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Zweite Fußball-Bundesliga:Würzburger Erweckungserlebnis

v.li.: Arne Feick (FC Würzburger Kickers), Gideon Jung (Hamburger SV), Martin Hasek (FC Würzburger Kickers) mit Torjubel

Erster Treffer in einem wilden Spiel: Arne Feick (im Vordergrund) und Torschütze Martin Hasek bejubeln nach 19. Minuten die Führung gegen den Hamburger SV.

(Foto: Frank Scheuring /Foto2press/imago)

Der Tabellenletzte bezwingt den Tabellenersten: Mit einem 3:2 gegen den Hamburger SV gelingt den Kickers ein denkwürdiger Coup. Und doch hat er sich angekündigt.

Von Sebastian Leisgang

Im Grunde war ja doch alles wie immer, als die Würzburger Kickers am Sonntag gegen den Hamburger SV spielten. Keine Zuschauer auf den Rängen, nur ein paar Werbebänder auf der Gegengerade, und vor dem Spiel dröhnte das Würzburger Vereinslied aus den Lautsprechern, während die Sonne auf den Rasen fiel und ihn ausleuchtete, als wäre er eine Bühne.

Gut 90 Minuten später war dann alles anders. Es waren zwar immer noch keine Zuschauer da, und das Vereinslied ertönte noch ein zweites Mal, doch die Kickers hatten plötzlich drei Punkte mehr. Das 3:2 gegen den Hamburger SV, es war ein denkwürdiger Coup - dabei ging es los, wie es zu erwarten war. Mit einem HSV, der das Spiel in die gegnerische Hälfte verlagerte, mit einer Würzburger Mannschaft, die verteidigte - und mit einer Schiedsrichterentscheidung, die gegen die Kickers fiel: Nach einem Foulspiel trat Sonny Kittel zum Freistoß an, traf aber nur den Pfosten (10.). Es war, was man zu dieser Zeit noch nicht ahnen konnte, die einzige Hamburger Torchance bis zur Schlussphase.

Was dazwischen passierte, nannte Würzburgs Trainer Bernhard Trares nach dem Spiel "sehr klar". Tatsächlich hatte seine Mannschaft nach dem ersten Tor durch Martin Hasek (19.) derart aufgetrumpft, dass das 2:0 durch Douglas (30.) nur folgerichtig war. Dass es die Kickers selbst nach dem 3:0 durch Patrick Sontheimer (54.) noch einmal spannend werden ließen, weil Jeremy Dudziak (72.) und Bobby Wood (89.) verkürzten, wollte Trares zwar nicht als Randnotiz abtun - doch auch bei ihm überwog die Freude über den Sieg. "Manchmal", sagte Würzburgs Trainer, "manchmal brauchst du einen solchen Gegner."

Einen Gegner also, der schier übermächtig ist. Einen Gegner, gegen den im Grunde nichts auszurichten ist. Einen Gegner aber, der sich seiner Überlegenheit bewusst ist und gerade deshalb etwas nachlässig wird.

Die Kickers aus dem Jahr 2021 sind eine andere Mannschaft als die Kickers des Jahres 2020

Dabei, und das sollte auch dem Hamburger SV nicht entgangen sein, sind die Kickers des Jahres 2021 nicht mehr die Kickers des Jahres 2020. Seit Trares seine Elf in einem System mit Mittelfeldraute und zwei Angreifern anordnet, kommt das Würzburger Spiel ziemlich stimmig daher. Auf einmal tritt Daniel Hägele als Stratege auf und lenkt das Spiel mit beachtlicher Ruhe und imponierender Umsicht. Auf einmal können sich Feingeister wie Mitja Lotric und Martin Hasek entfalten. Und auf einmal, wenn auch nicht am Sonntag, schießt Ridge Munsy Tore.

Schon in der Vorwoche, beim unglücklichen 0:1 in Kiel, hätten die Kickers punkten können, mussten sich nach einem unberechtigten Elfmeter letztlich aber doch geschlagen geben. Auch das vorausgegangene 1:4 in Fürth täuschte darüber hinweg, welch ansprechendes Auswärtsspiel die Kickers eigentlich gemacht hatten. Hatte es sich also, zumindest vor diesem Hintergrund, nicht sogar angekündigt, dass Würzburg bald punkten würde?

Es ist nicht ungewöhnlich im Fußball, dass gewisse Sätze in einem anderen Licht erscheinen, wenn das Ergebnis eine bestimmte Sprache spricht. Als Trares am Sonntagnachmittag also betonte, dass seine Mannschaft "schon seit Wochen dran" sei, endlich auch mal "einen Großen zu schlagen", da kam das weder trotzig noch wie eine Hülse daher. Es wirkte auch alles andere als inhaltsleer, als Würzburgs Trainer meinte: "Wir geben uns nicht auf, nur weil wir ein paar Punkte hintendran sind."

Ohne das 3:2 gegen den HSV wären solche Aussagen gewiss als Durchhalteparolen eingeordnet worden, als Phrasen, die im Grunde nichts aussagen, als Worte, auf die am Ende keine Taten folgen. Nun aber, nach dem 3:2 gegen den HSV, hatten Trares' Sätze Leben.

Wer sah, wie geschlossen die Kickers am Sonntag ihre Tore bejubelten, wer sah, wie sich die Spieler gegenseitig halfen, um der eigentlichen Hamburger Übermacht Herr zu werden, wer sah, wie die Würzburger Reservisten gegen Ende des Spiels von der Bank aufsprangen, weil Dominic Baumann ein paar Meter hinter der Mittellinie einen Einwurf herausholte, wer all das sah, der konnte durchaus zu dem Schluss kommen, dass mit dieser Mannschaft im Abstiegskampf noch zu rechnen ist.

Nur: Es braucht eben auch Erlebnisse wie jenes am Sonntag. Erlebnisse, die helfen, sich den gemeinsamen Glauben zu bewahren.

Es ist, dieser Gedanke noch zum Abschluss, nicht ratsam, einzelne Spiele im Laufe einer langen Saison zu hoch einzuhängen. Eine Niederlage am kommenden Samstag in Bochum - und schon tritt der Würzburger Coup gegen den HSV in den Hintergrund. Aber, und das darf man nach diesem Auftritt am Sonntagnachmittag durchaus festhalten: Der Sieg gegen Hamburg, er könnte die Kraft haben, das erste Kapitel einer Geschichte zu sein, die vielleicht doch noch ein gutes Ende nimmt.

© SZ/pps
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