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Architektur:Wunderpampe im großen Stil

SW: Fassade; Alnatura Campus

Die neue Alnatura-Zentrale in der Nähe von Darmstadt. In dem Lehm-Bau sind etwa 420 Mitarbeiter tätig.

(Foto: Roland Halbe/Alnatura)

Lehm sorgt für ein gutes Raumklima, ist komplett wiederverwertbar und hat eine ganz eigene Ästhetik: Ein Bio-Unternehmen hat sogar seine Firmenzentrale aus Lehm errichten lassen.

Ende Januar war es so weit: Das Naturkost-Unternehmen Alnatura bezog seinen neuen Firmensitz in Darmstadt. Das Besondere daran: Der sogenannte Campus ist eine Gewerbeimmobilie aus Lehm. Laut Eigentümer sogar das größte Bürogebäude dieser Bauart in Europa. Lehm gewinnt derzeit an Popularität.

Verwunderlich ist das nicht, hat Lehm doch so manchen technischen Vorteil. Für Alnatura war es aber auch eine ökologische Entscheidung. "Hauptgrund war, dass Lehm cradle to cradle ermöglicht, das Material kann komplett wiederverwertet werden", erklärt Thorsten Mergel, Bereichsverantwortlicher Expansion und Immobilien, der das Projekt begleitet hat. Nach dem Prinzip, zu Deutsch "von Wiege zu Wiege", werden Ressourcen in einen Kreislauf zurückgeführt, also wiederverwendet.

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"Man kann aus Lehm tragfähige Ziegel herstellen", sagt Oliver Heiss, Geschäftsführer für Aus-, Fort- und Weiterbildung bei der Bayerischen Architektenkammer. Außerdem könne der Werkstoff wie Beton zwischen Schalen, auch dreidimensional gekrümmt, gefüllt werden. "Bei der Gestaltung von Formen schränkt einen Lehm nicht ein", sagt der Experte.

Lehm bewährt sich seit der Steinzeit

Damit greift der Mensch heute wieder zu einem Material, das er bereits in der Steinzeit genutzt hat. "Seit er sesshaft ist, baut der Mensch mit Lehm", sagt Philipp Stockhammer, Professor am Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie und provinzialrömische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Reine Lehmgebäude aus dem neunten Jahrtausend vor Christi Geburt seien im türkischen Çayönü gefunden worden. "Dass Lehm in eine Verschalung gepresst wird, ist seit dem sechsten Jahrtausend bekannt, erste gebrannte Ziegel tauchen im vierten Jahrtausend auf", sagt der Archäologe. Selbst in den feuchten Gebieten nördlich der Alpen wurde mit Lehm gebaut. Stockhammer verweist auf die keltische Heuneburg nahe Sigmaringen an der oberen Donau aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus.

Klaus Edelhäuser, Mitglied im Vorstand der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, kennt verschiedene Bautechniken mit Lehm. Traditionell wird Fachwerk mit einem Lehm-Stroh-Gemisch oder Lehmziegeln gefüllt. "Das funktioniert auch bei moderner Holzrahmenbauweise", sagt Edelhäuser. Ziegel sind eine weitere Variante. Hier wird zwischen getrockneten und gebrannten Ziegeln unterschieden. Und dann der Stampflehm. "Dabei kommt der Lehm in eine Verschalung und wird fest gepresst", erklärt der Ingenieur. Ihm gefällt unter anderem das gute Raumklima. Denn Lehmwände und Lehmputz nehmen Feuchtigkeit auf und geben sie langsam wieder an die Umgebung ab. "Im Bad beschlagen dann die Spiegel nicht mehr, wenn man heiß duscht", berichtet Edelhäuser. Das funktioniere allerdings nur, wenn die Bauherren die Wand nicht versiegeln. Dispersionsfarbe dichtet beispielsweise ab.

Alnatura hat die Lehmwände daher nur mit Kasein behandelt. "Das bindet feine Lehmpartikel an der Oberfläche und verhindert, dass man sich an der Wand schmutzig macht", erklärt Mergel. Gleichzeitig hat es aber große Poren, sodass der positive Effekt für das Raumklima nicht verloren geht. Alnatura war diese Eigenschaft so wichtig, dass sie ein wesentlicher Grund dafür war, nicht mit Massivholz oder Kreuzlagenholz zu bauen.

Im Außenbereich müssen Lehmwände jedoch gut geschützt werden. "Sonst bekommen sie bei Regen ein Problem", warnt Edelhäuser. Denn Lehm kann quellen. Das führt zu Schäden. So bessern beispielsweise jedes Jahr die Bewohner von Djenné in Mali nach der Regenzeit die aus Lehm errichtete Große Moschee im Rahmen eines Festes aus.

In den Innenräumen der Gebäude absorbiert die weiche Fläche des Lehms den Schall. Das sorgt für eine gute Akustik, solange die Wände nicht mit einer Deckschicht wie Gips versehen ist, die den Effekt aufhebt. Alnatura nutzt das im neuen Bürogebäude. "Wir haben im Inneren circa 10 000 Quadratmeter Bürofläche ohne Innenwände", sagt Mergel. Da ist eine gute Akustik wichtig, um konzentriert arbeiten zu können.

Bauen mit Lehm kostet mehr. Lohnt es sich trotzdem?

Damit die Wand aus Stampflehm hält, muss in der Regel weiteres Material beigemischt werden. In Darmstadt sind das Lavaschotter aus der Eifel und recyceltes Material aus dem Tunnelaushub von Stuttgart 21. Für die Dämmung ist zwischen zwei Lehmschichten zudem ein Glasschaumgranulat eingearbeitet. "Damit kommen wir auf eine Wandstärke von 70 Zentimetern", erläutert Mergel. Solche Ergänzungen sind üblich. Denn alleine dämmt Lehm nicht gut, sagt Ingenieur Edelhäuser: "Aber es gibt sehr guten Dämmlehm, dem beispielsweise Kork, Blähton oder Stroh beigemischt wurde." Auch Lavaschotter helfe. Eine so verarbeitete Lehmwand dämme besser als eine einfache Ziegelmauer, besser als Beton sowieso. Im Innenbereich hingegen sind solche Maßnahmen nicht immer erforderlich. Hier finden Bauherren am Markt bereits Trockenbausysteme aus Lehm. Die werden wie beim Trockenbau mit Gipskarton auf Unterkonstruktionen aus Metall oder Holz befestigt.

Einen Nachteil hat Lehm dann doch. "Unser Gebäude war sicherlich etwas teurer als ein Bau mit konventionellem Kalksandstein", sagt Mergel. Die Bauzeit von zweieinhalb Jahren hingegen habe sich dadurch nicht verlängert. Zumal Alnatura die Bauteile aus Lehm an Ort und Stelle produzieren ließ. Derzeit lässt das Unternehmen die CO₂-Bilanz berechnen. Es will wissen, ob und falls ja um wie viel der ökologische Fußabdruck besser ist als bei anderen Baustoffen.

Edelhäuser hat sich bereits mit der CO₂-Bilanz von Baustoffen beschäftigt. Beton schneidet demnach besonders schlecht ab. Reines Holz hingegen sei zwar auch gut, aber Dämmstoffe und Weichfaserplatten aus Holz benötigten viel Energie in der Produktion. Lehm sei da besser, wenn er nur getrocknet und nicht gebrannt werde, erklärt der Ingenieur: "Da holt man nur die Pampe aus der Grube und verarbeitet sie."

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