TSV 1860 München in Ingolstadt Unverdient, aber egal

Intensives Duell: Ingolstadts Marvin Matip (r.) kämpft mit Münchens Rubin Okotie um den Ball.

(Foto: dpa)

Eine ganze Halbzeit schießt der TSV 1860 nicht aufs gegnerische Tor: Im Derby lassen die Sechziger den Tabellenführer Ingolstadt lange gewähren - kurz vor Schluss fällt doch noch der Ausgleich.

Von Philipp Schneider

Torsten Fröhling hielt sich mit den Händen die Ohren zu, dann ließ er seine Finger weiter wandern - bis sie seine Augen verdeckten. Schließlich ergriff er seine Nase und drückte zu. Es lief die 83. Spielminute und der Trainer des TSV 1860 wollte ganz offensichtlich nichts mehr hören, sehen oder riechen. Viel hätte also nicht gefehlt, dass Fröhling den Höhepunkt dieser Partie gegen den Tabellenführer FC Ingolstadt verpasst hätte am Montagabend: Eine Flanke von Valdet Rama, eine Direktannahme von Jannik Bandowski aus spitzem Winkel: der Ausgleich der Münchner zum 1:1, sieben Minuten vor Schluss. Verdient war er kaum, aber das war Fröhling jetzt sicher ziemlich egal. "Das war spielerisch schon eine Steigerung im Vergleich zum letzten Spiel", fand er erleichtert.

Gleich nach seinem Amtsantritt hatte Fröhling beschlossen, auf Sportchef Gerhard Poschners Transferpolitik keinerlei Rücksicht mehr zu nehmen. Schon beim 2:1 gegen St. Pauli hatte er Poschners Lieblingsspanier Ilie Sanchez aus dem Kader gestrichen und Poschners Lieblingstorwart Stefan Ortega auf die Bank gesetzt. Dabei blieb es auch gegen Ingolstadt. Nach dem Abschlusstraining am Sonntag strich er dann auch noch Poschners Lieblingswintertransfer Krisztian Simon aus dem Aufgebot. Der durfte zwar schon für die Nationalmannschaft Ungarns auflaufen, stieß aber, schmächtig gewachsen, gegen St. Pauli schnell an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit. Fröhling nominierte also lieber den 19-jährigen Marius Wolf. Und weil Fröhling auch noch Winterzugang Anthony Annan aus dem Spiel nahm und dem ewigen Kai Bülow im defensiven Mittelfeld vertraute, standen von 13 Poschner-Spielern auf dem Feld: drei.

Und nun also dieses 1:1 beim Tabellenführer. Dem FC Bayern der zweiten Liga, wie ja manch euphorischer Beobachter geschrieben hatte. Eine Analyse, die Trainer Ralph Hasenhüttl nicht gefallen konnte. "Dieses Gefühl, der FC Bayern der zweiten Liga zu sein, wird damit verwechselt, dass wir auch so spielen müssen", erinnerte Hasenhüttl: "Das wird aber nicht der Fall sein. Wir werden auch in Zukunft enge Spiele haben und die Teams nicht über 90 Minuten dominieren." Wie wahr. Der FCI dominierte Fröhlings Truppe nur wenige Minuten vor der Halbzeit. Das genügte nicht. "Uns fehlt im Moment die Kaltschnäuzigkeit, der Killerinstinkt", haderte Hasenhüttl nach dem Abpfiff.

Die Münchner legten überraschend offensiv los, Adlung und Okotie attackierten schon weit vor der Mittellinie. Und auch die Flügelspieler rückten meist weit nach vorne: links Jannik Bandowski, rechts der junge Wolf. Die Ingolstädter, offenbar überrascht von dieser Taktik, mussten sich erst noch sortieren. Zweimal spielten sie Rückpässe auf Torwart Ramazan Özcan. Ansonsten? Viele Zweikämpfe in der neutralen Zone, kaum gute Pässe. Auf beiden Seiten. Erst nach zwölf Minuten gab es den ersten Torschuss: Thomas Pledl versuchte, mit einem Seitfallzieher Vitus Eicher zu überwinden, doch der lenkte den Ball über das Tor.

Sehr kurze Sturm-und-Drang-Phase beim FCI

Für den FCI geriet die Szene zur Initialzündung einer, zugegeben, sehr kurzen Sturm-und-Drang-Phase: Pascal Groß brachte einen Freistoß in den Strafraum, Moritz Hartmann köpfelte knapp am rechten Pfosten vorbei (16.). Die Münchner zogen sich jetzt immer weiter in eigene Hälfte zurück. Und an der Seitenlinie nahm Fröhling die Pose eines großen Denkers aus der Antike ein: Grübelnd fuhr er sich mit der Hand über das Kinn. Das half allerdings niemandem etwas.

Augenscheinlich, und die Statistik gab ihm da Recht, hatte Hasenhüttl die Devise ausgegeben, auf Fehler der Münchner zu warten. Wohl um langsam an Selbstvertrauen zurückzugewinnen, nachdem seine Mannschaft in den ersten drei Partien des Jahres nur vier Punkte erspielt hatte. Der FCI lauerte vor allem auf Konter, wartete auf Standards. Kurz vor der Pause trat Groß einen Eckball in den Strafraum, Gary Kagelmacher (einer der drei verbliebenen Poschner-Spieler) brachte den Ball nicht weit genug aus der Gefahrenzone, der Schuss von Danilo Soares, noch leicht von Wolf abgefälscht, schlug knapp neben dem Pfosten ein (41.). Und Sechzig hatte abermals das Kunststück zustande gebracht, wie schon gegen den FC St. Pauli eine ganze Halbzeit lang nicht einmal auf das gegnerische Tor zu schießen.

Fröhling wechselte Valdet Rama für Okotie ein, an dem das Spiel eher vorbeigelaufen war. Wer sich nun neuen Schwung für Sechzigs Offensive erhoffte, der sah sich zunächst aber getäuscht. Der FCI zog sich weiter zurück, die Münchner waren ja so angenehm ungefährlich. Dann brachte Tobias Levels von rechts eine Flanke in den Strafraum, Mathew Leckie köpfelte, doch diesmal verhinderte ein Blitzreflex von Eicher ein weiteres Gegentor (53.). Dann probierte es Groß aus der Distanz (57.), Eicher faustete. Erstaunliche 67 Minuten vergingen, ehe Marius Wolf einen Kopfball aufs gegnerische Tor lenkte - es war Sechzigs erster Torschuss. Bandowskis Ausgleich zum 1:1 war der zweite.