Afrika im 17.Jahrhundert Die Piratenkommune von Madagaskar

Auch der Abenteuerfilm "Against All Flags" von 1952 mit Errol Flynn in der Hauptrolle spielt in Libertatia.

(Foto: imago/Hollywood Photo Archive)

Auf der afrikanischen Insel gründeten Seeräuber angeblich die urdemokratische Kolonie "Libertatia". Was stimmt an dieser Legende?

Von Volker Bernhard

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Vor einigen Jahrzehnten noch versprach sie wirtschaftliche Prosperität, Steigerung der Lebensqualität und einen technischen Fortschritt, der uns in wenigen Jahren Reisen zu fremden Planeten ermöglichen würde.

Doch inzwischen inspiriert der morbide Charme der Zukunft eher die Apokalyptiker, welche dann aus einem breiten Spektrum an Untergangsszenarien wählen können - beispielsweise Klimawandel, künstliche Intelligenz, Atomkrieg oder mikroresistente Keime. Auch unsere poli-

tische Situation lädt nicht gerade zu Zukunftsträumereien ein: Seit Jahren entfalten Verführer mit Lösungen aus der düsteren Vergangenheit eine erschreckende Anziehungskraft.

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"Ich wünsch' mich dahin zurück, wo's nach vorne geht", singt hingegen die Band Ja, Panik auf ihrem Album "Libertatia", das nach einer sagenumwobenen Piratenkolonie des 17. Jahrhunderts benannt ist. "Libertatia" wird hier zur Chiffre freiheitlicher Lebensformen, die eine emanzipatorische Zukunft dem ökonomischen Rationalismus vorziehen, die Zukunft gestalten wollen und sie nicht als eine uninspirierte, zwangsläufige Folge unserer Gegenwart verstehen. Doch hat dieses ungewöhnliche Piratentraumland je existiert, oder war es bereits damals nicht mehr als eine Legende?

Die populären Vorstellungen von Piraterie basieren maßgeblich auf Captain Charles Johnsons "A General History of the Pyrates" von 1724, dessen erster Teil das Wirken der wichtigsten Piratenkapitäne rekapituliert. Captain Johnson schreibt hier auch über die Piratenflagge Jolly Roger, das Holzbein und die unzähligen versteckten Schatztruhen und prägt so die ikonischen Symbole des "Goldenen Zeitalters der Piraterie" (1650 bis 1730).

Wer dieser Captain Johnson war, ist bis heute ungeklärt. Lange hielt man ihn für ein Pseudonym des Schriftstellers Daniel Defoe, doch gilt dies inzwischen als widerlegt. Die Piratenbiografien des ersten Teils sind weitgehend verbürgt. Doch vor allem im zweiten Teil des Buches wird deutlich, dass Captain Johnson sich mehr für eindrückliche Geschichten als für wissenschaftliche Genauigkeit begeistert.

Unter anderem berichtet der Autor von James Misson, der aus der Provence stammt. Er verdingt sich im späten 17. Jahrhunderts auf dem französischen Kriegsschiff Victoire und bekommt vom dominikanischen Priester Caraccioli freiheitliche Flausen in den Kopf gesetzt. Nach dem Tod ihres Kapitäns wählt die Besatzung Misson zu ihrem neuen Anführer. Angestachelt von Caraccioli segeln sie nach Madagaskar, wo sie im Dschungel die autonome Piratenrepublik Libertatia gründen - irgendwo an der Ostküste zwischen Antongil bis Mananjary.

Madagaskar gilt als eines der Epizentren des "Goldenen Zeitalters der Piraterie". Die Lage an der Gewürzroute bot optimale Bedingungen für die Seeräuber. Viele mit Pesos und wertvollen Waren beladene Handelsschiffe kreuzten hier, es gab günstige Verstecke in Lagunen und Mangrovenwäldern, unerforschte Küstenabschnitte und ein nicht homogen von einer Flotte beherrschtes Seegebiet.

Libertatia versteht sich als multikulturell, es gilt ein Recht auf Nahrung und Freiheit

Captain Johnson beschreibt ein Szenario, dem auch heute noch revolutionäre Sprengkraft innewohnt: Die Piraten von Libertatia nennen sich "Liberi" und sehen sich als Hüter der Freiheiten der Völker und als Schutzmauer gegen die Mächtigen. Kapitalismus, Sklaverei, Monarchie und Imperialismus lehnen sie ab, sie streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Die Liberi wählen ihre Offiziere und Delegierten direkt, die Autorität des Kapitäns gilt nur in Notfällen. Sie befreien Sklaven und teilen Rohstoffe sowie erbeutete Güter gerecht auf.

Libertatia versteht sich als multikulturell, es gilt ein Recht auf Nahrung und ein Leben in Freiheit. Statt der Gefahr verheißenden schwarzen Piratenflage Jolly Roger hissen die Liberi eine weiße Fahne. Sogar eine eigene Sprache entwickeln sie, eine wilde Mischung aus afrikanischen Sprachen, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Malagassi.

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25 Jahre lang soll die Piratenkommune angeblich existiert haben, dann wird sie von Einheimischen überfallen. Caraccioli wird ermordet, Misson kann mit einigen Getreuen auf der Victoire fliehen. Doch kurz danach sinkt das Schiff in einem Sturm.

Beweise für die Existenz Libertatias gibt es nicht. Die Forschung bleibt angesichts der fragilen Quellenlage eher skeptisch. Doch der inspirierenden Wirkung des Mythos tat dies keinen Abbruch: Robert Louis Stevenson gab einem Piraten aus seiner "Schatzinsel" den Namen eines mutmaßlichen Liberis.

Trotzdem vermag die Erzählung das einseitige Bild der "bösartigen Verbrecher auf See" zu korrigieren, viele Piraten sympathisierten mit den Werten Libertatias und ergriffen ihre Profession nur aus wirtschaftlicher Not. Libertatia ist daher auch ein romantisiertes Ventil des eigenen Selbstverständnisses.

Der Wunsch nach politischer Mitsprache war unter Piraten weitverbreitet. Wegen ihrer langen Reisen auf See und ihres Lebens in kleinen Gemeinschaften trafen sie mehr gemeinschaftliche Entscheidungen, als es auf dem Festland der Fall war. Solche Enklaven und Piratenschiffe bezeichnete Michel Foucault einmal als Heterotopien.

Damit beschrieb er Räume, die nach einer eigenen Logik funktionieren und die vermeintliche Gesetzmäßigkeiten der Welt gewissermaßen auf den Kopf stellen. Solche Lebensformen abseits des gesellschaftlichen Status quo verdeutlichen, dass die Welt veränderlich und eine andere Zukunft möglich ist.

Libertatia ist eine Utopie und symbolisiert unabhängig von ihrer Existenz ein Verlangen, sich selbst ins Recht zu setzen. Sie ist eine Vision, welche die Wirklichkeit kritisch spiegelt. Auch heute noch.

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