auch dichtete, ich wusste aber nicht, dass er immerzu dichtete. Hinter vorgehaltenen Boxhandschuhen hörte ich ihn folgende Sätze deklamieren: Ich stopfe meine Boxhandschuhe mit den Locken von Frauen aus. Ich bin nicht seriös, aber aus Perversion. Die Kunst ist mir schnuppe, aber hätte ich Balzac gekannt, ich hätte versucht, ihm einen Kuss zu rauben. Ich lasse mich nicht zivilisieren. Der Tod des größten Menschen vermag nicht einmal einen Zug anzuhalten. Diese Sätze hauten mich um, so sehr, dass ich Cravan umgehend k.o. schlagen musste, wollte ich nicht selbst zu Boden gehen."

Über Spanien wich er dem Kriegsdienst aus. Am 25. 12. 1916 bestieg er die Montserrat nach New York. Als die USA in den Krieg eintraten, zog Cravan nach Mexiko. Dort heiratete er die Künstlerin Mina Loy und gründete eine Box-Schule. Er trat als Preisboxer auf und plante eine Reise nach Buenos Aires. Doch die Papiere waren nicht in Ordnung, er saß fest. Angeblich wollte er per Boot ausreisen. Bei Salina Cruz am Pazifik verliert sich seine Spur.

Es hieß, Cravan sei in einer Bar erdolcht worden

André Breton bemühte sich um sein Andenken. Für ihn zählten "die Peitschenschnalzer des Karrenschiebers Arthur Cravan" zu den "Vorläufer-Phänomenen des Dada und der darein gesetzten Hoffnungen, die uns nicht erfüllt wurden."

Heute taucht Cravan immer wieder mal auf: "Arthur Cravan lebt" ist das Intro einer Aufsatzsammlung, in der der Schriftsteller Enrique Vila-Matas behauptet, "ich habe Cravan erfunden", und wo Philippe Sollers dem Snob und Rebellen unter dem Titel "Lob der Unendlichkeit" seine Reverenz erweist: "Der wahrscheinlichste Grund für sein Verschwinden dürfte sein, dass er im Ozean die Langeweile in ihrer endgültigen Form gefunden hat."

Mina Loy gab die Hoffnung nicht auf. Belohnt wurde sie dafür mit allerlei Fake News: Cravan sei in einer Bar erdolcht worden; mit einem der klapprigsten Boote im Golf ertrunken; an der Grenze niedergeschlagen worden. Julien Levy, Kunsthändler und Mina Loys Schwiegersohn, berichtete, sogar 1930 sei noch jemand aufgetaucht, der Cravan gesehen haben wollte.

© SZ vom 23.01.2021/odg
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