Alexander Zverev:Alles hängt von der Diagnose ab

Lesezeit: 3 min

French Open 2022: Alexander Zverev nach seiner Verletzung im Halbfinale

Umgeknickt: Alexander Zverev realisiert sofort, dass er das Halbfinale nicht fortsetzen kann.

(Foto: Ella Ling/Shutterstock/Imago)

Nach seiner Fußverletzung im Halbfinale der French Open stellt sich die Frage, wie lange Alexander Zverev ausfallen wird. Der ehemalige Wimbledon-Sieger Michael Stich hat eine unangenehme Vorahnung.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Das letzte Zeichen von ihm stammt von diesem Sonntag: Alexander Zverev liegt auf der Couch, der malade Fuß liegt ausgestreckt und ist geschient. Und beide Hunde der Familie entspannen sich mit ihm. Dazu schrieb der 25-Jährige: "Treatment has started." Die Behandlung hat begonnen.

Man durfte diesen Post, wie solche Mitteilungen auf Plattformen wie Instagram heißen, so werten, dass es Zverev zumindest von der Stimmung her ganz gut geht. Das Motiv dürfte in Monte-Carlo, wo er lebt, aufgenommen sein. Schon in einer anderen Nachricht, am Samstagnachmittag veröffentlicht, hatte er ja gelächelt und den Daumen gehoben. Auf einer Krücke stützte er sich dabei ab, hinter ihm ein Privatflieger, dessen Dienste er bei der Gelegenheit bewarb.

"Nach den ersten medizinischen Untersuchungen sieht es so aus, als hätte ich mir mehrere seitliche Bänder im rechten Fuß gerissen", textete er zu jenem Foto und präzisierte: "Ich werde am Montag nach Deutschland fliegen, um mich weiteren Untersuchungen zu unterziehen und den besten und schnellsten Weg für meine Genesung zu ermitteln." Seinen Start beim Turnier im westfälischen Halle, das am 13. Juni beginnt, hat er nun erwartungsgemäß abgesagt. Das teilten die Veranstalter am Montag mit.

Seit dem vergangenen Freitagabend befindet sich Deutschlands bester Tennisprofi in einer völlig neuen Karriere-Phase. Zverev war noch nie schwer verletzt, er rauschte früh in die Weltspitze, kommende Woche wird er gar zur Nummer zwei im Ranking aufsteigen, hinter dem Russen Daniil Medwedew. Zverev hatte in Paris sogar die Chance, selbst zum Branchenprimus zu werden. Doch im Halbfinale gegen den späteren Turniersieger Rafael Nadal war er im zweiten Satz, unmittelbar vor dem zweiten Tie-Break der Partie, bei einem Rutschmanöver nach rechts schlimm umgeknickt. Die dramatischen Fotos erschienen weltweit auf Titelseiten. Zverev, der laut aufgeschrien und sich auf dem Boden gewälzt hatte, wurde mit dem Rollstuhl hinausgefahren, auf Krücken kam er zurück und gab unter tosendem, Trost spendendem Beifall im Court Philippe Chatrier auf. Es stand 6:7 (8), 6:6 nach mehr als drei Stunden Spielzeit.

Sogar vom derzeit im Gefängnis sitzenden Boris Becker hat Zverev aufmunternde Worte erhalten

Wie sehr Zverev mitgenommen war, wurde deutlich, als erst mal ewig kein Statement von ihm oder aus seinem Team kam. Weit nach Mitternacht dann machte Roland Garros, wie die French Open in Frankreich heißen, ein kurzes Video mit ihm publik. Zverev trug ein blaues T-Shirt, die Haare zerzaust, der Blick glasig. "Es war offensichtlich ein phantastisches Match, bis passierte, was passierte", sagte er und sprach dann aus, was zu befürchten war: "Es sieht aus, als hätte ich eine sehr schwere Verletzung, aber das medizinische Team und die Ärzte checken es noch. Ich halte euch alle auf dem Laufenden." Ein paar Stunden später löste er sein Versprechen ein und meldete sich vom Rollfeld am Flughafen.

Alexander Zverev: Abschied auf Krücken: Nach seinem Sturz wird Alexander Zverev in einem Rollstuhl vom Platz gefahren. Einige Minuten später kehrt er zurück, um dem Publikum zu winken.

Abschied auf Krücken: Nach seinem Sturz wird Alexander Zverev in einem Rollstuhl vom Platz gefahren. Einige Minuten später kehrt er zurück, um dem Publikum zu winken.

(Foto: Clive Brunskill/Getty Images)

Die Frage wird nun sein, was die exakte Untersuchung ergibt, die in München stattfinden soll. Davon hängt ja maßgeblich ab, wie Zverev seine Rehabilitationsphase gestalten kann. Und welche medizinische Maßnahme überhaupt notwendig sein wird. Andere Profis im Tennis sind bereits ähnlich umgeknickt und mussten eine lange Auszeit nehmen.

"Ich habe damals dreieinhalb Monate Pause machen müssen, hatte Reha und Wiederaufbautraining", erzählte Michael Stich beim Fernsehsender Sky. 1995 war der frühere Profi beim Turnier in Wien im Match gegen den Australier Todd Woodbridge auch mit dem Fuß hängengeblieben und hatte sich ihn komplett verdreht. "Als ich wiederkam, habe ich direkt das erste Turnier gewonnen und mich erneut verletzt", sagte der Wimbledon-Sieger von 1991.

Er hätte damals das Beste aus seiner Pause gemacht: "Ich habe die Zeit genutzt, um an meinem Spiel zu arbeiten, meine Schwächen zu identifizieren und mich neu herauszufordern", berichtete er, "vielleicht kann Alexander Zverev das ähnlich machen." Stich hat allerdings eine unangenehme Vorahnung: "So wie das aussah, könnte Wimbledon für ihn ausfallen. Aber er ist jung, und ich hoffe, dass er stärker zurückkommt." Das berühmte Rasen-Turnier im südwestlichen Stadtteil Londons startet Ende Juni.

Auch Zverevs Bruder Mischa äußerte sich betroffen. "Da kann alles passieren, aber so etwas ist einfach nur unverdient", sagte der 34-Jährige als Experte beim Sender Eurosport. "Wenn du so verletzt bist wie Sascha jetzt, wird dir für eine gewisse Zeit ein Stück deines Lebens genommen, weil du nicht laufen, nicht auf den Tennisplatz gehen kannst." Sogar vom derzeit im Gefängnis sitzenden Boris Becker hat Zverev aufmunternde Worte erhalten. "Boris hat gesagt, er hat das Turniergeschehen verfolgt und wünscht Sascha alles Gute und eine schnelle und gute Genesung", sagte Bruder Mischa.

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