Süddeutsche Zeitung

Abercrombie & Fitch:Dicke Mädchen unerwünscht

"Viele Menschen haben in unserer Kleidung nichts zu suchen", sagt Mike Jeffries, der Chef von Abercrombie & Fitch. So finden Frauen, die nicht in Kleidergröße L passen, in seinen Konsumtempeln: nichts. Bei seiner männlichen Kundschaft ist der Modekonzern da schon großzügiger.

Von Tobias Dorfer

Das Schönheitsideal von Mike Jeffries, dem Chef von Abercrombie & Fitch, lässt sich recht knapp zusammenfassen. Erwünscht ist: der perfekte Mensch, bevorzugt jung und attraktiv, gerne mit Waschbrettbauch. Verachtet und deshalb ignoriert wird: der Genussmensch mit Pölsterchen an Bauch und Oberschenkeln. Oder mit den Worten des Meisters himself: "Ganz ehrlich, wir wollen die coolen Kids. Viele Menschen haben in unserer Kleidung nichts zu suchen."

Zu den Menschen, denen Mike Jeffries seine hochpreisige Kultmode vorenthalten will, gehören insbesondere Frauen, die das ein oder andere Pfund zu viel auf den Hüften haben. Die Größentabelle der Damen-Kollektion von Abercrombie & Fitch (A&F) endet bei L, Hosen gibt es nur bis zur US-Größe 10 - das entspricht in Deutschland Konfektionsgöße 40.

Wirtschaftsautor Robin Lewis hat in seinem Buch The new Rules of Retail geschrieben: Jeffries "will keine dicken Menschen in seinen Shops einkaufen sehen. Er möchte dünne und schöne Leute." Das Buch ist im Dezember 2010 erschienen. Und bis heute hat sich offenbar nicht viel geändert.

In einem Interview mit dem Business Insider legte Lewis nun nach. Der Chef von Abercrombie & Fitch wolle nicht, dass seine Kunden weniger attraktive Menschen mit seiner Kleidung sehen. Bei männlichen Kunden hat Jeffries da offenbar weniger Sorgen. Sie können bei A&F auch Kleidung in XL und XXL kaufen.

Allerdings will er auch damit keine korpulenten Herren ansprechen. Vielmehr, erklärt Lewis, seien diese Stücke so geschnitten, dass sie die Muskelpakete von Wrestlern oder Footballern betonen. Im Interview mit dem Business Insider erzählt der Wirtschaftsautor, er habe A&F nach dem Grund gefragt, warum der Konzern keine größeren Kleidungsstücke für Frauen im Sortiment hat. Die Reaktion: kein Kommentar.

Die Reaktionen vonseiten der Kundschaft sind unterschiedlich: Die einen stoßen sich weder an der elitären Verkaufspolitik noch an dem Hype um die Modekette und kaufen unverdrossen weiter. Andere fühlen sich verprellt und rufen zum Boykott auf. So schrieb eine ehemalige Kundin aus Ohio, Mutter von drei "dünnen, attraktiven Töchtern", einen bitterbösen Brief an den Unternehmens-Chef, der auf der Internetseite der Huffington Post zu finden ist. Darin kündigt sie an, ihren Kindern künftig nicht nur den Besuch der Modekette zu verbieten, sondern sämtliche bislang erstandenen A&F-Teile zu entsorgen.

Schönheit und Ästhetik sind für Mike Jeffries der Schlüssel zum Erfolg, das ist auch in den Shops zu sehen. Dort hängen makellose junge Männer und Frauen herum, die aussehen, als seien sie einem Mode-Katalog entsprungen. Die Jungs mit nacktem Oberkörper werden von unzähligen Handykameras fotografiert. Das Personal von Jeffries Privatjet muss Flip-Flops, Polo-Shirt und Jeans tragen - und drunter: enganliegende Boxershorts.

Größe XXL bei Zara? "Back soon"!

Die Konkurrenz hat offenbar ein anderes Verständnis von Schönheit. H&M hat eine eigene Kollektion für Übergrößen im Programm. Die Auswahl ist nicht gewaltig, aber immerhin befinden sich sieben Jeans bis Größe 54 im Sortiment. Dazu: Tops, Tuniken, Kleider, Jacken, Wäsche und Bademode. Auch A&E-Konkurrent American Eagle verkauft Damenmode bis XXL.

Schwieriger wird es da schon bei Zara, neben H&M einer der größten Modehändler in Deutschland. Von 156 Hosen sind an diesem Freitagmittag im Online-Shop gerade einmal vier in Größe 46 erhältlich, bei Größe 44 sind es immerhin noch 33. Bei den Kleidern sieht es nicht viel besser aus: 123 verschiedene Stücke bietet der Zara-Webshop an, 39 davon in Größe XL, nur zwei in XXL - und die sind gerade nicht erhältlich, sondern mit der Information "Back soon" versehen.

In Blogs beschweren sich Kundinnen darüber, dass die Kleidungsstücke bei Zara auch noch ziemlich klein ausfallen. Heißt: "Da wird die allgemeine 38 zur 42, oder manchmal nicht mal das."

So abweisend wie Abercrombie & Fitch geht allerdings keine Modemarke mit ihren kräftigeren oder größeren Kundinnen um. Die Frage ist nur, ob sich der Konzern damit nicht selbst schadet. Denn Mode für Mollige ist längst kein Nischenmarkt mehr. Berechnungen zufolge fallen inzwischen schon zwei Drittel der amerikanischen Kundinnen in die Kategorie Übergröße.

Und in Deutschland? Auch da ist zumindest festzustellen, dass die Menschen größer und dicker werden. Die Messung "Size-Germany", an der mehr als 80 deutsche Modefirmen (u.a. Adidas, Bogner, Esprit, Kik und S.Oliver) beteiligt waren, hat herausgefunden, dass sich bei Frauen seit 1994 der durchschnittliche Taillenumfang um 4,1 Zentimeter verbreitert hat, die Größe ging um einen Zentimeter nach oben. Bei den Männern wuchs die Taille seit 1979 um durchschnittlich 4,4, die Hüfte um 3,6 Zentimeter - die Körpergröße stieg um 3,2 Zentimeter.

Die Hersteller in Deutschland wollen ihre Konfektionsgrößen den neuen Gegebenheiten übrigens anpassen - "schon aus psychologischen Gründen", wie Peter Schöffel, der Chef des gleichnamigen Sportkleidungsherstellers, betont. Dann wird L vielleicht schon bald das neue M sein.

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