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Zwei Goldmedaillen für deutsche Kanuten:Nicht verzagen, Medaillen einfahren

Eine heftige Diskussion über das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist in London entbrannt. Viele beklagen mangelnde Förderung und fehlende Konzepte. Von den Kanuten hört man bei Olympia wenig - denn die gewinnen lieber Medaillen. Am Donnerstagvormittag gab es erneut Gold. Und das gleich zwei Mal: im Zweier-Canadier der Männer und im Zweier-Kajak der Frauen.

Peter Kretschmer und Kurt Kuschela paddelten einfach weiter. Das aserbaidschanische Duo war ihnen im Finale des Zweier-Canadiers über 1000 Meter enteilt. Weit enteilt sogar. Mehr als eine halbe Bootslänge hatten Kuschela und Kretschmer bei der Hälfte der Strecke Rückstand, es sah eher nach einem Rennen um Platz zwei aus, doch sie paddelten und paddelten - und holten auf: einen Meter, noch einen Meter, noch einen Meter. Plötzlich, 300 Meter vor dem Ziel, da waren die Boote gleichauf.

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Holten das erste Gold für Deutschland am Donnerstag: Peter Kretschmer und Kurt Kuschela im Zweier-Canadier.

(Foto: AFP)

"Ich war so in Trance", sagte Kuschela nach dem Rennen, "die Hälfte war schnell vorbei." Kollege Kretschmer ergänzte: "Als wir an die Aserbaidschaner herangeflogen sind, das hätten wir nicht gedacht." Die beiden paddelten weiter, sie hatten einen Meter Vorsprung, und ein paar Meter vor dem Ziel waren es Kretschmer und Kuschela, die mehr als eine halbe Bootslänge vorne lagen - also hoben sie ihre Paddel in die Luft und glitten über die Ziellinie. Sie wussten: Diesen Sieg kann ihnen niemand mehr nehmen.

"Diese Lässigkeit ist vielleicht noch da, wenn man die ersten Olympischen Spiele fährt", sagte Trainer Kay Vesely danach, "wir nennen sie die jungen Wilden. Sie sind locker drauf, und das ist vielleicht das, was man braucht, um auch locker zu einem Rennen zu fahren." Der Endspurt sei so geplant gewesen: "Wir haben im Training versucht, ökonomisch über die Strecke zu gehen, dann hat man nach 750 Metern noch Kraft, so einen Endspurt zu fahren." Sie haben sich dezent zurückgehalten und dann, dann haben sie Gold gewonnen.

Gleich im ersten Wettbewerb am Donnerstag erreichte die deutsche Mannschaft die Goldmedaille - an einem Tag, an dem in London nicht wenige Menschen über das Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft sprechen. Es ist eine Diskussion entbrannt über Förderung, Vermarktung, Zielvorgaben.

Man kann kaum ein Gespräch mit einem Athleten führen, ohne spätestens bei der vierten Frage Klagen zu hören - die Vorwürfe sind meist die Gleichen: zu wenig Geld, verkrustete Strukturen, kein Konzept. BMX-Fahrer Luis Brethauer nannte die Bedingungen in Deutschland "grottenschlecht" und forderte den Bau einer Trainingsstrecke, weil es hierzulande keine einzige gebe, während die Amerikaner einfach den Londoner Kurs in Kalifornien aufgebaut haben, damit ihre Athleten trainieren können. Die Hockey-Frauen beklagten mangelnde Förderung, Badmintonspielerin Juliane Schenk lieferte sich mit ihrem Verband eine regelrechte Schlammschlacht. Volleyballer Georg Grozer kritisierte ungenügende Vermarktung. Robert Harting, Olympiasieger im Diskuswurf, sagte nach seinem Erfolg: "Wir vergleichen uns in der Wirtschaft mit sämtlichen Ländern. Warum sollen wir uns nur in der Sportförderung nicht mit anderen vergleichen dürfen? Jeder redet über Geld, aber wenn Sportler es tun, bekommen sie einen übergezogen."

Bahnradsprinter Maximilian Levy, der in London Silber im Keirin und Bronze im Teamsprint gewonnen hatte, sagte: "Von der Förderung her sind wir hoffnungslos unterlegen. Wir schaffen es nur über unsere deutsche Disziplin, dranzubleiben. Im ganzen deutschen Sportsystem muss sich etwas grundlegend ändern. Die Frage ist doch: Will die Gesellschaft sportlichen Erfolg - oder will die Gesellschaft nur Fußball und Formel 1 gucken?"

Nur von den Ruderern und Kanuten ist erstaunlich wenig zu hören. Nachdem der Achter die Goldmedaille geholt hatte, verkündeten die acht Gewinner, dass sie ganz zufrieden wären, sie nicht von einer großartigen Vermarktung ausgingen und sich nun wieder dem Studium widmen würden. Thomas Konietzko, Präsident des Kanu-Verbandes, sagte zur Debatte gar: "Kein Präsident wird behaupten, wir haben zu viel Geld. Es ist aber genügend Geld im System. Wir stellen hohe Ansprüche lieber an uns selber."

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