Zverev-Aus bei den US Open:Bezwungen vom Wolf Djokovic

Zverev-Aus bei den US Open: Das tut so weh! Alexander Zverev leidet, weil Novak Djokovic noch besser spielt als er selbst.

Das tut so weh! Alexander Zverev leidet, weil Novak Djokovic noch besser spielt als er selbst.

(Foto: Elise Amendola/AP)

Alexander Zverev gewinnt gegen den Favoriten im Halbfinale zwei Sätze - aber nicht mehr. Der Serbe, der am Sonntag gegen Daniil Medwedew den Grand Slam komplettieren kann, begibt sich während der Partie an einen Ort, an dem ihn niemand erreichen kann.

Von Jürgen Schmieder, New York

Es war überhaupt noch nichts passiert zu Beginn des fünften Satzes, und doch lag da ein Geruch über dem Tennisplatz im Arthur Ashe Stadium. Novak Djokovic, der sich bekanntermaßen gerne mit einem Wolf vergleicht, erschnuppert so was, und er zeigt das seinem Gegner. Alexander Zverev hatte beim Stand von 15:15 nur seinen ersten Aufschlag versemmelt, da rückte Djokovic zwei Meter weiter nach vorne, als er das vorher getan hatte; und plötzlich rochen es auch Zverev und die Leute in den ersten Reihen: Jetzt wird was passieren, und es passierte auch was. Doppelfehler Zverev, Leichter Fehler nach einem 125-km/h-Aufschlagschubser, Passierschlag Djokovic nach 30-Schlag-Ballwechsel.

"Dieses Break, das war einfach unfassbar unglücklich, aber das passiert nun mal", sagte Zverev danach: "Es waren zwei durchschnittliche Aufschlagspiele zu Beginn des Fünften, aber der merkt das. Er spielt immer dann sein bestes Tennis, wenn er es sollte, das tun die Wenigsten. Deshalb ist er der Beste, und deshalb fühlt es sich jetzt für mich so an, als würde einen die Frau verlassen, die man seit Jahren liebt."

Es waren zweieinhalb Minuten in einem Dreieinhalb-Stunden-Match, aber es war nun mal das Break im entscheidenden fünften Satz, und allein die Körperhaltung von Zverev dürfte beim Wolf Djokovic für neue Witterung gesorgt haben. Der Hamburger ließ die Schultern hängen, blickte verzweifelt zu seinen Begleitern, der Blick sagte: Das kann es doch nicht geben! Ich habe gerade den vierten Satz gewonnen, ich sollte der sein mit Selbstbewusstsein und feinem Geruchssinn für die Nervosität des Gegners - und der da drüben macht das Break? Das! Kann! Es! Doch! Nicht! Geben!

Doch, das gibt es, weil Djokovic es erschnuppert, wenn der Gegner Angst hat - oder sich nach Gewinn eines Satz ein ganz klein wenig zu wohl fühlt. Das sind die Momente, die ihn zum erfolgreichsten Spieler der Geschichte machen, er kann ja als Erster seit Rod Laver 1969 den Grand Slam komplettieren und alle vier großen Turniere des Jahres gewinnen. Nicht, weil er der Fitteste ist (das ist er) oder der derzeit spielerisch-taktisch Beste (ist er auch), sondern weil er den mentalen Aspekt dieser Sportart ertüftelt hat wie wohl niemand vor ihm, und diese hochklassige Partie war ein Symbol dafür.

"Es ist ein Wirbelsturm der Emotionen"

"Ihr wollt nicht wissen, was in so manchen Momenten durch meinen Kopf geht, es ist ein Wirbelsturm der Emotionen, und man ist allein auf dem Platz. Es gibt keinen Entkommen, man muss da durch", sagte Djokovic danach: "Es gibt keinen Zaubertrank, keine Geheimformel. Man braucht eine Balance aus Körper und Geist, und ich arbeite seit Jahren intensiv daran."

Djokovic nutzt den ersten Durchgang häufig, sich einzugrooven in eine Partie und taktische Kniffe zu probieren wie Slice-Aufschlag nach außen, waghalsige Stoppbälle oder halbherzig vorbereitete Angriffe ans Netz. Er justiert dabei die eigenen Schläge, prüft aber auch: Wo reagiert der Gegner? Wo steht er? Wie setzt er Ballwechsel fort? Im ersten Satz gegen Zverev zum Beispiel, als es laut wurde im Arthur Ashe Stadium: Slice-Aufschlag, Stopp - den Zverev erlief und die Leute mit zwei unfassbaren Schlägen begeisterte. Nur drei Ballwechsel später: wieder so ein Stopp, diesmal jedoch unerreichbar für Zverev.

Das ist die große Stärke von Djokovic, und sie wird bei Partien über drei Gewinnsätze umso sichtbarer: Natürlich will er den ersten Satz gewinnen, kein Sportler verliert absichtlich; es macht ihm nur nicht so viel aus, wenn er ihn verliert - weil er weiß, dass die Partie nicht beim nächsten Break gegen sich schon gelaufen sein könnte wie im Olympia-Halbfinale ("Eine kurze Phase, und schon ist es vorbei"), sondern noch bis zu vier Sätze länger dauern könnte. "Fünf Sätze, fünf Stunden, kein Problem", sagte Djokovic vor dem Halbfinale: "Je schwerer die Herausforderung, desto größer der Ruhm."

Er sieht das wirklich so und redet es sich nicht nur ein, und man muss kein Zverev-Fan sein, damit man sieht, wie einen das verzweifeln lässt. Djokovic ist der Mount Everest in diesem Sport, und der sagt im Laufe einer Partie: Ach, fügen wir im zweiten Satz noch die Eiger-Nordwand hinzu und im dritten dann die Lawinen des Annapurna - und wenn es ganz eng wird, dann wird er eben zu Khawa Karpo; den heiligen Berg in Tibet hat bis heute offiziell niemand bestiegen.

Zverev spielte wirklich nicht schlecht, er war drin in dieser Partie und dran an Djokovic; aber er musste einsehen, dass ein Olympia-Halbfinale, bei aller Bedeutung, im Vergleich zu einer Best-of-Five-Grand-Slam-Partie doch eher die Zugspitze ist. In Tokio war er eineinhalb Sätze lang herausragend, und das reichte - nun war er zweieinhalb Sätze lang (im ersten und vierten und den halben dritten) formidabel, und es reichte dennoch nicht. Weil er gegen Djokovic spielte. Nach der Partie sagte Zverev innerhalb von fünf Minuten insgesamt mehr als zehn Mal: "Er ist nun mal der Beste."

Noch ein Beispiel: das entscheidende Break im dritten Satz. Djokovic verwickelte Zverev in lange und sehr lange Ballwechsel (18, 21 und 32 Schläge), und er verwickelte ihn in diesen einen Punkt nahe der Marathon-Distanz, und nun wird es interessant: Zverev gewann die 53-Schlag-Rally zwar mit einem mutigen Treibschlag, doch stand er danach völlig erschöpft an der Grundlinie - während Djokovic gelassen auf die andere Seite ging für den nächsten Satzball. 16 Schläge, ein Smash zum Abschluss, Punkt und Satz Djokovic; es war das Symbol für den Twitter-Satz von 2013-Sieger Andy Roddick, der 2003 in New York triumphiert hatte: "Erst nimmt er dir die Beine, und dann klaut er deine Seele."

Der Wolf läuft durch den Schnee, hinauf auf den Gipfel des Khawa Karpo. Er weiß, dass er, so lange er dort verweilt, von niemandem gestört werden kann - noch nicht einmal, und es ist wichtig, das so klar zu sagen, von Zverev, der ihm spielerisch mittlerweile auf Augenhöhe begegnet. Aber: Nicht einmal Rafael Nadal konnte ihn in diesem Jahr bei einem Best-of-5-Spiel erreichen, nicht einmal bei den French Open, nicht einmal auf seinem Lieblingsbelag Sand.

Der ist schon wieder oben auf dem Berg

Ja, Djokovic ist wirklich so gut, wie sich das nun liest. Wenn Lionel Messi in seinem Element ist, dann schießt er ein Tor - egal, wer gegen ihn verteidigt. Wenn Michael Phelps bei Olympia seinen Wohlfühl-Zustand erreichte, war völlig egal, wer noch im Becken schwamm. Für die Turnerin Simone Biles reichte die Skala der Noten nicht mehr.

Besiegen kann man Djokovic nur, wenn man ihn möglichst lange am Aufstieg hindert (also den ersten Satz gewinnt, wie es Zverev getan hat), während seiner Stärkephasen nicht verzweifelt oder ihm sogar hilft (das erste Break des zweiten Durchgangs schaffte Djokovic über einen Doppelfehler von Zverev) - und ihn irgendwann aus dem Element holt, mit überraschenden Schlägen oder einem Wechsel der Taktik. Das gelang Zverev im fünften Satz nicht, und deshalb ahnte er in diesem Moment im fünften Satz, als eigentlich nichts passiert war: Der ist schon wieder oben auf dem Berg.

Djokovic befindet sich derzeit an einem Ort, an dem ihn niemand erreichen kann; das weiß auch sein Gegner im Finale. Daniil Medwedew, der bislang nur einen Satz verloren hat bei diesen US Open, saß nach seinem Halbfinale (6:4, 7:5, 6:2 gegen den Kanadier Felix Auger-Aliassime) schelmisch grinsend da; er ist ja wie Djokovic ein mentaler Tüftler, und er sagte: "Prima, dass die nach mir spielen; da muss ich nichts zum möglichen Gegner sagen." Was auch immer Medwedew gesagt hätte; Djokovic hätte es nicht gehört, sondern gerochen.

© SZ/jael/mp
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