Zweite Liga:Arien und Geraune

Jubel 1:0, David Kinsombi ( 6, Hamburger SV) bejubelt Tor zum 1-0 per Foulelfmeter, 11.09.2021, Volksparkstadion, Hambu

David Kinsombi (links) erzielte die HSV-Führung, Ruhe kehrte trotzdem nicht ein.

(Foto: Ewert/imago)

Der Hamburger SV gewinnt in der letzten Sekunde gegen Angstgegner Sandhausen - kann aber nicht mehr auf die bedingungslose Unterstützung aller Fans zählen.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Der kleine SV Sandhausen aus dem Kurpfälzischen schon wieder, der Inbegriff von Fußballprovinz in der zweiten Liga. Nein, der traditionsbeladene Hamburger SV hat mit den Sandhäusern wirklich keine guten Erfahrungen gemacht, dieser Verein ist für die Hansestädter wie ein wandelndes Menetekel in schwarzen Hosen und weißen Stutzen: Eins zu Fünf. So endete in der vorvergangenen Saison die alles entscheidende Partie im Aufstiegskampf - und wohl kein HSV-Anhänger dieser Welt würde behaupten, dass dieser Tag mittlerweile vergeben und vergessen ist.

In diesem Duell geht es für den HSV aber nicht nur darum, die verletzte Ehre wiederherzustellen. Sandhausen zu besiegen, das ist für den Traditionsklub zur ultimativen Reifeprüfung geworden, und insofern war es wenig erstaunlich, dass die Stimmung im Hamburger Volkspark nach dem Schlusspfiff am Samstagabend geradezu überkochte: Der HSV-Trainer Tim Walter sank auf die Knie, die Spieler bildeten eine meterhohe Jubeltraube, die 19 950 zugelassenen Zuschauer sangen eine Arie nach der anderen. Schon erstaunlich, was so ein 2:1 gegen diesen Gegner an Emotionen freisetzen kann.

Dem jungen HSV-Team fehlt es an Vollstreckerqualitäten

Schlau wurde man aus dem ersten HSV-Heimsieg der laufenden Saison freilich nicht, weil die weiter im Tabellenmittelfeld postierte Mannschaft einen irreführenden Auftritt darbot. Von einem potenziell spektakulären 8:0-Erfolg bis zu einem biederen 1:1 war alles drin gewesen an diesem Abend. Einerseits war da die pure Offensivgewalt des HSV, das Kernelement der Walter'schen Denkschule: Permanente Rochaden, die Monopolisierung des Balls, ein rhythmisches Pressen wie bei einem Geburtsvorbereitungskurs. Nach 20 Minuten hatte der HSV bereits Chancen für drei oder vier Partien erspielt, allerdings fehlte es dem Team mal wieder an Vollstreckerqualitäten.

Deshalb muss der HSV bislang einen teilweise grotesken Aufwand betreiben, um den Lohn für seine Dominanz einzufahren. Das Walter-Team sprintet am meisten in der zweiten Liga, es kommt am frühesten und häufigsten zu Balleroberungen, es hat die meisten Torabschlüsse zu verzeichnen. Die feinen Füße von Spielmacher Sonny Kittel und Stürmer Robert Glatzel verfügen durchaus auch über Begeisterungspotenzial, der im Transfersommer neu komponierte Kader ist aber einer der jüngsten der zweiten Liga.

Vom HSV-Sportvorstand Jonas Boldt wurde hochoffiziell der "Weg der Entwicklung" ausgerufen, jugendbedingte Schwankungen und Defizite sind einkalkuliert, weshalb für einen Treffer noch oft der Gegner gnädige Beihilfe leisten muss: Den Führungstreffer am Samstag erzielte HSV-Mittelfeldmann David Kinsombi per Elfmeter, nachdem ein Sandhäuser im Strafraum mit hohem Bein in den Zweikampf gegangen war. Zusätzlich in die Karten spielte den Hamburgern, dass der SVS-Spieler Marcel Ritzmeier vor der Ausführung des Strafstoßes den Elfmeterpunkt mit seinen Stollen ramponierte. Ritzmeier holte sich dafür Gelb-Rot und den Ärger seines Trainers Gerhard Kleppinger ab, der die Aktion als "Blödsinn" tadelte.

Der HSV hat zehn Millionen Euro an Corona-Hilfen bewilligt bekommen

Ein vergleichsweise lockerer Abend hätte es also gegen den Angstgegner aus Baden-Württemberg werden können - wenn sich die Heimelf nicht kurz vor Schluss den völlig unnötigen Gegentreffer zum 1:1 eingefangen hätte. "Scheiße!", habe sich der HSV-Sportvorstand Boldt in diesem Moment gedacht, und dasselbe galt offenbar für die seit Jahren leidgeprüften Fans im Volkspark: Ihre Unterstützung ist nicht mehr bedingungslos, von den Tribünen raunt es schon mal, wenn der Spielfluss ins Stottern gerät. Das Publikum kann aber auch außergewöhnliche Kräfte freisetzen, wie HSV-Coach Walter hinterher lobte - und wie auch zweifellos zu hören war, als Verteidiger Moritz Heyer nach einem Eckball quasi mit dem Schlusspfiff den 2:1-Siegtreffer erzielt hatte.

Der HSV und seine Anhängerschaft, dieser Bund ist nicht nur von emotionaler, sondern auch von finanzieller Bedeutung: Mit der Stadt Hamburg befindet sich der Klub bereits seit Wochen im Clinch, um eine höhere Stadionauslastung zu erwirken. Als einer von nur wenigen Profivereinen hat der HSV kürzlich zehn Millionen Euro an Staatshilfen bewilligt bekommen, weil die coronabedingte Zuschauerbeschränkung aufgrund geringerer Fernsehgelder im Unterhaus prozentual deutlich mehr zu Buche schlägt als in der ersten Liga.

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