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Zweite Liga:Schön flacher Ball

DSC Arminia Bielefeld v VfL Bochum 1848 - Second Bundesliga

Wird auch in Zukunft gemeinsam gejubelt? Arminia Bielefeld drohen aufgrund der finanziell prekären Lage einige Abgänge.

(Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images)

"Wir bleiben demütig": Arminia Bielefeld, nach drei Auftakt-Siegen überraschend Tabellenführer der zweiten Liga, setzt sich vorsichtshalber Scheuklappen auf.

Die Stimmung beim Training am Dienstag war natürlich gut - "aber sie war nicht euphorisch". Samir Arabi betont das, der Sportdirektor des Zweitligisten Arminia Bielefeld versucht seit Montagabend jeglichen Eindruck zu vermeiden, Ostwestfalens Fußball könnte womöglich ausflippen. "Wir bleiben demütig", sagt der 38-Jährige trotz der soeben errungenen Tabellenführung entschieden. "Unser Ziel bleibt, eine stabile und sorgenfreie Saison zu spielen."

In Bielefeld träumt also noch niemand vom alleinigen Rekord. Neun Punkte nach drei Spielen genügen den über Generationen hinweg sturmerprobten Fans keineswegs, um sich nach dem 2:0-Sieg gegen den VfL Bochum bereits Hoffnungen auf den achten Bundesliga-Aufstieg zu leisten. Je sieben Mal sind die Arminia und der 1. FC Nürnberg in die Bundesliga aufgestiegen, und momentan empfiehlt sich der neue Tabellenführer Bielefeld als erster Anwärter auf den alleinigen Rekord. "Wir halten den Ball schön flach", mahnt indes auch der Trainer Jeff Saibene, 48, und wertet die neun Punkte aus den drei Auftaktsiegen im Zweifelsfall lieber als erste Reserve im Kampf um den Klassenerhalt.

Der vor fünf Monaten vom FC Thun aus der Schweiz nach Bielefeld gewechselte Luxemburger hatte die Arminia ausgangs der vergangenen Saison mit 14 Punkten aus neun Spielen gerade noch vor dem Abstieg bewahrt und schraubte sein Konto nunmehr auf 23 Punkte aus zwölf Spielen. Damit ist er vom Punkteschnitt her hinter Thomas von Heesen und Uwe Rapolder momentan der drittbeste Trainer in der Arminia-Historie. Nach einem Übungsleiter mit solch glücklichem Händchen haben sie aber auch lange suchen müssen. Seit dem Bundesliga-Abstieg 2009 haben in Thomas Gerstner, Christian Ziege, Ewald Lienen, Markus von Ahlen, Stefan Krämer, Norbert Meier, Rüdiger Rehm und Jürgen Kramny acht Trainer die Arminia durch fünf Jahre zweite und drei Jahre dritte Liga geleitet, bevor es Saibene jetzt gelang, den Klub erstmals seit November 2009 wieder an die Spitze der zweiten Spielklasse zu führen. Nach einer seit 1963 dauernden Achterbahnfahrt durch alle deutschen Profi-Ligen traut in Bielefeld diesem Braten aber noch niemand. In einer Liga, die so ausgeglichen ist, dass der Herbstmeister noch als Abstiegskandidat gelten könnte, setzen sich die Arminen als Tabellenführer vorsichtshalber Scheuklappen auf.

Saibene, nach Rehm und Kramny im vergangenen März dritter Chefcoach binnen einer Spielzeit, erwies sich als Glücksfall, weil er den Spielern sein auf aggressives Pressing angelegtes 4-4-2-Schema hartnäckig, aber zugleich mit beruhigendem Charisma einbläut. "Er ist kompetent, authentisch und offen", beschreibt Sportchef Arabi den Trainer, "und seine Philosophie passt ebenso gut zu unserem Klub wie zu den Spielern unserer Mannschaft." Brenzlige Tabellensituationen beim FC St. Gallen haben Saibene vier Jahre lang für die Umstände in Bielefeld abgehärtet. Genauso, wie er im Frühjahr nicht panisch wurde, bleibt er jetzt auf dem Teppich: "Wir können das ganz gut einordnen."

Dabei hat der neue Coach die nervenaufreibenden vergangenen sieben Klubjahre gar nicht miterlebt. Nach dem Bundesliga-Abstieg 2009 erlitt die Arminia wegen einer sündteuren Gegentribüne fast den finanziellen Kollaps, schockierte mit rund 30 Millionen Euro Schulden und bekam vier Punkte abgezogen. Beim anschließenden Auf und Ab durch die zweite und dritte Liga stand der Abbau von Verbindlichkeiten zwar im Vordergrund, doch auf weniger als 22 Millionen Euro ließ sich der Schuldenberg in den Niederungen des Profifußballs seither nicht drücken. "Aber selbst mit diesen wirtschaftlichen Möglichkeiten haben wir unsere Ziele bis auf den dramatischen Abstieg in der Relegation 2014 gegen Darmstadt immer erreicht", sagt Arabi, seit 2011 im Amt. Die Tabellenführung empfindet auch er als wohltuend, gerade angesichts der auf knapp neun Millionen Euro gesenkten Personalkosten für die neue Saison. Den Verantwortlichen bleiben die Hände gebunden.

Beim Sieg gegen Bochum standen zwei ehemalige Münchner in der Startelf (der vormalige 1860-Torwart Stefan Ortega und der früheren FC-Bayern-Angreifer Patrick Weihrauch), aber besonders stolz sind die Arminen auf einen gebürtigen Bielefelder, der 2010 als 13-Jähriger im Probetraining beim FC Bayern durchgerasselt ist: Linksangreifer Keanu Staude, 20, hat in dieser Saison schon zwei Tore erzielt sowie zwei vorbereitet und gilt als Pflänzchen der Hoffnung. Entweder weiter sportlich (Vertrag bis 2020) oder irgendwann per lukrativem Verkauf könnte er dem Klub helfen, die Sehnsucht nach dem achten Bundesliga-Aufstieg doch wieder aufflammen zu lassen.

© SZ vom 23.08.2017
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