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Zweite Bundesliga:"Am Ende sind wir wieder die Idioten"

SC Paderborn 07 - Hamburger SV

0:2, 3:2, 3:4 - wieder nichts: Allein Hamburgs Simon Terodde trifft zweimal, hier per Kopf, der SC Paderborn steht wieder im Abstiegskampf.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Die Paderborner Achterbahn führt mal wieder nach unten: Der Erstliga-Absteiger hat auch beim schwindelerregenden 3:4 gegen den Hamburger SV das Nachsehen und steht auf Tabellenplatz 16.

Von Ulrich Hartmann, Paderborn/München

Vor der Saison verkündete Steffen Baumgart die vier Gebote: "Unser Fußball soll gut aussehen. Er soll Spaß machen. Die Leute sollen darüber reden. Sie sollen sich nicht langweilen." Diese Regeln sind dem Trainer des SC Paderborn auch in der zweiten Bundesliga heilig. Die ersten beiden Spiele nach dem Abstieg aus der höchsten Liga darf er zwar als Erfolg verbuchen, aber nur, was den Unterhaltungsfaktor angeht. Statistisch lief es nicht so gut beim 0:1 in Kiel und beim spektakulären 3:4 am Montagabend gegen den Hamburger SV. "Es war mal wieder sehr unterhaltsam", sagte Baumgart, "aber am Ende sind wir wieder die Idioten."

Die Paderborner Entertainer sind Extremsportler. Sie beherrschen tabellarisch nur das Oben und das Unten, Dachterrasse oder Keller. Es ist sieben Jahre her, dass der SC Paderborn in einer Abschlusstabelle mal nicht entweder Zweiter oder Achtzehnter geworden ist. Auch jetzt stehen sie schon wieder in der Abstiegszone. Sie haben saisonübergreifend 17 Spiele nicht gewonnen. In der ostwestfälischen Stadt gedeihen schmerzliche Erinnerungen an die Saison 2015/16, als man nach dem erstmaligen Abstieg aus der Bundesliga direkt durchrutschte in die dritte Liga.

Die Partie gegen den HSV war ein Abbild dieser Paderborner Achterbahn: schnell 0:2 hinten, dann noch schneller 3:2 vorne, um am Ende doch 3:4 zu verlieren. "Uns fehlt noch die Ruhe", sagte Baumgart über den Puls seiner teils jungen und zweitliga-unerfahrenen Spieler, denen er freilich beibringt, immer Vollgas zu geben.

"Wir bleiben ruhig", versprach hingegen der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth und meinte den Puls der Entscheidungsträger. Ein Trainerwechsel nach zwei Spieltagen, in dieser Woche en vogue, ist dort undenkbar. Mit sechs Zugängen hat Baumgart seine Startelf garniert und zwischen der 33. und der 38. Minute seinen Augen nicht getraut. Binnen fünf Minuten machte der von Borussia Dortmund ausgeliehene Flügelstürmer Chris Führich, 22, mit einem herausgeholten Foulelfmeter (Vollzug: Dennis Srbeny) sowie zwei eigenen Treffern aus einem 0:2-Rückstand eine 3:2-Führung. Unterstützung bekam er dabei zweimal vom Hamburger Klaus Gjasula, ausgerechnet: Der frühere Paderborner verlor fahrlässig den Ball.

Zwischen 21.03 und 21.08 Uhr bedauerte man in Paderborn besonders, dass nicht einmal die 3000 Zuschauer gemäß der 20-Prozent-Klausel im Stadion sein durften. Angesetzt worden war die Montagabend-Partie nämlich noch zu Zeiten des generellen Publikums-Ausschlusses, weil ein leeres Stadion dem Paderborner Lärmschutz für die Anwohner (ab 22 Uhr) entspricht. Als Zuschauer dann doch wieder zugelassen waren, musste der Klub mit Blick auf die Uhrzeit trotzdem aufs Publikum verzichten. Den Paderbornern fehlen diese Emotionen. Sie haben noch kein Ligaspiel unter Corona-Bedingungen gewonnen. Der bislang letzte Sieg, ein 2:0 auswärts in Freiburg, datiert vom 25. Januar.

Und so zeigte sich Paderborns Doppeltorschütze Führich später "enttäuscht", während Hamburgs Doppeltorschütze Simon Terodde grinste. Er ist jetzt mit 122 Treffern erfolgreichster Torjäger in der Geschichte der eingleisigen zweiten Liga. In dieser Statistik hat er am Montag Sven Demandt überholt. Die ewige Torschützenliste der vollständigen (früher zweigeteilten) zweiten Liga führt aber immer noch Dieter Schatzschneider mit 154 Treffern an. Ob Terodde diese Marke auch noch knackt, ist ungewiss, zumal ihm mit dem HSV der Aufstieg in die Bundesliga droht.

Hamburg ist mit zwei Siegen Tabellenführer, während Paderborn die Balance sucht. Auch der HSV hatte fünf Zugänge in der Startelf, "aber der Unterschied ist", erklärte Baumgart, "dass Hamburg fertige Spieler holt, während sich unsere Neuen entwickeln müssen". Der schwedische U 21-Kapitän Svante Ingelsson, BVB-Leihgabe Führich und Julian Justvan aus der zweiten Mannschaft des VfL Wolfsburg machten ihre Sache gut, während ausgerechnet die neuen, zweitliga-erfahrenen Verteidiger Chima Okoroji und Marcel Correia aus Regensburg sowie Frederic Ananou aus Ingolstadt unglücklich agierten.

Obwohl sie als Tabellenletzter abgestiegen sind, haben die Paderborner für ihre Bundesliga-Saison eine Menge Komplimente bekommen. Der Mannschaft drohte ein Ausverkauf, doch bis jetzt sind erst sieben Stammspieler fortgegangen: Luca Kilian nach Mainz, Klaus Gjasula zum HSV, Ben Zolinski nach Aue, Gerrit Holtmann nach Bochum, Mohamed Dräger nach Piräus, Abdelhamid Sabiri nach Ascoli und Laurent Jans nach Metz. Relevante Akteure wie Sebastian Schonlau, Sebastian Vasiliadis, Kai Pröger, Streli Mamba und Dennis Srbeny sind noch da. Sie sollen mithelfen, dass Baumgarts vier Gebote befolgt und trotz des Fehlstarts lieber der zweite als der achtzehnte Rang in Angriff genommen wird.

© SZ vom 30.09.2020

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