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Nachruf:Sie liebten ihn, sie konnten nicht anders

Tod von Modedesigner Alber Elbaz

Wenige konnten aus Stoff so wunderbare Dinge formen wie er: der verstorbene Designer Alber Elbaz.

(Foto: Etienne Laurent/dpa)

Er war der Hobbit der Mode, ihr freundlichstes Gesicht und außerdem genial. Zum Tod des Modedesigners Alber Elbaz.

Von Tanja Rest

Als man ihn das letzte Mal sah, hätte eigentlich alles wieder gut sein müssen für Alber Elbaz. Sommer 2019, Pariser Couture-Woche, im Untergeschoss des Palais de Tokyo hatte ihm das Unternehmen Tod's den ganz großen Bahnhof hingebaut: Videoscreens an den Wänden, italienische Schlager auf der Playliste, die eingedeckten Tische bogen sich unter Köstlichkeiten aus den Marken. Die Gäste waren zahlreich, namhaft und bester Dinge. Sie waren weniger gekommen, um die Präsentation der neuen Capsule Collection zu erleben (ein paar eher unaufregende Schuhe und Taschen), sondern um den zuständigen Gastdesigner, den verlorenen Sohn, nach einer vierjährigen Auszeit busselnd willkommen zu heißen im Kreis der Familie.

Doch Alber Elbaz wirkte nicht glücklich. Er wirkte ganz und gar verloren. "Ich bin kein Schuhdesigner", sagte er später im Interview und zum Entsetzen der PR-Damen von Tod's, "das ist nicht das, was ich gelernt habe. Ich bin Modedesigner, ich arbeite mit Stoffen. Verstehen Sie?"

Es gab und gibt nur wenige Menschen auf dieser Welt, die mit Stoffen so wunderbare Dinge anstellen konnten wie Alber Elbaz. Die Mode hat ihn dafür eine Zeit lang ungeheuerlich geliebt, dabei war er im Kreis der Schönen, Dünnen, Coolen eigentlich schon rein körperlich ein Unding. Ein kleiner, dicker Mann ohne Socken, der vor Aufregung schwitzte, wenn er die Huldigungen entgegennahm, und sein großes Herz hoffnungslos auf der Zunge trug. Ein Hobbit der Mode. Als der Traktorstrahl des Erfolgs ihn traf, wird er sich darüber selbst am meisten gewundert haben.

Elbaz, in Casablanca geboren, in Israel aufgewachsen, hatte zum Zeitpunkt seines Durchbruchs bereits eine wechselhafte Karriere hinter sich. "Es gab ein paar glückliche Momente und ein paar nicht so glückliche", sagte er in seiner Rede bei Tod's. "Aber so ist das Leben. So ist das Business." Nach der Designschule und seiner Lehrzeit bei einem New Yorker Schneider wurde er Chefdesigner bei Guy Laroche. Wenig später machte ihm Yves Saint Laurent das spektakuläre Angebot, sein Nachfolger zu werden. Elbaz bestieg den Pariser Olymp - um nach nur drei Saisons aus dem Amt gedrängt zu werden von dem prädatorenhaft gut aussehenden Tom Ford. Eine Kränkung, von der er sich nur sehr allmählich erholte.

Im Jahr 2001 tauchte Elbaz wieder auf, und zwar an der Spitze des ältesten aller französischen Couturehäuser, das seine besten Tage lange hinter sich hatte. Er blieb 14 Jahre.

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Selbstbewusst, cool und glamourös war die Mode von Alber Elbaz für Lanvin. Hier das Finale seiner Show für Herbst/Winter 2009.

(Foto: Pierre Verdy/AFP)

Alber Elbaz für Lanvin, das war am Anfang eine Liebesbeziehung, in der beide Partner gleichermaßen entzückt voneinander waren. Innerhalb weniger Saisons wurde die Marke zu dem, was zuletzt Gucci war oder Balenciaga: ein Shootingstar, der eine Zeit lang alles überglänzte. Elbaz entwarf die Garderobe für Powerfrauen - cool, selbstbewusst, nicht allzu kompliziert, dafür makellos geschnitten und immer glamourös. Die Mode liebte das, und alles andere auch: dass Catherine Deneuve und Rihanna in der ersten Reihe saßen, dass die Cocktails bei jeder Show zu Popcorn serviert wurden, dass dieses kleine Augenzwinkern niemals fehlte. Den schwitzenden, dicken Mann mit der Eulenbrille aber, der alle stets mit der gleichen Freundlichkeit behandelte: Den liebte sie womöglich am meisten. 235 Millionen Euro Umsatz machte das kleine Haus Lanvin im besten Jahr.

Als Grund für sein Ausscheiden im Oktober 2015 wurde der Streit mit der taiwanesischen Mehrheitseigentümerin genannt. Das andere, womöglich schwerwiegendere Zerwürfnis ereignete sich leiser, schleichender, und es betraf die Branche insgesamt: Elbaz registrierte mit wachsendem Befremden, in welche Richtung die Mode sich entwickelte. Er sprach es - Herz auf der Zunge - sogar aus.

Dass mit der Ankunft von Social Media plötzlich Influencer über das Schicksal einer Kollektion entschieden; dass seine Kleider "schreien" mussten, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erzeugen; dass die Aufmerksamkeitsspanne insgesamt kleiner und das Tempo immer schneller wurde, sieben, acht Kollektionen im Jahr: Das hat er immer wieder hörbar kritisiert. Auch in dem Interview, das man damals mit ihm führte: "In der Mode gehen wir nicht mit der Evolution, sondern mit der Revolution. Und es ist die Revolution, an die ich nicht glaube. Ich glaube an Recherche." Wieder in dieses System zurückzukehren, sagte er, "das wäre, als würde man jemanden heiraten, den man nicht liebt".

Er wurde für die größten Posten gehandelt und bekam sie nie

Weil Modedesign aber nun mal seine Bestimmung war, weil er nichts so gut konnte und so sehr mochte wie Kleider zu erträumen, hat Alber Elbaz nach seinem viel betrauerten Rausschmiss bei Lanvin trotzdem wieder nach einem Job in der Mode gesucht und ihn nie bekommen. Wann immer ein großer Designposten frei wurde, ob bei Dior, bei Givenchy, bei Celine und schließlich sogar bei Chanel: Immer stand sein Name auf der Liste der potenziellen Kandidaten. Immer wurde ein anderer berufen. Fünf Jahre lang war Elbaz der überqualifizierteste Arbeitslose der Mode, bis er schließlich sein eigenes Label gründete.

AZ Factory (benannt nach dem ersten und letzten Buchstaben seines Namens) wurde im Januar am Rand der Couturewoche vorgestellt, unter der Regie der Schweizer Luxusgruppe Richemont. Elbaz versuchte hier, an den Zeitgeist wieder anzuknüpfen, indem er Couture mit Sportswear verband, Tradition mit Zukunft - die hohe Kunst der Schneiderei auf der einen, Hightech-Stoffe und neue Verarbeitungstechniken auf der anderen Seite. Diese erste Kollektion war quietschbunt und von überschäumend guter Laune. Sie erhielt freundliche Kritiken, ohne bei der jungen Zielgruppe jedoch Begeisterung auszulösen. Eine zweite wird es nun aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr geben, nicht ohne ihn.

Am vergangenen Samstag ist der große, liebenswerte Alber Elbaz völlig unerwartet in Paris gestorben. Mit erst 59 Jahren, an den Folgen einer Covid-Erkrankung. Wer damals klug genug war, eine Riesensumme auszugeben, möge die Lanvin-Statement-Kette vom Herbst 2013 noch einmal anlegen. In großen, goldenen, schwungvollen Lettern: "LOVE".

© SZ
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