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Zweitliga-Auftakt:"Wer steigt neben Leipzig auf?"

Am kommenden Freitag beginnt die Zweitliga-Saison. Für Peter Neururer gibt es einen klaren Favoritenkreis, die Münchner Löwen gehören nicht dazu: "1860 ist der HSV der zweiten Liga."

Von Filippo Cataldo, München

Besser kann es gar nicht laufen für einen Experten. Am Freitagnachmittag sprach die SZ mit Peter Neururer über die am kommenden Wochenende beginnende 42. Spielzeit der zweiten Liga. "Für mich gehört auch Bochum zu den Aufstiegsaspiranten", sagte der 60-Jährige über den Verein, den er selbst bis zum 9. Dezember 2014 trainiert hat. Eine einigermaßen überraschende Aussage, Bochum hat die abgelaufene Zweitligasaison auf Platz 11 beendet, gehörte vor allem nach dem noch immer recht undurchsichtigen Rauswurf Neururers zu den biederen Mannschaften der Liga. Wenige Stunden später, am Freitagabend, schlug Bochum dann im Testspiel Borussia Dortmund dank einer gnadenlos effektiven Leistung mit 2:1 und bescherte Borussias neuem Trainer Thomas Tuchel die erste Niederlage.

Schnellsprecher, Ruhrgebietslegende, Motivator und neuerdings auch Orakel? Nun denn, Herr Neururer! Wer steigt auf?

"Die Frage müsste lauten: Wer steigt neben Leipzig auf?", korrigiert Neururer. So viele Fehler könne der neureiche und vom Brausekonzern Red Bull alimentierte Klub aus Leipzig gar nicht machen, um den Aufstieg diese Saison zu vermeiden. "Ralf Rangnick hat sich selbst zum Trainer gemacht, er weiß, was er tut", sagt Neururer. Außerdem: "RB hat alleine mehr Geld für Transfers ausgegeben als alle anderen Mannschaften zusammen." In Zahlen: Transferausgaben Leipzig: 15,6 Millionen Euro. Transferausgaben aller Zweitligaklubs: 25,8 Millionen Euro. Außer Leipzig haben bisher nur Kaiserslautern (1,9 Millionen), Düsseldorf (1,6 Millionen) und Freiburg (4,6 Millionen) mehr als eine Million Euro an Ablösen für Neuzugänge bezahlt.

Teuerster Spieler der Liga ist Stürmer Davie Selke, 20, für den RB acht Millionen Euro an Werder Bremen bezahlt hat und der wohl bei vielen Bundesligaverein Stammspieler wäre. Außerdem verpflichtete RB für fünf Millionen Euro den türkischen Innenverteidiger Atinc Nukan, 21, von Besiktas, für zwei Millionen den Lauterer Defensivspezialisten Willi Orban, 22, und außerdem insgesamt sechs Spieler vom Schwesterverein RB Salzburg. Die bekanntesten: Stürmer Nils Quaschner, 20, und Flügelspieler Marcel Sabitzer, 21. Vor allem das geht Neururer gehörig gegen den Strich: "Dass sie keine Tradition haben und mit Geld um sich schmeißen? Geschenkt! Aber dass sie Spieler so hin und her schieben zwischen den Klubs - und das auch noch legal - das ist ein Skandal! Das ist für mich die Wettbewerbsverzerrung, die Red Bull betreibt", sagt er. Dennoch: "Leipzig hätte auch vergangene Saison schon als Aufsteiger aufsteigen können. Das haben sie verpasst, auch weil einige Fehler gemacht wurden. Nun haben sie sich gezielt und sinnvoll verstärkt. Sie sind der einzige wirkliche Favorit. Der Aufstieg ist Ziel und Verpflichtung", sagt er.

RB Leipzig v FC Southampton  - Friendly Match

Den Großen auf den Fersen: RB Leipzig testet nicht etwa gegen Zweit- oder Drittligisten, sondern gegen den FC Southampton aus der Premier League.

(Foto: Christoph Hathauer/Getty Images)

Wer steigt neben Leipzig noch auf?

Wie immer will die halbe Liga hoch, wie immer hat die halbe Liga eine Chance, wie immer sind aber nur zwei Aufstiegstickets und eines für die Relegation zu vergeben. Neururer: "Kaiserslautern, Düsseldorf, der KSC wären sicher die logischen Kandidaten." Doch auch Braunschweig sei auf einem sehr guten Weg. "Normalerweise sind natürlich auch die beiden Absteiger logische Aufstiegskandidaten. Ich glaube auch, dass Freiburg und Paderborn eine sehr gute Rolle spielen können, aber bei beiden Klubs war der personelle Aderlass groß", so Neururer.

Wer sind die Geheimtipps?

Der schon erwähnte VfL Bochum. "Sehr gute Mannschaft, sehr gute Spieler, aber leider nur 13 davon. Es darf sich keiner verletzen", sagt Neururer. Wenn die Stammelf durchspielen kann, "gehören sie für mich zu den Favoriten." Außerdem: Der FC St. Pauli. Vergangene Saison beinahe abgestiegen. Aber: "Seit Ewald Lienen übernommen hat, ist es aufwärts gegangen. Ewald hat so viel Erfahrung und passt zu dem Klub wie Arsch auf Eimer. Mich würde es nicht wundern, wenn sie plötzlich oben anklopfen würden", so Neururer. Die beiden Aufsteiger, Bielefeld und Duisburg, seien eine "absolute Bereicherung für die Liga", findet Neururer, aber "ein zweites Darmstädter Wunder wird es nicht geben. Das passiert nur alle 20 Jahre mal."

Wer steigt ab?

Auch da gilt: Die üblichen Verdächtigen. In Sandhausen, Heidenheim, beim FSV Frankfurt "machen die Verantwortlichen Jahr für Jahr einen tollen Job, aber ihre finanziellen Möglichkeiten sind eben sehr begrenzt. Solche Klubs kann es jedes Jahr erwischen. Muss aber auch nicht", sagt Neururer. Überhaupt: "Es gibt kein Mittelfeld mehr. Die halbe Liga kann aufsteigen, die halbe Liga kann runter."

Was ist mit 1860 München?

Peter Neururer

Für Peter Neururer steht fest: 1860 wird es auch in der kommenden Zweitliga-Saison schwer haben.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

"Ach, die Löwen", sagt Neururer, "die klammern wir mal aus." Einerseits könne es nach der vergangenen Saison nur bergauf gehen. Andererseits "können sie auch in der totalen Versenkung verschwinden". Neururer mag diesen komplizierten Verein eigentlich, aber er hat mitbekommen, wie selbst seine Freunde Friedhelm Funkel und Ewald Lienen schier "verzweifelt" sind an den Löwen. "So viele Fehler, wie sie bei 1860 in den vergangenen Jahren gemacht haben, kann man normalerweise gar nicht machen. Die haben es noch geschafft, Fehler zu machen, wo man es nur richtig machen konnte. Der TSV 1860 ist der HSV der zweiten Liga." Eine Prognose wagt er darum nicht. Auch ein Experte hat Grenzen. Aber: "Dass sie völlig abrutschen - für mich unvorstellbar. Ein bisschen Restverstand werden sie schon haben."

Lienen ist bei St.Pauli glücklich. Aber was machen eigentlich Friedhelm Funkel und Peter Neururer?

Warten auf Anrufe, müssen aber nicht mehr zurück. Funkel hat mehr Spiele in der Bundesliga und zweiten Liga erlebt als Otto Rehhagel, ist aber seit seinem Rauswurf bei 1860 im Frühjahr 2014 ohne Job. Neururer hat allein zehn Vereine in der zweiten Liga trainiert und nicht viel weniger in der Bundesliga. Zuletzt scheiterte ein Engagement bei Hannover, vor ein paar Wochen bot er sich, angesichts seines Selbstvertrauens wohl nur halb im Spaß, als Sportdirektor beim FC Schalke an. "Wenn irgendwann ein Zweitligaklub mit Perspektive einen Trainer oder Sportdirektor brauchen sollte, höre ich es mir an. Die deutsche zweite Liga ist weltweit die attraktivste zweite Liga. Nirgendwo sonst interessieren sich so viele Menschen fürs Unterhaus wie bei uns." Außerdem: "Platz eins ist vergeben, aber der Kampf um alle anderen Positionen wird richtig spannend. Ich freu mich drauf."

© SZ vom 19.07.2015
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