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Zweite Fußball-Bundesliga:Aus Pipinsried nach St. Pauli

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„Wenn du so eine Chance bekommst, gibt es nichts Schöneres und Besseres, und das Bauchgefühl hat sofort gestimmt.“ – Fabian Hürzeler, hier noch als Spielertrainer des FCP, freut sich auf St. Pauli.

(Foto: Sven Leifer/imago)

Sein Triumphzug durch die Bayernliga Süd wurde durch die Corona-Pandemie unterbrochen, nun wechselt Fabian Hürzeler nach Hamburg und wird Assistenztrainer.

Von Ralf Tögel

Ob es eine Gemeinsamkeit zwischen dem FC Pipinsried und dem FC St. Pauli gibt? Fabian Hürzeler muss nicht lange überlegen: "Viel Kult", sagt er, "aber Hamburg ist eine andere Gewichtsklasse." Natürlich ist der Kiezklub mindestens deutschlandweit eine kleine Berühmtheit, aber seit dem Aufstieg des 500-Seelen-Dorfvereins aus dem Dachauer Hinterland in die vierthöchste Spielklasse ist dieser mindestens in Bayern eine kleine Berühmtheit geworden. Großen Anteil an dieser Entwicklung darf man Spielertrainer Hürzeler zuschreiben.

Vor vier Jahren hatte der damalige Pipinsrieder Präsident Konrad Höß dem damals 23-Jährigen als dessen ersten Cheftrainerposten einen Bayernligisten anvertraut - ein Wagnis, das sich im Nachhinein als visionär erwies. Zumal auch der sportliche Leiter Roman Plesche, weiland 28 Jahre alt und von Hürzeler vehement gefordert, ebenfalls neu im Geschäft war. Zwar folgte nach dem Aufstieg in die Regionalliga nach zwei Jahren der Wiederabstieg, doch das Novizen-Duo blieb, um das Bild umgehend zu korrigieren. Was man als gelungen ansehen muss, die Rückkehr in die Regionalliga scheint Formsache zu sein: Pipinsried führt die Bayernliga Süd mit 21 Punkten Vorsprung ungeschlagen bei drei Remis an, die Tordifferenz von 81:20 untermalt das Bild der totalen Überlegenheit. Erst das Coronavirus stoppte den Triumphzug - vorerst. Der Bayerische Fußball-Verband peilt den 1. September zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs an, wie es genau weitergeht, weiß niemand.

Fabian Hürzeler dagegen hat nun Gewissheit: Der 27-Jährige hatte früh signalisiert, seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen - und nun beim Zweitligisten FC St. Pauli für zwei Jahre unterschrieben. Entscheidend waren die Gespräche mit dem neuen Hamburger Cheftrainer Timo Schulz, erzählt Hürzeler, "das hat von Anfang an gepasst". Kennengelernt hatten sie sich, als Hürzeler vor zwei Jahren beim Kiezklub hospitierte, während deser Zeit habe er festgestellt, dass man in Sachen Fußballphilosophie "viele Überschneidungen" habe, auch menschlich befinde man sich "auf einer Wellenlänge". Schulz, seit 15 Jahren im Verein tätig, ersetzt den entlassenen Jos Luhukay. Ein Angebot dieser Güteklasse hatte Hürzeler nicht erwartet, sein Plan sah vor, "irgendwo in ein Nachwuchsleistungszentrum als Cheftrainer zu kommen". Wofür er eine passende Expertise gehabt hätte, denn unter Christian Wörns war Hürzeler Co-Trainer der U18 des Deutschen Fußball-Bundes. Wörns hätte Hürzeler gerne auch weiterhin an seiner Seite gesehen, doch angesichts des steigenden Aufwands muss er künftig passen. "Wenn du so eine Chance bekommst, gibt es nichts Schöneres und Besseres", erklärt Hürzeler, "und das Bauchgefühl hat sofort gestimmt."

Vor seinem Engagement in Pipinsried hatte Hürzeler für den Bayern München II, die TSG Hoffenheim II und den TSV 1860 München II 160 Spiele in den Regionalligen Bayern und Südwest gespielt - und erkannt, dass es für eine Profikarriere als Spieler nicht reichen wird. Die nötige Aufmerksamkeit für einen Einstieg als Trainer erhielt er bei jenem kultigen Dorfverein, den er zusammen mit Plesche in die Regionalliga führte. Mit einem Mix aus Talenten und Spielern, die höherklassig gespielt hatten, aber den Trainingsaufwand im Vergleich zur teils professionellen Konkurrenz auf ein Mindestmaß reduzierten. Auch die aktuelle Spielzeit ist beeindruckend, denn nach dem Abstieg suchte das Duo nicht das Weite, sondern formulierte den Wiederaufstieg als Gradmesser für das eigene Wirken: "Wir waren unter Druck, wir mussten liefern", erinnert sich Plesche, mittlerweile als Kaderplaner des Drittliga-Aufsteigers Türkgücü ebenfalls im Profifußball angekommen.

"Er ist ein sehr akribischer Typ, manchmal fast schon besessen", sagt Weggefährte Roman Plesche

Plesche, der mit Hürzeler weiter ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, beschreibt ihn so: "Er ist ein sehr akribischer Typ, manchmal fast schon besessen, der sich an Details aufreiben kann. Er ist ein Perfektionist, der den Fußball lebt, eine besondere Persönlichkeit." In der Tat, wenn es um Fußball geht, sind Kompromisse nicht seine Sache, dann kann Hürzeler entgegen seiner ansonsten ruhigen und besonnenen Art schnell emotional werden. Wie in jener fast schon legendären Pressekonferenz, in der er den damaligen Trainer der Ingolstädter Reserve und seinen Vorgänger Tobias Strobl nach einem Regionalligaspiel für dessen defensive Spielweise und eine provozierte rote Karte kritisierte. Woraufhin Strobl die Contenance verlor und den Kollegen beschimpfte: "Halt die Klappe, du bist eine Schande für den DFB."

Das sei abgehakt, aber Hürzeler sagt, er werde sich stets bedingungslos vor sein Team stellen: "Ich mache immer das, was ihm einen Vorteil verspricht." Er bringe "viel Eigenmotivation, Detailarbeit und Leidenschaft" mit in die neue Aufgabe, Worte, die sein Vorgesetzter Timo Schulz gerne hören wird. "Ich will meine Machtposition nicht ausnutzen, sondern die Spieler auf Augenhöhe und inhaltlich überzeugen", sagt Hürzeler. Wichtig sei, "mit allen menschlich klarzukommen". Denn: "Ich glaube, harte Arbeit wird belohnt."

Noch wohnt Hürzeler im Hotel, er fühle sich bereits sehr wohl und erfahre viel Unterstützung. Eine eigene Bleibe sei der letzte Tick, der fehle, "um anzukommen und mich fallen zu lassen". Hamburg stehe der Heimat München in nichts nach, "ich war schon ein paarmal abends unterwegs, es ist mega hier". Was auch für den FC St. Pauli gelte: "Ich finde den Verein einfach geil und habe mich sofort mit ihm identifiziert."

© SZ vom 05.08.2020

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