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Architektur:Erst abfackeln, dann einziehen

Schwarzbauten: Das "Müritzeum" ist ein Museum in Deutschland.

(Foto: Mirko Runge)

"Yakisugi" ist die Kunst des gezielten Verkohlens - eine uralte Bauweise aus Japan und darüber hinaus sehr vernünftig. Warum Architektur brennen muss, um zu überleben.

Als die schwedischen Architekten Gert Wingårdh und Gunilla Murnieks den Politikern im Landkreis Müritz vor einigen Jahren von ihrer Idee für das neue Museum erzählten, waren die Reaktionen erst mal, nun ja, verblüfft. Bis entsetzt. Die verblüffende bis entsetzliche Idee: Leute, wir bauen euch jetzt ein schönes Haus aus edlem Holz, das wir anzünden und verkohlen. Bis es schwarz und rußig ist. Na, wie klingt das?

Das klingt, als ob einem der Hütten-Architekt die Hütte anzünden will. Es klingt nach Inferno und Tatütata. Es sieht gedanklich nach Ruine aus und riecht irgendwie verbrannt. Und jedenfalls klingt es nicht nach Konstruktion, sondern nach Destruktion. Nicht nach Aufbauen, sondern nach Abfackeln. Das Schönste an dieser Geschichte ist aber nicht allein das Müritz-Happy-End, von dem noch die Rede sein wird, sondern die Tatsache, dass es nicht um eine irre Architektenspinnerei geht. Es geht stattdessen um eine uralte, erprobte und völlig vernünftige Bauweise. Im Ursprungsland Japan nennt man das gezielte Anbrennen beziehungsweise Karbonisieren von Holzfassaden "Yakisugi".

Der Begriff beschreibt eine bemerkenswerte Methode der Holzkonservierung. Durch temperaturintensives Verkohlen der Holzoberfläche wird das Material, indem sich die Holzzellen im Kern gegen das Feuer verschließen, wasserdicht und wetterbeständig. Zudem resistent gegen Schädlingsbefall und alles in allem auch nahezu wartungsfrei. Holzschutzmittel, Farbanstriche oder Beizungen sind nicht mehr erforderlich. Die Natur kommt ohne Chemie aus. Für lange Zeit. Alle paar Jahrzehnte, nach 40, 50 oder 60 Jahren, sollte dann das Holz mal kurz geölt werden. Nicht einmal die Statik wird vom Feuer beeinträchtigt: Wären die Türme beim 9/11-Terroranschlag vor fast zwanzig Jahren in New York nicht aus Stahl, sondern aus Holz errichtet gewesen, sie hätten dem Feuer wohl länger widerstanden.

Die Fassaden sind nicht nur schön, sondern auch nachhaltig

"Sugi" ist der japanische Name der Sicheltanne (Zeder), "yaki" bedeutet: grillen. Yakisugi ist die Kunst, ein Holzhaus so geschickt anzukokeln, dass es anschließend haltbarer und sogar schöner ist als zuvor. Dieses Denken ist in der japanischen Kultur tief verwurzelt: aus Zerstörung erwächst Stärke. Das Feuer ruiniert das Holz nicht, sondern veredelt es. Das ist womöglich sogar die beste Pointe der inzwischen auch hierzulande im Öko-Boom zunehmend wiederentdeckten Bautechnologie: Man zerstört ein Material an der Oberfläche - um es im Kern phoenixhaft über sich hinauswachsen zu lassen.

Hōryū-ji heißt ein buddhistischer Tempel in der Stadt Ikaruga. Er ist karbonisiert und aus Shou-Sugi-Holz. Das ist ein weiterer Begriff für Yakisugi. Seit 1413 Jahren erzählt das Bauwerk, das zu den ältesten Holzbauten und zum Unesco-Welterbe gehört, von der Überlegenheit dieser Konstruktionsweise. Wobei das verkohlte Holz nicht aussieht wie verkohltes Holz. Das Karbonisieren bringt je nach Art des Materials und der Verbrennung die für jedes Holz typische Maserung spektakulär ornamental ans Licht. Das Holz lässt sich zudem bürsten, es kann schwarz und silbrig schimmern. Die Japaner nennen es "Seidenholz". Es gibt wenig sinnlichere Fassaden und Texturen als jene, die sich dem schöpferischen Feuer verdanken.

Karbonisierte Fassaden definieren aktuell das ultimative Must-have am Bau. Sie sind nicht nur atemberaubend ästhetisch. Die Holztechnik ist auch ökologisch und ökonomisch. Nämlich nachhaltig. Karin Franz, die auch für die Öffentlichkeitsarbeit im "Müritzeum" zuständig ist, erzählt dennoch von einer gewissen Skepsis, die den schwedischen Gewinnern eines internationalen Wettbewerbs seinerzeit galt. Was man auch verstehen kann. Da plant man für fast 14 Millionen Euro ein in Waren an der Mecklenburgischen Seenplatte gelegenes "Haus der 1000 Seen" als Museum und Naturerlebniszentrum, das zugleich Heimstatt für eines der größten Aquarien in Deutschland ist. Und dann sagen die Architekten, dass sie das Bauwerk erstens wie ein soeben gelandetes Ufo aussehen lassen wollen und dass das Ufo zweitens mit rund 20 000 "angesengten Holzbohlen" zu erbauen sei.

Gert Wingårdh soll die Idee bei einem Ausflug ins Umland von Göteborg gehabt haben. Dort entdeckte er eine Scheune, die bereits 1927 abgebrannt war, doch das verkohlte Holz sah aus, so die Fachzeitschrift Bauwelt, "als habe sich der Brand erst vor wenigen Tagen ereignet". Offenbar wurde das Holz erst durch das Feuer haltbar.

Sie nennen das Haus: "das kleine Schwarze"

Wer immer als Bauherr dem Müritzeum zugestimmt hat, hat jedenfalls Mut bewiesen in einer an mutiger wie an anmutiger Architektur armen Zeit. Dem Göteborger Architekturbüro darf man heute, da sich das vor 13 Jahren eröffnete Museum als Herzschrittmacher und in jedweder Weise als anregender Bildungsort bewährt hat, dankbar sein für das Verkohlen. Das sogar abseits japanischer Weisheit auch an der Müritz Wurzeln hat. Früher kannte man auch hier das "Teerschwelen" im Wald zur Erzeugung von Pech als Abdichtmittel von Booten und Schiffen. Das oberflächliche Ankohlen von Holz gehört auch im Alpenraum zu den ältesten Schutzkonstruktionen der Welt. So wurde schon im Altertum gebaut. Bei Ausgrabungen des Artemision von Ephesos fand man heraus, dass der sumpfige Untergrund vor Beginn der Bauarbeiten mit Holzkohle befestigt worden war. Auch der römische Architekt Vitruv beschrieb im ersten Jahrhundert vor Christus die Verwendung von geflammten Pfählen aus Eichenholz.

Irgendwann schlief das Wissen um diese Technologie ein. Doch jetzt, das ist vom Ulmer Hobelwerk Mocopinus zu erfahren, "explodiert die Nachfrage" nach karbonisiertem Holz. Inzwischen reagiert man auf das enorme Interesse. Unter anderem mit dem Bau der größten Holzbeflammungsanlage in Europa. Sie steht in Bayern. Etwas, was hierzulande lange von sympathischen Amateuren mit Bunsenbrennern nach Youtube-Tutorial auf den Baustellen veranstaltet wurde, professionalisiert sich. Übrigens flammt niemand ein fertiges Gebäude ab, die verkohlten Bretter, die verbaut werden, karbonisiert man schon vor der Montage. Für die Bayerischen Staatsforsten wird in Regensburg gerade ein Mehrfamilienhaus in Holzbauweise errichtet. Befeuert von Mocopinus.

Ein Haus in Österreich, das "kleine Schwarze".

(Foto: STEINBAUER architektur+design)

Ein Beispiel für einen zeitgenössisch verkohlten "Schwarzbau" befindet sich seit zwei Jahren in Österreich. Oliver Steinbauer, ein erst 30-jähriger Architekt (Wiener Neustadt), hat für den seit Generationen im Familienbesitz befindlichen Weingarten inmitten bewegter Reben-Topografie nahe Winzendorf ein kleines Einfamilienhaus entworfen. Für den Bruder. Formstreng und archaisch ist es zugleich von verblüffender Anmut. Einerseits ist es zeichenhafte Baukultur. Andererseits fügt es sich, genannt "das kleine Schwarze", in die Kulisse der Natur. Beides, Natur und Kultur, verbindet sich auf ideale Weise im Holz der karbonisierten Fassade. Das Material wird im Spiel mit der Sonne zur suggestiven Landschaftsbühne.

Oliver Steinbauer erzählt, es habe durchaus Mühe gekostet, alle Beteiligten von der Idee der karbonisierten Holzfassade zu überzeugen: "Aber es hat sich gelohnt. Ich würde wieder mit diesem besonderen Material arbeiten." Das auch einen besonderen Preis hat. Im Vergleich zu einer normalen Holzfassade muss man etwa mit den doppelten Kosten rechnen. Danach hat man für lange Zeit keine Fassadensorgen mehr. Beim Tempel in Ikaruga sind es bald anderthalb Jahrtausende.

© SZ vom 30.05.2020/aner
Interior of an underground atomic fallout shelter on Long Island, New York 1955. Courtesy Everett Collection PUBLICATION

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