Süddeutsche Zeitung

Aphorismen in Sozialen Medien:Tut voll gut

Früher schrieb man kitschige Sinnsprüche nur in Poesiealben. Heute verstopfen Aphorismen Twitter und Co. Was findet eine abgeklärte Netzgeneration an diesem Gesülze?

Kein Geheimnis: Das Web ist ein Paradies für Sprücheklopfer. Jeden Tag werden hier von den aktiv Beteiligten kleine Ratschläge oder große Weisheiten verbreitet und Alltagsphilosophen versuchen sich an der Einordnung des Weltenlaufs. Für alles, was die Millionen meinungsfreudigen Menschen auf Twitter, Facebook und Co. nicht in Worte gefasst kriegen, gibt es Tafeln mit Sinnsprüchen oder eben englisch: Quotes.

Die Aphorismen und Zitate, die in vielen Schriftarten auf bunten Tafeln präsentiert oder mit Fotos hinterlegt werden, fungieren als emotionale Sättigungsbeilage und ersetzen bei vielen Instagram-Accounts und Tumblr-Feeds streckenweise eigene Inhalte. Wenn einem nichts einfällt, bedient man sich eben am Buffet der Sinnsprüche, die sich aus Quote-Archiven ziehen lassen oder die man selbst zusammenbastelt. Im Grunde wie im Alltag: Wenn Menschen nicht wissen, was sie sagen sollen, flüchten sie sich in Phrasen - das klingt immer souverän, und man kommt ewig damit durch.

Man mag den Abreißkalender mit Eichendorff-Sprüchen aus Omas Küche für das antiquierteste Ding der Welt halten, aber die "Motivational Quotes" die einem heute auf Schritt und Tritt im Netz begegnen, sind eigentlich nichts anderes. Jeden Tag ein guter Spruch, jeden Tag eine Durchhalteparole, jeden Tag ein vages Mantra. Oder eben Tausende, je nach persönlichem Netzumfeld.

Erstaunlich sind an dieser Spruchtafelkultur mehrere Dinge. Zum Beispiel die oft bizarre Qualität der Zitate und Quotes. Denn neben den üblichen Oscar Wilde-/Sitting Bull-Floskeln, die auch schon im analogen Zeitalter kursierten, hat der enorme Bedarf im Web zu ziemlich niedrigen Schwellen bei der Frage geführt, was eigentlich wert ist, auf einer leuchtenden Tafel verewigt und hundertfach verlinkt zu werden.

Tausende Variationen von Befindlichkeits-Banalitäten wie "You are loved, no matter how you feel!" gehören da eher schon zur akademischen Liga. Zitate aus Songs sind besonders beliebt, scheinen aber keine andere Qualität mehr haben zu müssen, als dass sie in einem Lied vorkommen.

Vor manchen Quotes, die einem in die Feeds gespült werden, sitzt man jedenfalls rätselnd viel länger als die paar Pathos-Sekunden, die dafür veranschlagt sind. "Vergisst du, wo du herkommst, kommst du nicht, wo du hinwillst" etwa. Ein Spruch, der kürzlich groß auf der Startseite von Tumblr präsentiert wurde, und den deutschen Rapper Veysel als Urheber ausweist. Aber nicht mal gerappt kann man sich diese krude Syntax besonders sinnreich vorstellen.

Noch schlimmer wird es meist, wenn sich die Nutzer an Übersetzungen versuchen oder ihre Gedanken zum Aphorismus erheben. "Du hast drei Möglichkeiten im Leben: aufgeben, nachgeben oder alles geben", plakatiert etwa User gedankenlyrik auf Tumblr. Tja, klingt irgendwie richtig? Aber wie genau? Auch die Facebook-Prophezeiung: "If I could travel for free, no one would ever see me again", montiert auf ein Wüstenfoto, wirft nach der ersten Begeisterung Fragen auf.

Anderes klingt so tief und philosophisch, dass man es sofort teilt, etwa die Feststellung: "We kill all the caterpillars and complain that there are no butterflies" (Wir töten die Raupen und beklagen uns, dass es keine Schmetterlinge mehr gibt), die derzeit rotiert. Das tönt pastoral, ohne dass jemand wohl sagen könnte, in welchem Zusammenhang es der australische Kinderbuchautor John Marsden einst geschrieben hat. Egal, like. Alles was gesamtkritisch die Weltlage betreffend ist, wird besonders gern als Quote weiterverbreitet.

Google spuckt heute Hunderte Millionen Treffer für die Suche nach "Motivational Quotes" aus, es gibt riesige Archive mit starken Sätzen für jeden Anlass, fast wie in einem gigantischen Postkartendrehständer. Sprüche für Feministen, Manager und Verliebte, aber auch für Sportler und Tierfreunde oder verzagte Eltern. ("Ein Kind zu haben bedeutet immer, ein Stück seines Herzens außerhalb seines Körpers zu tragen")

Viele der Sachen sind so kitschig, dass man sich fragt, wie eine abgeklärte Netzgeneration eigentlich auf so ein Gesülze Wert legen kann. Aber die Spruchtafeln sind eben Wohlfühl-Fugenkitt, sie passen überall dazwischen, fallen nicht ins Gewicht und treffen immer auf Bedarf, wenn auch nur mit der Präzision von Glückskeksen. "Stay close to people who feel like sunshine" (Suche die Nähe von Menschen, die strahlen wie die Sonne). Dazu ein Regenbogenfoto, Herrgott, wie wahr und schön. Daumen hoch!

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Quelle:
SZ vom 29.12.2018/vs
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