20. November 2015, 18:58 Musik Die Kleinlaute

So putzig und entspannt: Kein Instrument strahlt so dermaßen gute Laune aus - und tröstet uns durch diese Dauerzeit der Krisen so sehr wie die Ukulele.

Von Hannes Vollmuth

Kein anderes Instrument strahlt so dermaßen gute Laune aus, kein anderes macht große Bedrohungen durch ein paar beherzte Griffe in vier Saiten so klein und aushaltbar wie die Mini-Gitarre. Man könnte fast von einem Antidepressivum sprechen, so stimmungsaufhellend erscheint uns die Ukulele, so gute Laune verbreitet sie. Müsste man ein Musikinstrument benennen, welches das Zeug hat, uns halbwegs unbeschadet durch diese Zeit der Dauerkrise zu bringen, es wäre die Ukulele.

Vielleicht weil die Krisen und Kriege uns jetzt tatsächlich auf den Leib rücken, erlebt das Instrument wieder ein Comeback. Filmfiguren aller Art schrammeln sich gerade ihren Kummer von der Seele - egal ob es sich um ein Drama wie "45 Years" handelt oder um den Hipster-Kultfilm "Frances Ha". Aber nicht nur auf der Leinwand, die Hollywood-Schauspielerin Jessica Chastain erzählt auch in so ungefähr jedem Interview, wie sehr sie ihre Ukulele liebt. Ukulele-Clubs, Ukulele-Läden und Ukulele-Lern-Fibeln verzeichnen starke Nachfrage. Vor ein paar Wochen stand dann auch Judith Holofernes bei einem Flüchtlingskonzert in München auf der riesengroßen Bühne, natürlich mit einer Bonsai-Gitarre in der Hand.

Selbst der US-Großinvestor Warren Buffett spielt angeblich auf der Bonsai-Gitarre

Jetzt, da offensichtlich sehr kalte Zeiten angebrochen sind und die Zukunft so ungewiss zu sein scheint wie schon lange nicht mehr, freuen wir uns besonders, wenn jemand den ulkigen Happy-Sound anstimmt. 1879 brachte der Portugiese João Fernandes das Instrument den Hawaiianern, sie tauften es "hüpfender Floh", Ukulele. Doch schon in den Zwanzigerjahren fand die Ukulele-Begeisterung vor dem Hintergrund der dramatischen Weltgeschichte statt. Das Instrument wurde zum Begleitphänomen der Krise, ähnlich wie auch heute.

Man kann gegen die Ukulele wenig einwenden: Sie ist putzig, entspannt, zutiefst unernst, billig, klein und leicht. Fachleute halten sie für das einfachste Melodieinstrument überhaupt. Kaum ein anderes Instrument klingt bei minimalem Können so maximal virtuos. Man kann schon mit zwei Akkorden seine Zuhörer für sich einnehmen.

Das alles gilt natürlich auch für die Blockflöte, aber in der Ukulele ist ja noch jede Menge Ironie verbaut. Egal was man auf ihr anstimmt, es wird sofort ironisch gebrochen, auch wenn es Bach, Metallica oder Rammstein ist. Der Sound der vier Saiten wirkt schön flach und herrlich direkt, unseriös, lächerlich, mit Absicht. Welches Instrument könnte das Staatstragende besser schrumpfen lassen als die Schlumpfgitarre mit ihren quäkenden Pling-Plong?

Die großen Quatschmacher haben das natürlich schon immer gewusst: Götz Alsmann zum Beispiel und, nun ja, auch Stefan Raab. Inzwischen haben wir den Unernst aber so bitter nötig, dass selbst Schüler, Büromenschen und Pensionäre zur Ukulele greifen. Auch der US-amerikanische Großinvestor Warren Buffett spielt sie, so wird kolportiert. Die E-Gitarre, dieser verwandte, aber ohrenbetäubende Rabauke, wurde vom Diskurs ja längst schon als Macho-Instrument entlarvt. Die Folkgitarre der Schmerzensmänner und -frauen nervt mit ihrer demonstrativen Besinnlichkeit auch gehörig. Nur die Ukulele macht noch gute Laune, garantiert.

Erleuchtung darf man sich vom Ukulele-Spielen aber nicht erwarten, auch wenn auf Youtube regelmäßig das Gegenteil verkündet wird. Zumindest die humorlose und zugige Postmoderne wird ein bisschen erträglicher. Oder wie es in der Satzung des deutschen Ukulele-Clubs heißt: "Wer seine Zeit mit der Ukulele verbringt, tut nichts Böses." Vielleicht ist über die Kleinlaute damit tatsächlich schon alles gesagt.