ArchitekturBuilt to be wild

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Ein neues Buch dokumentiert den Wandel der Zooarchitektur. Es feiert die Idee, dass man für die Tiere bauen muss - und nicht für die Zuschauer.

Von Gerhard Matzig

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Der amerikanische Zoologe William G. Conway meinte einmal, dass die Architektur der größte Feind der Tierwelt sei. Jedenfalls im Zoo. Das war in den Sechzigerjahren, Conway war damals Direktor des Bronx Zoo in New York. Vielleicht ist deshalb das erste prachtvolle Bild in Natascha Meusers kaum weniger prachtvollem Buch "Architektur im Zoo" eines, das von Johann Wenzel Peter stammt. Das großformatige Bild des österreichischen Tiermalers trägt den Titel "Adam und Eva im Garten Eden". Zu sehen ist eine arkadisch anmutende Utopie vom harmonischen Zusammenleben der Gattungen, von Mensch und Tier, von Flora und Fauna, von Kulturraum und Naturreich. Ein architekturfreier Raum - als Paradies betrachtet.

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N/A

Zoogebäude aus aller Welt: Noch nicht gebaut sind die kreisförmigen Archipele mitten im Wald von St. Petersburg. Sie stehen für die einzelnen Kontinente. Rendering: Artefactory Lab für TN Plus/Beckmann-N`Thépé

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Dom publishers

Das Elefantenhaus des Zürcher Zoos.

Das Primatengehege in Melbourne.

Wäre da nicht der Apfel, den Eva ihrem Adam reicht. Man sieht die Schlange förmlich grinsen. Dieser Apfel entpuppt sich schon auf der nächste Seite des soeben erschienenen, 448 Seiten umfassenden Bandes (Verlag DOM publishers, Berlin, 98 Euro) als Ursünde in der jahrtausendalten Geschichte zoologischer Gärten. Die Ursünde ist die allegorische Darstellung der vitruvianischen Urhütte. Wobei die Urhütte unter Bauhistorikern als eigentlicher Beginn aller architektonischen, raumbildenden Ambition in der Zivilisationsgeschichte gilt.

Unter dem Pinguinbecken des Wuppertaler Zoos kann der Besucher hindurchgehen.
Unter dem Pinguinbecken des Wuppertaler Zoos kann der Besucher hindurchgehen. Dom publishers

Aus dieser Perspektive wäre es ein Haus, ein Stück Architektur also, das dem paradiesischen Zusammenleben von Mensch und Tier ein jähes Ende bereitet. Und genau darum geht es Natascha Meuser: um die Unterschiede zwischen Mensch und Tier einerseits; und die von Naturraum und baukulturellem Raum andererseits.

Denn diese Differenzierung illustriert auch die Geschichte des Zoos. Natascha Meuser, geboren 1967, Architektin, Verlegerin und Professorin an der Hochschule Anhalt in Dessau, legt in "Architektur im Zoo" erstmals seit langer Zeit eine fundierte, dabei aber alles andere als nur akademisch anmutende, eben sehr ansprechend und verständlich formulierte sowie anschaulich bebilderte Gesamtschau des "Bauens für Tiere" vor. "Anhand von fünf Generationen von Zoobauten" zeigt die Autorin auf, "dass in der Architektur seit dem ersten wissenschaftlich geführten Zoo stets auch gesellschaftliche Wertvorstellungen im Zusammenleben von Mensch und Tier ablesbar geblieben sind".

Neben einer Dokumentation von 30 stilbildenden historischen Zoobauten, angefangen bei der Ménagerie du Jardin des Plantes in Paris von 1805 bis zum Raubtierhaus in Heidelberg aus dem Jahr 1979, werden auch 30 Zoogebäude oder Tierhäuser einer architekturkritischen Analyse und Raumdeutung unterzogen, die erst in den vergangenen 20 Jahren realisiert wurden. Vor allem in Europa. Das reicht von der Anlage für Elefanten in Wuppertal, 1995, über Kopenhagen, London, Wien oder Zürich bis München, wo gerade erst der Umbau des historischen Dickhäuterhauses vollendet wurde. Jetzt, in den ersten warmen Tagen des Jahres, zeigen die Schlangen in Menschengestalt vor dem Elefantenhaus, wie rasch diese Häuser wieder zu Anziehungspunkten werden.

Die Münchner Elefanten bewohnen eine Wellness-Oase mit Innenpool und Außendusche

Gajendra, der Bulle, und die Elefantenkühe Temi, Steffi, Panang und Mangala bewohnen in München im Tierpark Hellabrunn nicht nur ein altehrwürdiges Elefantenhaus der Jugendstilepoche samt historistischem Zierrat. Sondern seit ein paar Wochen auch eine sich modern bis mondän gebende Wellnessanlage: palmbestanden, organisch sich rundend, lichtdurchflutet- inklusive Sand- oder Lehmkuhle, Innenpool oder Außendusche. Schon dieser Wandel vom einst palastartigen Bautypus (gestaltet am Beginn des 20. Jahrhunderts à la Byzanz von Emanuel von Seidl) hin zum Bemühen um ein dann doch sehr viel artgerechteres Habitat dokumentiert den Wandel in der Geschichte der Zooarchitektur. Stand früher im Grunde der Mensch im Mittelpunkt des Interesses, seine (Schau-)Lust an exotischen Lebewesen, was zu einer seltsamen Vermenschlichung der Tierwelt in Form von Architektur führte, so versuchen heute Architekten und Zoologen interdisziplinär zum Wohle jener Wesen zu agieren, die sich in ziviler Gefangenschaft befinden. Das sollte man bei aller Schaulust letztlich nie vergessen.

Da kann man den Zoo so tiergerecht gestalten wie man will, es ist und bleibt ein Raum, den sich Menschen ausgedacht haben. Und Menschen sind es, die den Schlüssel dazu besitzen. Man kann eigentlich nur hoffen, dass sich Mangala oder Gajendra wohlfühlen in ihrer Münchner Wellnessoase - ob sie ihn auch so gestaltet hätten, ihren Lebensraum, in einem Leben, das naturgemäß nicht von Zoologen oder Architekten bestimmt würde?

Dennoch kann man froh sein, dass der eher repräsentativ gemeinten Zooarchitektur nun immer öfter eine Baukunst des freien oder doch freieren Raumes folgt. "Vom Kolonialismus zur Demokratie": Das ist nicht nur eine Kapitelüberschrift in diesem wunderbaren Grundlagenwerk zu Theorie und Geschichte einer sozusagen tierischen Bautypologie, es beschreibt auch die Evolution des Bauens für Tiere: Das Verhältnis von Mensch und Tier hat sich im Laufe der Architekturgeschichte gewandelt. Das ist gut so. Gut auch, dass in Deutschland etwa vierzig Mal mehr Menschen einen Zoo als ein Museum besuchen. Dann können sich ziemlich viele Menschen davon überzeugen, dass Tiere Lebewesen sind, in ethischer Hinsicht also: wie du und ich. Sie sind mehr als nur Würstchen oder Schnitzel. Das wäre vielleicht der nächste Schritt auf jenem Weg zurück ins Paradies: der Schritt zur Einsicht, dass Tiere einen angemessenen Lebensraum noch dringender brauchen als wir einen Zoo oder billige Discount-Fleischberge.

© SZ vom 01.04.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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