Zweite Liga Bis aufs Hemd

Ausgerechnet Greuther Fürth bremst den 1. FC Nürnberg auf dem Weg zum Bundesliga-Aufstieg. Beim 0:2 im Frankenderby zeigt der Club die Symptome einer Mannschaft, die im Endspurt an Leichtigkeit verliert.

Von Thomas Gröbner

Man kann nur hoffen, dass Nürnbergs Trainer Michael Köllner über eine gut ausgestattete Hausapotheke verfügt oder zumindest über einen ausgezeichneten Vitaminhaushalt. Ansonsten könnte dieses Frankenderby für den 1. FC Nürnberg noch weitere schlechte Nachrichten produzieren. Einen grippalen Infekt des Trainers zum Beispiel. Die eine Nachricht war ja, dass der Tabellenführer ausgerechnet gegen den ungeliebten Nachbarn Fürth mit 0:2 verlor - gegen eine Mannschaft, die bis dahin auf fremden Plätzen kein Spiel gewonnen hatte. Die nächste alarmierende Beobachtung war, wie die Nürnberger Mannschaft nach einem Gegentreffer in sich zusammensackte - und nicht mehr auf die Beine kam.

"Wir haben viele junge Spieler", der Rückstand, das habe die Mannschaft "geschüttelt", gab Köllner nach dem Spiel zu. Dabei hatte ein einfacher langer Ball von der Mittellinie ausgereicht, um Nürnberg ins Chaos zu stürzen, Khaled Narey vollendete artistisch mit einem Seitfallzieher (49. Minute). Fortan lief das Spiel nach diesem Muster: Nürnberg verlor irgendwo auf dem Weg nach vorne den Ball, Fürth sauste mit seinen schnellen Offensivkräften (Julian Green, Narey) Richtung Tor, bis sie dort über Gegner oder Ball stolperten oder sich Torwart Fabian Bredlow dazwischenwarf. Dann begann das Spiel von vorne. In solchen Phasen verlangen Trainer ja von ihren Spielern, ein Zeichen zu setzen, eine mutige Geste. Also riss sich Michael Köllner bei Temperaturen am Gefrierpunkt die Daunenjacke vom Leib und trieb im roten Pullover das Spiel an. Aber weil sich dann der verwirrte Linienrichter beschwerte, er würde den Trainer bei Abseitsentscheidungen mit dessen Spielern verwechseln, flog das nächste Kleidungsstück. Köllner riskierte also seine Gesundheit und dirigierte fortan im luftigen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln die verzweifelten Angriffe seiner Mannschaft. Doch statt des Ausgleichs setzte sich Fürths Angreifer Daniel Steininger nach einem Befreiungsschlag gegen Eduard Löwen durch - die Fürther Anhänger jubelten (92.).

Nach dem 2:1 gegen St. Pauli steht Fortuna Düsseldorf wieder an der Tabellenspitze

"Dass ich noch einmal als Spieler identifiziert werde", gluckste Köllner danach, wieder dick eingemümmelt. Um danach wieder ernst zu werden. "Wir werden ein wenig brauchen", um die Niederlage zu verdauen. Für die fränkische Fußballseele sind Derby-Niederlagen ja ein schmerzhafter Stachel, der lange und tief sitzt. Und zuletzt waren es meist die Fürther, die den großen Rivalen pieksten. Für das abstiegsbedrohte Kleeblatt geriet der Nachmittag zur Erlebnistherapie.

"Einfach geil mitkicken", das sei das Geheimnis gewesen, verriet Fürths Trainer Damir Buric nach dem Spiel, an deren Ende sich seine Spieler feiern ließen.

(Foto: imago/Zink)

"Einfach geil mitkicken", das sei das Geheimnis gewesen, verriet Fürths Trainer Damir Buric danach. Und nicht an die quälende Serie ohne Auswärtssiege denken. "Es war unglaublich großer Druck", doch jetzt sei eine "lange Leidenszeit" zu Ende. Mit dem Sieg katapultierte sich das Kleeblatt aus den Abstiegsrängen vor bis auf Platz 14. Schon am Abend vorher hatte sich angekündigt, dass sich der Existenzkampf am Tabellenende verschärfen würde. Kaiserslautern siegte wie im Rausch 4:3 gegen Union Berlin, und auch Darmstadt gewann in Dresden. Und so mussten beide Mannschaften punkten. Nürnberg verlor die Tabellenführung, weil am Sonntag Düsseldorf mit 2:1 den FC St. Pauli besiegte.

Das dürfe jetzt "nicht in Panik oder irgendwelche Attacken ausarten", sagte Köllner danach. "Es war klar, dass wir nicht vorne wegziehen und vier Wochen vor Schluss schon Meister sind. Wer das geglaubt hat, ist eh falsch beraten", grummelt er. Und doch war es ein erstaunlicher Auftritt seiner Mannschaft, die im Endspurt langsam Selbstgewissheit und Leichtigkeit verliert. Wer sich in den Katakomben auf die Suche nach Antworten machte, der hörte, von "eigenen Gesetzen" im Derbys, von "letzten Ketten", die man nicht umspielen konnte. Vor dem Spiel hatte Köllner noch getönt, seine Mannschaft sei in "aufgeheizter Stimmung" vor großer Kulisse "brutal stark". Doch es waren die Fürther, die sich unbeeindruckt zeigten. Roberto Hilbert etwa, der lächelte bloß: "Ich hab schon in größeren Stadien gespielt".

Seit dem Ausfall von Angreifer Mikael Ishak fahndet der Club erfolglos nach Ersatz

Innerlich heiß gelaufen: Club-Trainer Michael Köllner riss sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt die wärmende Jacke vom Leib.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Bei allen Gegensätze treibt beide Mannschaften ja ein ähnliches Problem um: Wer schießt die Tore? Bei Fürth ist mittlerweile der ehemalige Rechtsverteidiger Kaled Narey mit fünf Toren der beste Angreifer. Und Nürnberg fahndet seit dem Ausfall von Angreifer Mikael Ishak erfolglos in den eigenen Reihen nach Ersatz. Diesmal durfte sich der slowakischen Angreifer Adam Zrelak versuchen. Ohne Torchance musste er den Platz freimachen, am Ende warf Köllner noch den Abwehrspieler Lukas Mühl als Sturmspitze auf den Platz - ohne Wirkung.

Ob es für Nürnberg im nächsten Jahr im Frankenderby Gelegenheit zur Revanche geben wird? Dazu müsste Nürnberg weiter taumeln - und Fürth sich vor dem Abstieg retten. Legt man die Beobachtungen dieses Spiels zugrunde: Es ist nicht auszuschließen.