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Architektur:Ist doch die Höhe

"The Vessel" ist ein aus 154 Treppen bestehendes Bau- und Schauwerk in Manhattan.

(Foto: Mauritius Images / Raga)

In Dubai und New York entsteht gerade eine teure Spektakel-Architektur, die nur noch Kulisse sein soll. Eine Polemik.

Ein etwas voluminöses und schätzungsweise mittelaltes Paar, nicht allzu befremdlich in den wohlgenährten USA, aber jedenfalls doch eher der Kompaktklasse zuzurechnen, steht vor der mutmaßlich spektakulärsten Treppenanlage der Welt. Er trägt ein rotes Shirt, sie ein graues - und dazu eine Tasche mit dem Aufdruck "Mind Body". Beide tragen einen verhalten fröhlichen, möglicherweise auch eher besorgten Ausdruck im Gesicht, den man vielleicht so deuten könnte: "Hey, und da sollen wir jetzt wirklich hoch, ist das euer verdammter Ernst?"

Der Mann, der dieses Bild trotzdem auf Instagram gepostet hat (zum Zeitpunkt dieser Niederschrift mit relativ enttäuschenden sieben Herzen ausgezeichnet) nennt sich "pablorios670". Die Treppenskulptur in Manhattan, New York, heißt dagegen "The Vessel", Gefäß. Auf Instagram ist die begehbare, vom Briten Thomas Heatherwick entworfene Monumentalskulptur schon zum Selfie-Star geworden: Rund 175 000 Posts können nicht irren.

Im März wurde die gigantische Stahlkonstruktion inmitten des mit einem guten Dutzend Hochhäusern beplanten Areals namens "Hudson Yards" am Westrand von Manhattan eröffnet. Seither erinnert die Anlage, die in knapp 50 Metern Höhe einen Instagram-tauglichen Ausblick verspricht, an die von M.C. Escher als optische Täuschungen organisierten Treppen des Irrewerdens. Andererseits finden einige Kommentatoren in den sozialen Netzwerken auch, dass das Ding an eine sehr große Ananas, einen sehr großen Abfalleimer oder möglicherweise auch an eine sehr große Schnapsidee erinnert.

Vom "Dubai Frame" aus sieht man auf der einen Seite die moderne Großstadt (mit dem 828 Meter hohen Burj Khalifa), auf der anderen Seite steht das alte Dubai.

(Foto: Kairi Aun / Mauritius Images)

Wenn, dann funktioniert sie aber erstaunlich gut: In New York gehört die Ananastreppe schon zu den neuen Wahrzeichen.Vielleicht toppt die Escher-Ananas noch nicht die erste Liga, also Freiheitsstatue, Brooklyn Bridge, Times Square, Empire State Building oder Central Park: Doch etliche Touristen aus aller Welt kommen zu den Hudson Yards, um die Vertikaldistanz von etwa einer Meile treppenkeuchend zu überwinden, einerseits also im Zeichen der sportiven Verfittung, die - eigentlich keine schlechte Idee - der softdrinkhaften Verfettung entgegentritt. Andererseits dient das Gebilde vor allem dazu, dem Selfie zu einer zeitgemäß verblüffenden Hintergrundoptik zu verhelfen.

Dubai und seine architektonischen Ausrufezeichen

In einer ikonischen bis narzisstisch-gestörten Ära der Aufmerksamkeitsökonomie, da zwar doch nicht, wie Warhol glaubte, jeder seine 15 Minuten Ruhm, aber immerhin mindestens einige Likes erhält, wird The Vessel zum Gefäß unterschiedlicher Beweggründe. Derartige Spektakel-Architekturen, die alles andere als sinnfrei telegen um die Blicke der Welt konkurrieren und im Wettbewerb einer verstädterten Ära auch ganz schlicht um Besucherzahlen buhlen, werden die bislang bekannte Welt der etablierten Wahrzeichen zumindest auffrischen. Wenn nicht ablösen.

Kein Wunder also, dass es immer mehr davon gibt.

In Dubai fungiert der tollkühne, arg zerbrechlich wirkende "Dubai Frame" als architektonisches Ausrufezeichen, er steigert das Selbstwertgefühl der Millionenstadt am Persischen Golf (die auch schon das höchste Bauwerk der Welt besitzt). Der Frame ist ein von Fernando Donis entworfener "Rahmen", englisch: frame, der sich aus zwei extrem schlanken, jeweils 150 Meter hohen Türmen zusammensetzt, die unten durch ein Basisgebäude und oben durch eine gut 90 Meter lange Brücke verbunden sind.